75 Jahre in Esslingen Viele Erfolge, große Herausforderungen: Musikschule feiert

Im Blarer-Gemeindehaus probten Musikschüler und -lehrer fürs große Festkonzert am Samstag im Neckar Forum Foto: Roberto Bulgrin

Esslingens städtische Musikschule hat in ihrer 75-jährigen Geschichten viele Herausforderungen gemeistert. Was sie zu leisten vermag, zeigt sie mit einem Festkonzert.

Politiker jeglicher Couleur werden nicht müde, die Bedeutung von Musikschulen zu unterstreichen. „Wer in der Erziehung der Kinder und Jugendlichen die musische Erziehung vernachlässigt, muss sich nicht wundern, wenn kaltherzige, brutale Charaktere dabei herauskommen“, befand etwa der frühere Bundesinnenminister Otto Schily. In Esslingen hat man früh erkannt, wie wichtig musische Bildung ist: 1950 wurde die Vorläuferin der heutigen städtischen Musikschule gegründet, die damals mit 32 Lernenden an den Start ging und die sich heute rühmen darf, die älteste als Singschule gegründete Musikschule in Württemberg zu sein. 75 Jahre später bietet die Einrichtung etwa 2200 Schülerinnen und Schülern modernen Unterricht in den unterschiedlichen Sparten der Musik, und sie setzt kulturell Akzente in der Stadt.

 

„Als vor 75 Jahren in Esslingen eine Singschule gegründet wurde, war dies eine wahrhafte Pionierleistung“, lobt der heutige Musikschulleiter Jochen Volle. Paul Mäder hatte die Schule damals aus der Taufe gehoben, fünf Jahre später übernahm Paul Schwob die Leitung. Als die Stadt Esslingen die Schule 1973 in kommunale Trägerschaft nahm, zählte sie bereits 1460 Schülerinnen und Schüler.

„Geduldige und zielstrebige Aufbauarbeit“

Das Unterrichtsangebot wird stetig erweitert. Foto: Roberto Bulgrin

Heidi Fredersdorf übernahm 1974 die Leitung, 1978 folgte ihr Wolfgang Engels. Seit 1995 hat Jochen Volle im Haus am Blarerplatz das Sagen. Und er resümiert: „Stetig wurde das Unterrichtsangebot erweitert, neue Unterrichtsformen wurden entwickelt, vielfältige Ensembles wurden gegründet, neue Lehrkräfte wurden eingestellt. Viele Angebote, die heute selbstverständlich erscheinen, sind das Ergebnis einer geduldigen und zielstrebigen Aufbauarbeit.“

Volle verhehlt nicht, dass die städtische Musikschule immer wieder auch schwierige kulturpolitische Herausforderungen zu bestehen hatte. Anfang der 90er-Jahre gab es sogar Zeiten, in denen die Existenz der Einrichtung generell in Frage gestellt wurde. Die Generalsanierung des Musikschulgebäudes am Blarerplatz im Jahr 2005 gilt als wichtiges Bekenntnis zur Zukunft der Schule – neben neuen Unterrichts- und Veranstaltungsräumen gewann die Schule vor allem atmosphärisch. Heute präsentiert sich das historische Gebäude hell und freundlich. Eine Schließung der städtischen Musikschule ist schon lange kein Thema mehr. Doch die angespannte Kassenlage der Stadt verlangt Volle und seinem knapp 60-köpfigen Kollegium auch finanzielle Opfer ab.

Esslinger Erfolge in der Spitzenförderung

Esslingens städtische Musikschule hat viel dafür getan, pädagogisch und strukturell stets auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Jochen Volle gibt die Anerkennung gern an sein „engagiertes und qualifiziertes Lehrerkollegium“ weiter, dem er unermüdlichen Einsatz bescheinigt. Die Früchte dieser Arbeit zeigen sich übers Jahr in zahlreichen ambitionierten Projekten, in öffentlichen Veranstaltungen – und in bemerkenswerten Erfolgen von Schülerinnen und Schülern beim Wettbewerb „Jugend musiziert“. Zur Spitzenförderung gehört auch eine zertifizierte studienvorbereitende Ausbildung, die besonders talentierten jungen Musikerinnen und Musikern den Einstieg in eine hoch qualifizierte musikalische Ausbildung erleichtert.

So wichtig wie die Spitzenförderung ist die Breitenförderung – frei nach dem hauseigenen Motto: „Es gibt keine unmusikalischen Menschen. Umso wichtiger ist es, die in jedem verborgene Musikalität zu entdecken und zu fördern.“ Unzähligen Anfängern wurde ein Zugang in die Welt der Musik geebnet. Im Elementarbereich werden Grundlagen gelegt, in den Fachbereichen für Blockflöten, Blasinstrumente, Schlagwerk, Gesang, Streichinstrumente, Tasteninstrumente und Zupfinstrumente machen sich Musikschüler im Einzel- und im Gruppenunterricht mit den Instrumenten ihrer Wahl vertraut. Kooperationen mit örtlichen Schulen und Vereinen bauen zudem Brücken in die Stadtgesellschaft.

Ein eigens gegründeter Förderverein unterstützt diese Arbeit. Weil es noch mehr Freude bereitet, gemeinsam mit anderen Musik zu machen, lädt die städtische Musikschule zur Mitwirkung in unterschiedlichsten Ensembles wie die „Streich-Hölzer“, die „Streicheleinheiten“, „Big Bandit“, die „Accordionados“ oder die Groovin’ High Big Band ein, die sich in schöner Regelmäßigkeit in öffentlichen Auftritten präsentieren – nicht zuletzt in den Esslinger Partnerstädten.

„Starke Präsenz in der Esslinger Stadtgesellschaft“

Kulturamtsleiterin Alexa Heyder schätzt die Arbeit von Jochen Volle und seinem Team. Foto: Roberto Bulgrin

Nicht kommt von ungefähr, bescheinigt OB Matthias Klopfer im Jubiläumsjahr: „Die Leistungsfähigkeit und Qualität unserer Musikschule ist außerordentlich.“ Die Schule leiste Beachtliches, habe eine starke Präsenz in der Stadt und zeuge von Esslingens kultureller Lebendigkeit. Für Kulturamtsleiterin Alexa Heyder übernimmt die Einrichtung „eine ganz wichtige Basisarbeit“. Und was ihr besonders wichtig ist: „Durch ihre konsequente Vernetzung wirkt die Musikschule weit in die Stadtgesellschaft hinein.“ Den eingeschlagenen Kurs wollen Jochen Volle und sein Kollegium weiter fortsetzen. Und er verspricht: „Bis heute hat die Musikschule Esslingen noch Potenzial, weiter ausgebaut zu werden.“

Musikschule feiert im Neckar Forum

Feier
 Mit einem Jubiläumskonzert feiert die städtische Musikschule Esslingen am Samstag, 22. November, ab 19 Uhr im Neckar Forum ihr 75-jähriges Bestehen. Der Eintritt ist frei. Im Mittelpunkt des Abends steht die Uraufführung des Auftragswerks „ars musica longa, vita brevis“ von Frieder Kögel, das in enger Abstimmung mit der Musikschule komponiert wurde und bewusst die verschiedenen Facetten der Schule aufnimmt.

Idee
Der Komponist und Musikpädagoge Frieder Kögel – selbst ehemaliger Schüler der Musikschule – hat ein Werk geschrieben, das minutiös die klangliche Vielfalt der Musikschule abbilden soll. Er verarbeitet zwei Soggetti von Hans Leo Hassler und führt sie durch 14 Sätze, die von Allemande und Sarabande über Charleston und Rock ’n’ Roll bis hin zu einem Recitativo „Rap“ reichen. Stilmittel von Fuge über Minimal Music bis hin zu Blues und Disco werden eingesetzt, sodass das Werk als kleines Kompendium musikhistorischer Formen und aktueller Ausdrucksweisen funktioniert. „Das Konzert verspricht Volumen und Intimität, großes Orchester- und Chorerleben ebenso wie kleine, liebevoll gestaltete Szenen“, verspricht Musikschulleiter Jochen Volle.

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