75 Jahre Kriegsende Kriegsende: Mythos und Wirklichkeit
Am 8. Mai 1945 waren die Nazis am Ende, Deutschland lag in Trümmern. Doch war die Kapitulation wirklich Schlusspunkt und Neuanfang?
Am 8. Mai 1945 waren die Nazis am Ende, Deutschland lag in Trümmern. Doch war die Kapitulation wirklich Schlusspunkt und Neuanfang?
Stuttgart - Die viel zitierte Stunde null der deutschen Nachkriegsgeschichte ist schwer zu terminieren – wenn sie überhaupt jemals stattgefunden hat. Der Krieg war nicht mit einem Schlag zu Ende, obwohl an diesem Freitag der Kapitulation vor 75 Jahren gedacht wird. Aber selbst dieser Akt war nicht mit einem Federstrich vollbracht.
Als es so weit war, hatte Adolf Hitler sich durch Suizid schon der historischen Verantwortung für die Schmach der Niederlage entzogen. Als eine Art Insolvenzverwalter amtierte Großadmiral Karl Dönitz. Hitler hatte ihm per Testament den Titel Reichspräsident vererbt. Dönitz war aber nicht dabei, als am 7. Mai 1945 zwischen 2.39 und 2.41 Uhr die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht besiegelt wurde. Sie sollte am darauffolgenden Tag um 23.01 Uhr in Kraft treten. Wegen der Zeitverschiebung entsprach dies 0.01 Uhr des 9. Mai Moskauer Zeit. Deshalb feiern die Russen ihren Sieg über die Deutschen an diesem Tag.
Weil bei dem Akt in einem Gymnasium in der französischen Stadt Reims, wo die westlichen Alliierten damals ihr Hauptquartier hatten, aber kein Russe anwesend war, musste das Prozedere auf deren Drängen hin noch einmal wiederholt werden. Das war am 9. Mai um 0.16 Uhr im Berliner Vorort Karlshorst, wo die Rote Armee im Offizierscasino der Heerespionierschule Quartier bezogen hatte. Der Gebäudekomplex dient heute als Museum.
Die sieben Unterschriften unter der Kapitulationserklärung, die im Original unter der Signatur RW 44-I im Freiburger Militärarchiv aufbewahrt wird, beurkunden das Ende des Krieges in Europa. In Asien sollte der Zweite Weltkrieg noch wochenlang andauern. Der gespensterhafte Reichspräsident Dönitz geisterte weiter durch die Geschichte. Er wurde erst am 23. Mai verhaftet, später in den Nürnberger Prozessen wegen Kriegsverbrechen verurteilt. Zehn Jahre hat er abgesessen. Als Dönitz im Januar 1981 beerdigt wurde, trugen 100 der Trauergäste ihr Ritterkreuz zur Schau. Der ehemalige Militärflieger Hans-Ulrich Rudel, Unterstützer der rechtsextremen Deutschen Reichspartei, verteilte Autogramme. Schon diese Fußnoten der NS-Geschichte dokumentieren, dass der 8. Mai 1945 keineswegs für ein wirkliches Ende und einen kompletten Neuanfang steht. Gleiches verrät der Wunsch der AfD, sich an dieses Datum als „Tag des Verlusts“ erinnern zu wollen.
Von Verlusten, die ihr Ehrenvorsitzender Alexander Gauland in diesem Zusammenhang nicht erwähnt, zeugt die grauenhafte Bilanz des Krieges: 55 bis 60 Millionen Tote waren zu beklagen, darunter allein 27 Millionen Russen und sechs Millionen Juden. Hitler hatte Deutschland als Trümmerfeld hinterlassen. Das war die Kulisse des 8. Mai 1945 aus Sicht der Überlebenden. „Ein rasanter Werte- und Normenzerfall hatte unter der Führerdiktatur eingesetzt, unter den Notstandsbedingungen der Zusammenbruchsgesellschaft setzte er sich bruchlos fort“, schreibt der Historiker Hans-Ulrich Wehler. „Der Kampf um Lebensmittel und Wohnraum, um Brennstoff und Kleidung, millionenfach begleitet von der dumpfen Trauer um die Toten oder von der Sorge um Vermisste schnürte die Lebenswelt in einen engen privaten oder allenfalls lokalen Erfahrungshorizont ein.“
Mancherorts hatte die Nachkriegszeit längst begonnen, bevor die vermeintliche Stunde null schlug. Stuttgart war schon fast drei Wochen lang besetzt und musste mit weniger als 1000 Kalorien pro Kopf und Tag auskommen. In Hannover formierte sich am 2. Mai der erste SPD-Ortsverein neu, in Köln wurde der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer am 4. Mai Oberbürgermeister.
„Es gab keine Stunde null, aber wir hatten die Chance zu einem Neubeginn“, sagte Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 in seiner legendären Rede über den „Tag der Befreiung“. „Eine Stunde null hat es nach dem Untergang des ,Dritten Reiches‘ nicht gegeben“, so pflichtet ihm der Historiker Heinrich August Winkler bei, „und doch trifft dieser Begriff das Empfinden der Zeitgenossen auf das Genaueste.“ Er fügt hinzu: „Nie war die Zukunft in Deutschland so wenig vorhersehbar, das Chaos so allgegenwärtig wie im Frühjahr 1945.“ Sein Kollege Christoph Kleßmann bringt den Historikerstreit über die Stunde null so auf den Punkt: „Weder war die Niederlage so total und die Zerstörung so umfassend, dass die Deutschen als Volk um ihr physisches Überleben fürchten mussten, noch gab es eine gesellschaftliche Tabula rasa, die einen völligen Neuanfang ohne Bindungen an tradierte Strukturen ermöglicht hätte.“
Die Zeitgenossen erlebten vor 75 Jahren womöglich jeweils eine ganz individuelle Stunde null. Ob es in jedem Einzelfall ein richtiger Neuanfang war, ist zu bezweifeln. Über diese Zweifel heißt es in dem Roman „Das Treibhaus“ von Wolfgang Koeppen, einem Autor der Nachkriegszeit: „Er glaubte damals an eine Wandlung, doch bald sah er, wie töricht dieser Glaube war; die Menschen waren natürlich dieselben geblieben, sie dachten ja nicht daran, andere zu werden, und alles scheiterte wieder mal an Kleinigkeiten, an dem zähen Schlick des Untergrundes, der den Strom des frischen Wassers hemmte und alles im alten stecken ließ.“