70 Jahre Baden-Württemberg Was uns der Bollenhut heute sagt
Vor 70 Jahren wurde das Land Baden-Württemberg gegründet. Bis heute es lebt aus der Vielheit, nicht aus der Einheit. Auch der Bollenhut steht nur für einen Teil eines Teils.
Vor 70 Jahren wurde das Land Baden-Württemberg gegründet. Bis heute es lebt aus der Vielheit, nicht aus der Einheit. Auch der Bollenhut steht nur für einen Teil eines Teils.
Heimat, sagt Gebhard Müller in der sehenswerten TV-Produktion „Baden gegen Württemberg“, braucht keine Grenzen. Das ist ein schönes Wort jenes CDU-Politikers, der 1953 nach dem Rücktritt Reinhold Maiers zum zweiten Ministerpräsident des vereinten Bundeslands avancierte. Doch schon bei der Frage, was Heimat überhaupt ist, beginnen die Schwierigkeiten. Denn der Begriff Heimat ist ein Konstrukt – ein Amalgam von historischen Zufällen und subjektiven Empfindungen. Der siebzigste Jahrestag der Gründung des Südweststaats Baden-Württemberg am 25. April 1952 lädt dazu ein, darüber nachzudenken.
Das Haus der Geschichte in Stuttgart zeigt in einer Vitrine einen Bollenhut mit roten Bommeln für die unverheiratete Frau, wie ihn das frühe Nachkriegsdeutschland in dem 1950 gedrehten filmischen Schmachtfetzen „Das Schwarzwaldmädel“ kennenlernte. Der Erfolg dieses Heimatfilms mit den beiden Hauptdarstellern Sonja Ziemann als „Bärbele“ und Rudolf Prack als „Hans“, so formulieren es die Ausstellungsmacher des Hauses der Geschichte, „beruhte auf der Wirkung des Schwarzwaldes als perfekter Idylle“. Kein Klischee sei dafür ausgelassen worden. „Die Einheimischen sind zwar rauflustig, aber letztlich ehrlich und herzlich, die bunten Trachten allgegenwärtig, und die Landschaft wirkt prachtvoll.“
Der Bollenhut in der Museumsvitrine hatte seinen Auftritt einige Jahre später. Der neue Südweststaat war bereits – gegen heftigen (süd-)badischen Widerstand gegründet worden. Das in Gutach gefertigte Prachtstück gehörte der im vergangenen Jahr verstorbenen Anneliese Schuhholz. Ein Foto zeigt sie in Gutachter Tracht, wie sie 1955 auf dem Echterdinger Flughafen in eine Maschine steigt, die nach Amerika abgeht. Am Fuß der Gangway reicht ihr Ministerpräsident Müller zum Abschied die Hand, neben ihr steht der Humorist Werner Veidt.
Das unschuldige Foto löste damals in Baden einen Eklat aus. Denn Anneliese Schuhholz reiste in offizieller Mission. Die Pressereferentin des württembergischen Tourismusverbands sollte bei den Schwabenvereinen in den Vereinigten Staaten für das Urlaubsland Baden-Württemberg und den Besuch der Landesausstellung in Stuttgart werben. Die badische „Bauern-Zeitung“ wetterte gegen den Trachtenmissbrauch durch eine „Stuttgarter Großstadtdame“. Kulturgut verkomme zum Marketing-Gag, lautete die Klage. Sogar die Basler „National-Zeitung“ fühlte sich zu einem Kommentar berufen: „Man schmückt sich in Stuttgart nicht nur in fremden Federn, sondern auch mit fremden Bollenhüten, um die gelungene Heirat mit den Badenern zu demonstrieren.“
Wieder einmal mussten die braven Badener also einen bösen Streich, eine frevlerische Missetat der elenden Schwaben erdulden. Sabrina Müller vom Haus der Geschichte beschreibt den Proteststurm als Akt der Auflehnung gegen den aus südbadischer Sicht illegitimen Südweststaat. Diese „Zwangsheirat“, dieser „Anschluss“ Badens an das größere Württemberg habe offene Wunden zurückgelassen. Badener, die vor einem Südweststaat gewarnt hatten, fühlten sich in ihrem Argwohn bestätigt: Schwäbische Imperialisten entleeren badische Symbole – das war der Vorwurf. Erfüllt ist der Tatbestand der kulturellen Ausbeutung. Die Strafe: ewige Verachtung, bis dereinst die Fluren des sich senkenden Oberrheingrabens von den eindringenden Nordseefluten verschlungen sein werden.
Für die meisten Bewohner Baden-Württembergs spielen diese Animositäten heute keine Rolle mehr. Ein großer Teil der elf Millionen Einwohner zog ohnehin erst später zu – erst die Heimatvertriebenen, dann die Generation der „Gastarbeiter“ und Menschen, die vor Krieg und Perspektivlosigkeit flüchteten. Interessant bleibt die Geschichte des Bollenhuts der Anneliese Schuhholz dennoch. Denn solange die Menschen existieren, wird sie die Frage begleiten, wer sie sind – und wer sie sein wollen.
Das gilt umso mehr in einer Welt, in der Identitätsmerkmale übernommen, zitiert und wieder ausgetauscht werden. Neulich verhängte in Hannover die örtliche Gruppe der Klimabewegung Fridays for Future ein Auftrittsverbot gegen die Musikerin Ronja Maltzahn, weil der Auftritt einer weißen Person mit Dreadlocks nicht geduldet werden könne. Es handle sich um eine unstatthafte „kulturelle Aneignung“ eines Symbols der schwarzen Bürgerrechtsbewegung; gerade bei einem globalen Klimastreik wolle man ein antikolonialistisches und antirassistisches Narrativ setzen. Dreadlocks darf dieser Lesart nach nur tragen, wer unterdrückt ist und nicht weiß.
Auch der Bollenhut, darauf macht die Historikerin Sabrina Müller aufmerksam, ist ein Phänomen kultureller Aneignung. Denn seine Vorformen sind, so Müller, in der Frühen Neuzeit als Strohhüte aus Italien und Frankreich in den Schwarzwald gelangt. Dort entwickelte sich der Bollenhut in den drei Dörfern Gutach, Kirnbach und Reichenbach, die auch noch – horribile dictu – bis 1810 zum Herzogtum Württemberg gehörten und seit der Reformation evangelisch geprägt waren. Dennoch brachte es der Kopfschmuck zum Symbol für Baden.
Doch auch Baden für sich genommen ist eine Synthese unterschiedlicher Prägungen: Südbaden, Karlsruhe oder die Kurpfalz pflegen eigene Traditionen. Ohnehin gilt: Wer dem deutschen Südwesten auf die Spur kommen will, muss kleinräumig denken. Das liegt daran, dass sich nach dem Zerfall der Staufermacht im Mittelalter keine starke Zentralmacht festigen konnte. Der Südosten des Landes etwa zeigt sich geprägt von freien Reichstädten, die von den vorderösterreichischen Landen umgeben waren. Erst im Zuge der napoleonischen Umwälzungen gelangte Oberschwaben an Württemberg. Der lange Atem der Geschichte ist bis heute spürbar. Szenenwechsel nach Leutkirch im württembergischen Allgäu. Die Nagelfluhkette mit dem Hochgrat und dem Rindalphorn begrenzt dort den Blick nach Süden. Zwar währt es fast eine Stunde, bis tatsächlich ein Wanderparkplatz in den Alpen erreicht ist, doch das Herz der Leutkircher schlägt bergwärts. Wer auf der Bundesstraße aus Leutkirch in Richtung Isny fährt, passiert einen Kreisverkehr mit sechs Fahnenmasten in der Mitte. Lustig wehen die Flaggen im frischen, nach Milchviehmist duftenden Voralpenwind. Eine italienische und eine französische Fahne grüßen die Partnerstädte in der Ferne. Schwarz-Rot-Gold ist dabei wie auch das sternengeschmückte Europablau. Dazu kommt die Stadtfahne sowie eine blaue Fahne, auf der „Allgäu“ steht. Auf Wunsch von Bürgern ist, wie das Rathaus vermeldet, aktuell eine Regenbogenfahne gehisst.
Die Landesfahne wünscht offenkundig niemand zu sehen. Das Rathaus beteuert, die Flaggen im Kreisverkehr dienten „in erster Linie Dekorationszwecken“, man wolle die Bürger und Gäste, die in die Stadt kommen, freundlich und bunt willkommen heißen. Auf Nachfrage heißt es, eine Flagge des Landes „wäre sicherlich denkbar“. Denkbar? In Bayern, wo neben jedem Kuhstall die blau-weiße Raute gehisst wird, sähe sich ein Oberbürgermeister vermutlich nach München einbestellt, um sich von einem Unterreferatsleiter im Heimatministerium mitteilen zu lassen, dass er als Strafe für mangelnden Patriotismus für den Rest seiner Amtszeit mit keinen weiteren Zuschüssen aus der Staatskasse rechnen könne. Wobei man wissen muss, dass die nicht zweckgebundene Grundfinanzierung der Kommunen in Baden-Württemberg deutlich höher ist als in Bayern, wo die Bürgermeister bei der Staatsregierung ständig um Geld betteln müssen.
So zerfließt die Heimat einerseits in der postmodernen Beliebigkeit, andererseits lebt sie im Bedürfnis nach Zugehörigkeit auf. Im Allgäu tragen die jungen Leute wieder Trachten, um in der Differenz zur Fremde die eigene Identität zu suchen. In Stuttgart rennen sie im Dirndl und in Lederhosen auf den Wasen, um im modischen Zitat ihren Spaß zu haben. Beide Haltungen sind sentimentalisch, also von der Sehnsucht nach etwas wirklich oder vermeintlich Verlorenem gespeist. Heimat verleiht Identität. Doch würde im alten Baden heute niemand mehr leben wollen – genauso wenig im alten Württemberg: in der Enge des Denkens, Glaubens und Strebens. Heimat schließt ein, und Heimat schließt aus. Was Heimat gefährdet, sind nicht die politischen Grenzen, es sind die geistigen Grenzen.