75 Jahre ist es her, dass die Rote Armee die wenigen Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz befreite und dass die Welt in einem heillosen Schrecken erstarrte: darüber, dass andere Menschen – die Deutschen – in der Lage waren, ein System der industriellen Menschenvernichtung zu organisieren. Und dass eine ganze Nation, bestehend aus vielen einzelnen Menschen, mitmachte bei der Ausgrenzung, deren Konsequenz das Massenmorden war.
Warum ist Erinnern so wichtig?
In den kommenden Jahren werden die letzten Menschen sterben, die dieses Grauen überlebt haben und die ihre Geschichte erzählen können. Es werden Menschen geboren, für die der Nationalsozialismus staubige Geschichte ist. Auf Zeitzeugen ruht eine so große Hoffnung, Empathie zu erzeugen, dass es scheint, man wolle ihnen sogar das Sterben verbieten, indem man digitale Avatare konstruiert. Gleichzeitig schrumpft das Wissen über den Holocaust bei Jugendlichen.
Warum also ist Erinnern so wichtig? Wobei kann es uns helfen? Das Grauen schrumpft nicht durch die Dauer der Zeit. Aber in der rituellen Erstarrung, in Parolen wie „Nie wieder Auschwitz“ liegt auch ein Risiko, dass sich Menschen gelangweilt abwenden und glauben, dieses Grauen könne sich nie wiederholen.
Dabei ist es heute entscheidender denn je, dass wir aus dem Erinnern an damals konkrete Erkenntnisse ziehen, dass wir Wissen vermitteln – das kann wirksamer sein als jede tief empfundene Empathie mit einer todtraurigen Geschichte.
Der Einzelne zählt in seinem Tun und Lassen
Denn eine Demokratie, die erkennen will, wann sie gefährdet wird, muss die Strukturen erkennen, die zu dieser Gefährdung führen. Und der Einzelne muss sich darüber klar werden, dass er in seinem Tun und Lassen Teil dieser Strukturen ist, so wie es die Menschen in der Vergangenheit waren. Es wird bei diesem Erkennen nichts helfen, wieder und wieder Schwarz-Weiß-Bilder von dem Mann mit dem Schnurrbart zu betrachten. Er ist tot.
Wichtig ist, die demokratiegefährdende, klimatische Veränderung zu beobachten, zu benennen und zu bekämpfen, die wir erleben: Da sind Horrortaten wie der erste rechtsextrem motivierte Mord an einem Politiker der Bundesrepublik und der versuchte Massenmord in einer Synagoge. Zeitgleich spitzt sich ein Klima der Bedrohung gegen Menschen zu, die sich zivilgesellschaftlich engagieren. Der rechte politische Rand und als Teil von ihm die im Parlament vertretene AfD schaffen es, Emotionen zu schüren, Menschengruppen pauschal auszugrenzen und so die Würde des Einzelnen zu untergraben.
Saul Friedländer, Überlebender des Holocausts, sagte vor einem Jahr, Antisemitismus sei nur eine der Geißeln, von denen zurzeit eine Nation nach der anderen schleichend befallen werde. Er nannte beim Namen, welche Entwicklung er beobachtet: Fremdenhass, die Verlockung autoritärer Systeme und sich verschärfenden Nationalismus. Der Mann, den die Nazis zur Waise machten, hofft auf die Erkenntnisse, welche die Deutschen aus der Erinnerung gezogen haben. Er setzt nicht auf von Schuld gebeugte Häupter, sondern auf wehrhafte Demokraten.