Jimi Hendrix machte die Stratocaster zum kulturellen Erbe. Foto: imago /Everett Collection
Vor 70 Jahren geht die erste Stratocaster-Gitarre von Fender über die Ladentheke. Sie wird zum Sinnbild der E-Gitarre und des Rock’n’Roll. Von der Last, seit 1954 irgendwie perfekt zu sein – sogar wenn sie brennt.
Michael Setzer
26.04.2024 - 15:30 Uhr
„Es sei schon eigenartig“, bemerkte der Gitarrist Joe Bonamassa kürzlich. „Man stelle sich vor, man wäre der Chef eines Automobilkonzerns und das Kerngeschäft bestehe daraus, Fahrzeuge herzustellen, die exakt wie das eine Auto aussehen, das du 1950 gebaut hast. Kein Navi, bitte, keinen Elektromotor. Das wollen die Kunden nicht.“ Aber die von Leo Fender erfundene Stratocaster-Gitarre war eben bereits vor 70 Jahren perfekt.
Gitarrist ist er keiner. Clarence Leonidas Fender bevorzugt das Saxofon. Doch die wahre Leidenschaft des Kaliforniers gilt der Elektronik. Und da erweist sich Fender als echter Fummler. Als 29-Jähriger gründet er 1938 mit einem Startkapital von 600 Dollar das Elektrogeschäft Fender Radio Service im kalifornischen Fullerton. Er repariert elektronische Geräte wie Radios, Plattenspieler, Gitarrenverstärker und Tonabnehmersysteme bei Gitarren und vermietet selbst gefertigte Lautsprechersysteme an Musiker.
Finde den Fehler
Weil das Geschäft floriert, gründet er zusammen mit Clayton Orr Kauffman die K&F Manufacturing Corporation – neben Reparaturarbeiten stellen sie in Kleinauflage erste Gitarrenverstärker und Lapsteel-Gitarren her und experimentieren mit Tonabnehmern für elektrisch verstärkte Gitarren. Fender nutzt die Schwachstellen gängiger Fabrikate, um seine Produkte zu verbessern. Schließlich besteht sein Tagesgeschäft daraus, Geräte wiederherzustellen.
Leo Fender Foto: Fender
Doch Fender will mehr und gründet 1946 die Fender Electrical Instrument Company – weniger Reparaturen, lieber im großen Stil Instrumente herstellen. Erste Modelle wie die Broadcaster, die später in Telecaster (1950) umbenannte E-Gitarre, die als erste in Massenfertigung produzierte Gitarre mit Massivkorpus gilt, verkaufen sich gut. Dazu kommt 1951 die Precision-Bassgitarre – besser zu transportieren als ein Kontrabass.
Ein guter Zuhörer
Man sagt, Leo konnte gut zuhören. Nicht nur bei Musik, sondern auch wenn Musiker redeten. Und die geben sich bei ihm die Klinke in die Hand. Einer davon ist Bill Carson. Der spielt erfolgreich Western Swing, besitzt eine Fender Telecaster und tritt munter mit Verbesserungsvorschlägen an Fender heran: Eine Aussparung zwischen Korpus und Hals würde beispielsweise die unteren Bünde leichter bespielbar machen.
Obendrein waren Gitarren wie die Telecaster ursprünglich robuste Holzklötze mit Ecken und Kanten. Wer sie über längere Zeit bespielt, holt sich Druckstellen oder reibt sich die Unterarme auf. Carson träumt von einer Gitarre mit leichten Konturen, die sich dem Körper anpasst wie ein T-Shirt.
Leo Fender hört sich die Wünsche geduldig an und macht Carson zum Testpiloten für sein nächstes Modell, an dem er mit seinen Partnern George Fullerton und Freddie Tavares arbeitet: die Stratocaster. Im Design lässt er sich von zeitgenössischen Autos inspirieren.
Als dieses Meisterstück in Form, Funktion, Design und Klang 1954 verkaufsreif ist – passiert erst mal gar nichts. Ungefähr 700 Stratocaster-Gitarren verkauft Fender in den ersten zwei Jahren, in der gleichen Zeitspanne gehen 1000 Exemplare der „alten“ Telecaster an die Kunden.
Erst als Buddy Holly & The Crickets im Dezember 1957 in der „Ed Sullivan Show“ im Fernsehen „Peggy Sue“ spielen und Holly dabei eine Stratocaster trägt, zieht der Verkauf an. Ebenso entdeckt der populäre Surf-Gitarrist Dick Dale die klanglichen Vorzüge der Stratocaster und Bluesmeister Buddy Guy freut sich, dass seine Töne nun laut und glockenklar hörbar sind.
In den frühen 60ern kommt die Gitarre nach Europa in die Hände von Hank Marvin, Gitarrist von Cliff Richard, und als Bob Dylan beim Newport-Festival 1965 die Folk-Gemeinde mit einer E-Gitarre vor den Kopf stößt, war das eine Stratocaster.
Doch zur Ikone wird die Gitarre erst durch Jimi Hendrix. Denn der fordert dem Instrument Dinge ab, die keiner zuvor mit ihr gemacht hat. Abgesehen davon, dass er mal eine auf der Bühne in Brand steckt, vermengt Hendrix die klangliche Brillanz des Instruments mit seiner Virtuosität und unerhörtem Schmutz.
Die Stratocaster klingt bei ihm zart, seidig oder wie eine Liveschalte ins Kriegsgebiet – aber immer gestochen scharf. Hendrix wiederum entscheidet sich damals für diese Gitarre, weil er den Rhythm-and-Blues-Gitarristen Curtis Mayfield darauf spielen hört. Mit Hendrix entwickelt die Stratocaster ihre Eigendynamik quer durch alle Genres populärer Musik. Und so erweist sich Hendrix nicht nur musikalisch als einflussreich, sondern auch sein Werkzeug.
Werkzeug für Profis
Die „Strat“ wird zum Statement – sei es durch den Klang, die Funktionalität oder eben die bis heute unzählige Male kopierte Form. Jeff Lynne von Electric Light Orchestra sagt, sie sei ein Kunstwerk, „besser als jedes Gemälde“. Die Country-Gitarristin Bonnie Raitt vergleicht sie mit einem Menschen, bei dem alles passt, und Keith Richards von den Rolling Stones meint, sie sei kein Spielzeug, sondern das Werkzeug der Profis. Instrumenten von Leo Fender wird heute noch nachgesagt, sie würden ihrem Besitzer nichts verzeihen.
Eine Fender, und besonders eine Stratocaster, das ist was für Leute, die gehört werden wollen – Eric Clapton, Jeff Beck, Stevie Ray Vaughan, Mark Knopfler (Dire Straits), David Gilmour (Pink Floyd), Deep Purples Ritchie Blackmore oder der Heavy-Metal-Paganini Yngwie J. Malmsteen führen die Legende der Gitarre und die Kunst, sie zu spielen, über Dekaden fort und Popstars wie Simon Neil von der schottischen Band Biffy Clyro übernehmen für die nächste Generation. Die Stars und Moden kommen und gehen, die Stratocaster bleibt – mit nur geringfügigen Veränderungen seit 1954.
Plötzlich retro
Als Fender 1965 sein Unternehmen für 13 Millionen Dollar an Columbia Broadcasting Service (CBS) verkauft, erfindet er versehentlich auch noch den ersten Retro-Boom der Branche. Durch die Massenproduktion leidet die Qualität der Gitarre ein bisschen – sagen audiophile Musiker.
Wer etwas auf sich hält, sucht seither also nach Modellen, die vor 1965 gefertigt wurden. Ein Jahr nach seinem Tod wird Leo Fender 1992 in die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen. Seine Gitarre war längst dort. Perfekt seit 70 Jahren.