75 Jahre Kriegsende in Leonberg Die letzten sinnlosen Kriegsopfer

Die französischen Truppen marschieren am  Tag des Waffenstillstandes  im Mai 1945 feierlich auf dem Leonberger Marktplatz ein. Foto: Stadtarchiv Leonberg
Die französischen Truppen marschieren am Tag des Waffenstillstandes im Mai 1945 feierlich auf dem Leonberger Marktplatz ein. Foto: Stadtarchiv Leonberg

Die am 21. April 1945 einmarschireden Franzosen haben sich nicht gerade wie Befreier aufgeführt.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Leonberg - Am Tag genau vor 75 Jahren ist für Leonberg der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Am 21. April sind französische Truppen in die Stadt einmarschiert. Doch es war nur das Ende der Kampfhandlungen, denn es folgten für viele Menschen Tage, Wochen, Monate, Jahre des Leidens, mit Mord, Vergewaltigungen, Plünderungen, Gefangenschaft.

Noch am Vortag des Einmarsches hat ein verbrecherischer Befehl fünf Männer in einen sinnlosen Tod gerissen und ihren Familien ein schweres Los hinterlassen. Und das nur, weil einige noch an den Endsieg glaubten und die Männer aus dem „Volkssturm“ zwangen, eine dilettantische „Verteidigungslinie“ aufzubauen.

Foto: Stadtarchiv Leonberg

Das letzte Aufgebot an unzureichend ausgerüsteten alten oder invaliden Männern sollten sich den kampferprobten französischen Truppen entgegenstellen. Die rückten aus Richtung Rutesheim und Gebersheim auf Leonberg vor. Im Haldengebiet oberhalb der Steinbrüche wurden Schützengräben angelegt und Panzersperren sollten gebaut werden. „Eine solche Panzersperre wurde westlich des Güterbahnhofs, genauer bei der heutigen Zufahrt zu Aldi, gebaut“, erinnert sich der damals zehnjährige Alfred Zepf, der in der Schmalzgasse aufgewachsen ist.

Die Straße aus Richtung Gebersheim und Rutesheim mit ihrer Bahnschranke verlief damals nach dem Güterbahnhof über die Gleise. In der Nähe befand sich der Luftschutzbunker der Gartenstadt. Abkommandiert zum Bau der Sperre aus auf die Schnelle gefällten Baumstämmen waren als Bauleiter Gottlob Schweizer, Fritz Bosch, Eugen Greiner, Wilhelm Keppler, Hugo Krämer, Robert Zepf, Gottlieb Zimmermann, erinnert sich Alfred Zepf an die Erzählungen seines Vaters.

Die Ruhe vor dem Verhängnis

Am Vormittag war es noch ruhig und so machte sich Rosa Keppler aus der Schmalzgasse mit dem Mittagessen für ihren Ehemann auf den Weg zur Sperre. Auf dem Heimweg geriet sie beim Bahnhof ins Feuer eines jener Tiefflieger, die in Leonberg als die „Rotschwänze“ bekannt waren, wegen ihres knallroten Leitwerks. Die Staffel war berüchtigt, weil sie Jagd auf Menschen machte und für den Tod von vielen Zivilisten in und rund um Leonberg verantwortlich war. Nur knapp konnte sich die Frau zwischen den auf dem Gelände gelagerten Tragflächen für die Me-262 in Sicherheit bringen, die in den Röhren des Engelbergtunnels von den KZ-Häftlingen gefertigt worden waren.

Ein traumatisches Erlebnis mit solchen Tieffliegern hatte auch der zehnjährige Alfred Zepf. „Bei den Schützengräben haben wir mit den Soldaten Karten gespielt, als plötzlich ein Flugzeug schießend heranbrauste“, erzählt der 85-Jährige. Die Soldaten seien in den Schützengraben gesprungen. „Ich saß hinter einem Baum und zitterte vor Angst“, erinnert er sich.

In Sekunden war alles vorbei. Zwei Soldaten waren tot. „Wir sind in Panik nach Hause gelaufen, da stand unsere Scheune in der Schmalzgasse in Flammen, doch mit Wasser aus einem Löschteich konnte der Brand gelöscht werden“, schildert er.

Foto: Stadtarchiv Leonberg

Über das Müllergässle und den Eselspfad schlich sich am Nachmittag gegen 16 Uhr der besorgte Wilhelm Keppler nach Hause, der sich ausgerechnet hatte, dass seine Frau ins Feuer des Tieffliegers geraten war. Die bat ihn, sich im Heu zu verstecken und nicht mehr zurückzukehren. Doch er weigerte sich, denn der kommandierende Leonberger Volkssturmmann hatte gedroht, er werde standrechtlich erschossen und der Hof angezündet, sollte er nicht rechtzeitig zurück sein.

Der Bau der Panzersperre war in vollem Gange, als sie gegen 18 Uhr ein Aufklärungsflugzeug überflog und danach etwa 100 Meter davor die Granate eine Panzers detonierte. Der Bautrupp flüchtete in den Bunker. Als länger nichts passierte, befahl der Bauleiter, weiter zu machen. Wieder tauchte das Flugzeug auf und verschwand. Da schlug eine Granate in der Baustelle ein – ein Volltreffer. Wilhelm Keppler, Otto Glötter und Fritz Bosch waren auf der Stelle tot. Hugo Krämer und Eugen Greiner wurden verletzt. Jetzt ging dem „Kommandanten“, dessen Namen die Kinder der Verstorbenen aus Respekt vor dessen Nachkommen nicht nennen wollten, ein Licht auf, was er angerichtet hatte. Nur mit Mühe konnten ihn Bekannte davon abhalten, Selbstmord zu begehen.

Hugo Krämer starb am 25. April 1945 an Wundbrand im Krankenhaus. Eugen Greiner fiel anderthalb Jahre später, morgens auf den Weg zur Arbeit, tot um. Ein Granatsplitter, den er abbekommen hatte, fand den Weg zu seinem Herzen.

Unrühmliche Zeiten

Die deutschen Soldaten und mit ihnen Bürgermeister Erwin Spindler und NSDAP-Kreisleiter Erwin Kromer machten sich in der Nacht zum 21. April aus dem Staub, nachdem sie am Vortag noch den Geburtstag des Führers alkoholreich gefeiert hatten. Am Morgen des 21. April wurde der bisherige Stellvertreter des Landrats, Hugo Wendel, von diesem zum kommissarischen Bürgermeister ernannt. Wenig später erschien der erste französische Spähtrupp auf dem Marktplatz, weitere Truppen, vorwiegend Marokkaner und Tunesier, folgten. Die Ortspolizisten wurden zu Kriegsgefangenen erklärt. Nach einiger Zeit kam ein weiterer Spähtrupp, fand das Rathaus leer vor und ernannte kurzerhand den Kaufmann Reinhold Lochmüller zum Bürgermeister.

Mit der französischen Besatzung begann ein unrühmliches Kapitel des Krieges, das für die französische Geschichtsschreibung immer noch ein Tabuthema ist. Plünderungen und Vergewaltigungen versetzten die Bevölkerung in Schrecken. Die Frauen suchten Schutz in Kirchen, Pfarrhäusern oder bewachten Schulen.

Foto: Stadtarchiv Leonberg

Aus dem Dilemma der zwei Bürgermeister halfen sich zwei am nächsten Tag mit der Verwaltung beauftragte Offiziere, indem sie Lochmüller zum Stellvertreter von Wendel ernannten. Lochmüller trat am 25. April zurück. Ihm folgte der ehemalige SPD-Gemeinderat Gotthold Ege im Amt, den die Nationalsozialisten bei ihrer Machtergreifung 1933 aus allen öffentlichen Ämtern entlassen und in Schutzhaft gesteckt hatten.

Am 26. April 1945 traf Capitaine de la Tour ein und übernahm die Leitung der Militärregierung der Stadt und des Kreises. Mit ihm kam auch Gendarmerie. Die Vergewaltigungen und Plünderungen hörten auf. Sein Sitz wurde das damalige Sparkassengebäude in der Grabenstraße.

Am 20. Juni 1945 erklärt sich Frankreich bereit, die Neuregelung der Besatzungszonen zu akzeptieren. Am 8. Juli wird auf dem Marktplatz die Trikolore eingeholt. Leonberg wird amerikanisch. Erster Gouverneur im Kreis Leonberg ist der Oberleutnant Dotts, der das öffentliche Leben wieder in Gang bringt.




Unsere Empfehlung für Sie