InterviewBriefmarken Briefmarken-Sammeln – das Hobby lebt

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Vor 70 Jahren kam der erste Briefmarken-Jahrgang der Deutschen Post auf den Markt. Ist die Jagd nach Briefmarken heute nur noch etwas für Ältere? Ein Gespräch mit einem passionierten Sammler über ein faszinierendes Hobby.

Briefmarken mit der Aufschrift „Stadt Berlin“ und dem Stempel „Sowjetische Besatzungszone“  aus dem Jahr 1949 werden bei einer Briefmarkenausstellung in Sachsen-Anhaltgezeigt. Foto: Jens Wolf/dpa 18 Bilder
Briefmarken mit der Aufschrift „Stadt Berlin“ und dem Stempel „Sowjetische Besatzungszone“ aus dem Jahr 1949 werden bei einer Briefmarkenausstellung in Sachsen-Anhaltgezeigt. Foto: Jens Wolf/dpa

Bonn/Stuttgart - Briefmarken-sammeln hat ein angestaubtes Image. Die Zahl der Philetalisten in Deutschland schätzen Kenner der Szene auf ein bis zwei Millionen, rund 30 000 von ihnen sind in gut 900 Vereinen der zwölf Landesverbände des Bundes Deutscher Philatelisten (BDPh) organisiert.

Steil aufragende Dachbalken: Die ersten beiden Briefmarken der Bundesrepublik zeigen zur Eröffnung des Bundestags ein Richtfest. Erschienen sind sie vor 70 Jahren, am 7. September 1949. Seitdem haben in Deutschland Hunderttausende Sammler Millionen Briefmarken aufbewahrt. Heute ein angestaubtes oder sogar aussterbendes Hobby?

„Es kommt darauf an, ob man Spaß am Sammeln hat“

Wir sprachen Reinhard Küchler, passionierter Briefmarkensammler und Geschäftsführer des Bundes Deutscher Philatelisten, über die Faszination des Sammelns von Postwertzeichen und die Zukunft der Philatelie – der Briefmarkenkunde.

Herr Küchler, läutet das Sterbeglöcklein für die Philatelie?

Nein, die Philatelie lebt. Dem Sammeln sind heute keine thematischen Grenzen gesetzt. Man kann aus dem privaten und dienstlichen Posteingang sammeln. Man kann bei Ebay und bei Händlern kaufen. Das Briefmarken-Sammeln wird es aus meiner Sicht immer geben. Es kommt nur darauf an, ob man Spaß daran hat.

Briefmarken sind unter den Sammelobjekten immer noch etwas Besonderes, weil sie eine besondere Form der Kommunikation und des Lernens ermöglichen. So kann ich etwas über Geografie, Menschen, Flora und Fauna lernen, indem ich mich mit Briefmarken beschäftige. Wenn ich dann noch einen Brief an mich persönlich mit der Briefmarke eines exotischen Landes bekomme, ist das ganz toll.

Wenn Sie so einen Brief erhalten, schneiden Sie nur die Briefmarke aus oder archivieren Sie den kompletten Brief?

Um Gottes willen, den kompletten Brief. Vorne steht handschriftlich mein Name, der Absender hinten. Da kleben drei, vier Briefmarken drauf, der Stempel ist sogar noch lesbar – etwa ganz Wunderschönes. So ein Brief ist ein Unikat.

Die Kombination aus Brief, Briefmarke und Stempel macht folglich die Faszination aus.

Genau. Es ist für mich nicht nur die einzelne Briefmarke. Andere Philatelisten sammeln postfrische Briefmarken oder Ansichtskarten, die etwa von Stuttgart nach Amerika geschickt wurden. Sie können Ersttagsbriefe, Letzttagsbriefe oder Stempel von Postagenturen sammeln. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ob das einen Wert darstellt, von dem man sich einen Urlaub leisten kann, wage ich zu bezweifeln. Aber Philetalisten haben Spaß daran.

Wie viele Briefmarken-Sammler gibt es noch in Deutschland?

Schätzungsweise ein bis zwei Millionen. Aber es gibt keine seriösen Zahlen oder Umfragen. Der Bund Deutscher Philatelisten hat unter 30 000 Mitglieder in circa 900 Vereinen. Die Philatelisten-Vereine haben dieselben Probleme wie alle Vereine: Sie sprechen junge Leute nicht mehr so an.

Sind Briefmarken-Sammler besonders penible Menschen?

Penibel klingt zu negativ. Sie sollten akribisch sein und eine gewisse Ordnungsliebe besitzen.

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Und sind Philatelisten eher introvertiert oder kommunikativ?

Insbesondere Vereinsmitglieder sind eher kommunikative Leute. Es geht um Tauschen, darüber reden, Vorträge halten – etwa über den norddeutschen Postbezirk vor 150 Jahren. Sammler sind wissbegierig, haben Spaß an der Sache und wollen ihr Wissen weitergeben. Wir haben 150 Arbeitsgemeinschaften in unserem Verband. Es gibt unzählige Publikationen – auch digital – zur Philatelie, Mitteilungsblätter, Sonderdrucke, Bücher. Und es wird wahnsinnig viel geschrieben und veröffentlicht.

Das hört sich nicht so an, als ob die Briefmarkenkunde vom Aussterben bedroht sei.

Das ist sie auch nicht. Für die nächsten 50 Jahre mache ich mir da überhaupt keine Gedanken.

Wie entwickelt sich typischerweise eine philatelistische Leidenschaft?

Bei mir war es so, dass ich mit neun, zehn Jahren angefangen habe, Briefmarken zu sammeln. Dann kam die Phase, in der Fußball wichtiger wurde. Als ich nach dem Studium das erste eigene Geld verdiente, begann ich wieder mit dem Sammeln. Andere haben eine längere Pause, gründen erst eine Familie, bauen ein Haus und fangen dann mit 40, 50 wieder an.

Briefmarken sind häufig Kunstwerke in Miniaturformat. Macht das die Faszination aus?

Auch. Meine persönliche Faszination ist die Exotik. Ich interessierte mich schon in der Schule für Geografie und sammele seit langem Briefmarken aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien seit Ende der 1940er Jahre. Ich habe acht Alben und einen Haufen von noch nicht einsortierten Briefmarken und Belegen.

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Lohnt es sich heute noch in Briefmarken als Wertanlage zu investieren?

Wenn man sich gut auskennt und beispielsweise besondere Altdeutschland-Briefmarken hat, kann man damit auch Geld verdienen. Wenn ich mit meiner Angola-Sammlung losziehe, würde ich bei Auktionen nur ein müdes Lächeln ernten. Das hat keinen Handelswert und ist nur Hobby, welches beruhigt und entschleunigt. Wenn ich mal für drei Euro einen Brief aus Angola kaufen kann, freue ich mich wie ein Schneekönig.

Zur Person

Reinhard Küchler, Jahrgang 1960, ist gelernter Redakteur. Seit 2017 ist er Geschäftsführer des Bundes Deutscher Philatelisten e.V. in Bonn und Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Portugal und ehemalige Kolonien e.V..