75 Jahre Landfrauenverband Die ländliche Form von Emanzipation

Die 20-jährige Lotte Mathias 1952 in der Arbeitshose „Lotte“ auf einem Traktor Foto:  

Vor 75 Jahren wurde in Ludwigsburg der Landfrauenverband Württemberg-Baden gegründet. Einblicke in die Geschichte und in die Gegenwart der überparteilichen und überkonfessionellen Organisation.

Als Ursula Dollinger 1969 im zarten Alter von 20 Jahren in eine Hohenloher Bauersfamilie eingeheiratet hatte, durfte sie abends normalerweise nicht alleine das Haus verlassen. „Ich bin deshalb gleich den Landfrauen beigetreten, zu den Treffen konnte ich fort“, erinnert sie sich. Ihre Enkelin Stefanie Dollinger, Jahrgang 1994, kennt solche Probleme nur aus den Erzählungen der Oma. Die Industriemechanikerin hat sich ihrer Freundinnen wegen den Landfrauen angeschlossen, doch mittlerweile sitzt sie sogar im Vorstand ihres Ortsvereins Vellberg-Talheim.

 

53 000 Mitglieder sind momentan in 610 Vereinen des Landfrauenverbands Württemberg-Baden engagiert, der sich laut Satzung als „wichtigste Stimme für Frauen im Ländlichen Raum“ versteht. Dies ist bereits vor 75 Jahren das Motiv für die Gründung des Landfrauenverbands Württemberg-Baden in Ludwigsburg. Zur ersten Vorsitzenden wählen die Frauen seinerzeit Marie-Louise Gräfin Leutrum zu Ertingen, ein Jahr später wird sie zudem die erste Präsidentin des neu gegründeten Deutschen Landfrauenverbands. Die in Hohenheim diplomierte Landwirtin gehört mit ihrer Mutter Ruth Steiner zu den Pionierinnen der deutschen Landfrauenbewegung. Viele adelige Frauen setzen sich für die Rechte der Frauen auf dem Land ein, etwa die begeisterte Landwirtin Fürstin Therese zu Hohenlohe-Waldenburg.

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Mit der ostpreußischen Gutsfrau Elisabet Boehm, die bereits 1889 die ersten Landwirtschaftlichen Hausfrauenvereine gründete, hebt Fürstin Therese 1916 in Öhringen den württembergischen Landwirtschaftlichen Hausfrauenverein aus der Taufe – es ist der Vorläufer des heutigen Landfrauenverbands. Drei Ziele stehen im Vordergrund: Frauen aus Stadt und Land in einem Verein zu organisieren, Aus- und Weiterbildung für die Frauen auf dem Land zu schaffen und Unternehmungen zu gründen, die den Bäuerinnen wie den Käuferinnen in der Stadt Vorteile bieten. Diese Unternehmungen werden die „Verkaufsstellen“: Die Erzeugerinnen liefern ihre Waren direkt – ohne Zwischenstation des Handels – in die Läden. „Selbstvermarktung“ heißt dieses Prinzip heutzutage.

Eier aus dem Hausfrauenladen

Wie solche Verkaufsstellen funktionieren, ist in dem Katalog „Frauenleben im Wandel. Lebenswelten von Hohenloher Landfrauen im 20. Jahrhundert“ beschrieben. 37 Landfrauen sind in dem Projekt Geschichtswerkstatt Schwäbisch Hall fast zwei Jahre lang den Spuren der Bewegung und der eigenen Geschichte gefolgt. Ein Ergebnis dieser Recherchen: „Im April 1917 wurde im Haus der Witwe Fahr am Unteren Postplatz ein Hausfrauenladen eingerichtet, in dem die Frauen Obst und Gemüse aus eigenem Anbau verkauften. Dadurch erwirtschafteten sie sich ein eigenes Einkommen, denn der Gewinn floss auf genossenschaftlicher Basis an die Frauen zurück.“ Das Projekt floriert, nur der Absatz der 1926 ins Sortiment genommenen Eier ist zunächst schleppend. Nach „gezielten Verhandlungen“ bezieht die Haller Diakonissenanstalt ihre Eier nicht wie bisher aus Italien, sondern aus Hohenlohe: „Die Frauen vermarkteten allein 1929 über den Hausfrauenladen mehr als 93 000 Eier.“

Unter Vorsitz von Ruth Steiner, die nach dem Tod von Fürstin Therese zur Vorsitzenden gewählt wird, entwickelt sich der Landwirtschaftliche Hausfrauenverein Württemberg von 1928 an zu einem Motor der Modernisierung. Technisierung und Elektrifizierung erleichtern die Hausarbeit nun. Die Frauen machen sich in Näh-, Koch- und Bügelkursen fit, bilden sich in Kranken- und Säuglingspflege weiter. Melk- und Milchverwertungskurse steigern die Produktion. Die Zahlen spiegeln diese Erfolgsgeschichte: Bis 1932 entstehen in Württemberg 416 Vereine mit 8000 Mitgliedern – damit ist er der größte Landesverband im Reichsverband.

1933 bricht diese Entwicklung abrupt ab. Bereits vor der Eingliederung in den Reichsnährstand gibt Ruth Steiner ihr Amt auf. Die Frau eines jüdischen Bankiers und Schlossgutbesitzers wird im Juli 1944 inhaftiert, ihr Leidensweg endet erst mit der Befreiung durch die Alliierten am 3. April 1945.

Von Modeschauen bis Umweltschutz

Zwei Jahre später, am 30. April 1947, setzt Ruth Steiners Tochter, Marie-Luise Gräfin Leutrum, mit der Gründung des Landfrauenverbands Württemberg-Baden die Arbeit der Mutter fort. Wichtigstes Ziel des neuen Verbands – wie zuvor des Landwirtschaftlichen Hausfrauenvereins – ist, mehr Bildungsmöglichkeiten für Frauen auf dem Land zu schaffen. In den 1950er Jahren stehen praktische Themen rund um Haus, Hof und Garten im Vordergrund. Dazu zählen Modeschauen der Württembergischen Ländlichen Zentralgenossenschaft mit dem Schwerpunkt ländliche Arbeitskleidung wie etwa der Frauenarbeitshose „Lotte“. Marianne Kühnle – Jahrgang 1939 und Mitglied der Haller Geschichtswerkstatt – erinnert sich: „Als meine Schwester und ich 1952 mit der ,Lotte‘ aufs Feld gingen, gehörten wir in unserem Umfeld zu den ersten Frauen, die Hosen bei der Feld- oder Stallarbeit trugen. Geradezu ideal war die Hose auch beim Traktorfahren: Das Auf- und Absteigen war damit viel bequemer. Kommentar des Onkels: ,Ha, jetzt wird’s recht, jetzt ziacha a noch d’Weiwer Housa au.‘“

In den 1960er Jahren beschäftigt die Landfrauen vor allem das Thema „Erziehung und Familie“. In den 1970er und 1980er Jahren rücken gesellschaftspolitische, in den 1990er Jahren umweltpolitische Themen in den Mittelpunkt.

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Der sogenannte Strukturwandel im ländlichen Raum verschlechtert die finanzielle Situation in den Bauersfamilien zusehends. Von 1994 an konzentriert sich der Kreislandfrauenverband Schwäbisch Hall darauf, die Einkommens- und Erwerbskombinationen von Frauen auf dem Land zu verbessern. Im EU-Modellprojekt Landfrauenservice werden erstmals in der Region Gästeführerinnen ausgebildet, Ursula Dollinger ist eine von ihnen. Sie führt Reisegruppen durchs Land und auf die Bauernhöfe. Sie sagt mit einigem Stolz: „Ohne Landfrauen würde es auch keine Tagesmütter und Familienbetreuerinnen geben.“

Kuchen to go

Heute gehören zum Schwäbisch Haller Kreisverband rund 2900 Mitglieder in 29 Ortsvereinen. Manche kämpfen um ihre Existenz, weil engagierter Nachwuchs fehlt. Der Ortsverein Vellberg-Talheim ist mit 120 Frauen gut aufgestellt. „Wir haben unser Programm auch auf Junge ausgerichtet“, sagt die Vorsitzende Petra Seeßle. „Die Vereine werden stets das sein, was wir selbst aus ihnen machen, und je mehr sich lebendig beteiligen, desto fruchtbarer wird es für alle sein.“ Seeßle hält bienenfleißig – die Biene ist das Symbol der Landfrauen – ihren Verein mit einem bunten Programm auf Trab: Kaffeeschwatz und Gesundheitsvortrag, Reisebericht und Gymnastikkurs, Konzert und Tagesausflug. Das kommt an, auch bei Nichtbäuerinnen. „Landfrauen bedeutet Frauen auf dem Land“, sagt Petra Seeßle. „Alle Frauen auf dem Land sind Landfrauen.“

Mit dem Klischee der Kuchen backenden Bäuerin geht Seeßle auf ihre eigene, innovative Art um. „Wir bieten Kuchen to go an“, sagt sie. „Warum soll ich nicht Geld verdienen mit etwas, das ich gut kann?“

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