75 Jahre Stuttgarter Zeitung Hilfe für die Kinder von Tschernobyl

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Nach der Reaktorkatastrophe 1986 entschließt sich die Redaktion der Stuttgarter Zeitung, zu handeln: Wie Leser, Firmen und StZ-Mitarbeiter den Menschen in Belarus geholfen haben. Und dies bis heute tun.

Hoffnung und Verzweiflung: den Kindern in Belarus fehlten Lebensmittel und Medikamente. Foto: Achim Zweygarth
Hoffnung und Verzweiflung: den Kindern in Belarus fehlten Lebensmittel und Medikamente. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Immer wieder nimmt Horst Möhrer die Fotos in die Hand. Er sieht in Kindergesichter, in ihnen spiegeln sich mal Lebensmut, mal Verzweiflung. Horst Möhrer aus Bad Cannstatt ist einer von rund 130 Helfern, die sich für „Stuttgart hilft Retschiza“ engagiert haben – eine Hilfsaktion, die die Stuttgarter Zeitung angestoßen hat. Diese begann Ende 1990, gut vier Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Möhrer war dabei, als Lastwagenkonvois die 2000 Kilometer von Stuttgart nach Gomel im Südosten von Belarus fuhren, als die Mannschaften tagelang schufteten, um Lebensmittelpakete, Milchpulversäcke, Medikamentenkartons in Kindergärten und Kliniken abzuliefern. „Wir haben Kindern Gutes getan“, sagt der heute 82-Jährige, der als Fahrer und Fahrsicherheitstrainer bei der Polizei arbeitete.

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„Mr sodd ebbes do“ – man sollte etwas tun. Mit diesen Worten zwischen zwei schwäbischen Mitarbeitern der StZ-Lokalredaktion begann die Hilfsaktion an einem der letzten Novembertage 1990. Kurz zuvor hatte der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow den Westen um Hilfe gebeten. Den Russen drohte ein Hungerwinter. Bei der Stuttgarter Zeitung hatte man Erfahrung im Helfen: Für Menschen in der Umgebung gab es seit 1970 „Hilfe für den Nachbarn“, in den achtziger Jahren hatte die StZ eine Hilfsaktion für Menschen in Polen organisiert. Und nun Russland, genauer gesagt Weißrussland – das heutige Belarus. In diesem Teil des damaligen Sowjetimperiums war der Alltag seinerzeit ohnehin hart – die Folgen der Katastrophe von Tschernobyl verschärften die Lage dramatisch.

Rotes Kreuz, Polizei und Nanz helfen mit

Der StZ-Lokalchef Martin Hohnecker und der Chefredakteur Thomas Löffelholz waren sich schnell einig und knüpften ein Netzwerk: Mit den Landesverbänden von Rotem Kreuz (DRK) und Technischem Hilfswerk (THW), der Stuttgarter Polizei und der Supermarktkette Nanz waren die nötigen Partner für Logistik und Beschaffung nach zwei Tagen mit im Boot. Sie wollten Lebensmittel für Familien liefern, das Paket kostete 50 Mark. Die Leser folgten dem Spendenaufruf in Scharen. Zwei Wochen nach dem ersten Zeitungsartikel fuhr die erste Mannschaft los.

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Die Aktion nahm einen Verlauf, mit dem die Zeitungsmacher zu Beginn niemals gerechnet hatten. Die Redaktion hatte sich in diesem Fall bewusst von dem Prinzip gelöst, dass Journalisten zu berichten und zu bewerten haben – und sich nicht in das einmischen, über das sie schreiben. Die Redaktion habe die Dinge in die Hand genommen und wolle mit ihren Partnern Hilfe organisieren, erklärte Chefredakteur Thomas Löffelholz in einem Leitartikel, „weil die Not groß ist“.

Sechs Konvois mit Hilfsgütern machen sich auf den Weg

Zwischen dem 14. Dezember 1990 und dem 14. März 1992 fuhren sechs Konvois nach Retschiza in Belarus. 130 Menschen waren als Freiwillige dabei: auslandserfahrene Helfer des DRK und des THW, Profifahrer, Mitarbeiter der Polizei, Redakteure und Fotografen der StZ, aber auch Ärzte aus Stuttgart, wie Hanns Stichler vom Gesundheitsamt oder Werner Tausch vom Olgahospital. Etliche fuhren mehrmals mit, von der StZ beispielsweise der Lokalredakteur Wolfgang Schulz-Braunschmidt und der Fotograf Achim Zweygarth.

Nach 16 Monaten ging die Aktion zu Ende – mit Spenden in Höhe von 3,5 Millionen Mark. Nach der Unterstützung der Bevölkerung mit Lebensmitteln wurden die Mittel später vor allem in medizinische Hilfe investiert. Krankenhäuser in der Stadt und Ambulanzen auf dem Land erhielten Antibiotika und Schmerzmittel, Spritzen und Pflaster. „Stuttgart hilft Retschiza“ half, eine Ambulanz für Schilddrüsenkranke aufzubauen. Denn in dieser Gegend litten viele Menschen unter den gesundheitlichen Folgen der Reaktorkatastrophe. Zudem wurden tausend Kinder mit sauberer Milch und Vitaminen versorgt – und dafür tonnenweise Milchpulver transportiert. All das musste organisiert und geschleppt werden.

Kinder mit Blumen empfangen die Helfer

Neben den nüchternen Zahlen der Hilfsaktion bleiben den Beteiligten unvergessliche Begegnungen mit den Menschen vor Ort. „Es war überwältigend“, erinnert sich Wolfgang Schulz-Braunschmidt. „Wir arbeiteten zwölf bis 14 Stunden am Tag. Beim Verteilen gab es rührende Szenen, Kinder mit Blumen kamen uns entgegen.“ Die StZ-Reporter berichteten über das Elend in der Stadt Retschiza, aber auch aus Dörfern wie Pychan oder Stolbun. Und über die Lieferungen aus Stuttgart. Für die Betroffenen war es eine Hilfe in vermeintlich hoffnungsloser Zeit. Es entstanden Patenschaften zwischen Familien und Freundschaften fürs Leben. Jeder, der heimkam, hatte Prägendes erlebt – so wie Achim Zweygarth. Der StZ-Fotograf dokumentierte mit seinen Bildern, wie schwer das von Menschen verschuldete Unglück die Bevölkerung getroffen hatte.

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Die Stuttgarter Zeitung hätte diese Aktion alleine nicht gestemmt, sagte Martin Hohnecker bei der Rückkehr des sechsten Konvois. „Die Idee wäre ohne die Leser und die Fahrer sinnlos gewesen. Wir können nur Dankeschön sagen für all die Strapazen, die sie auf sich genommen haben.“

„Es war klasse, da mitzumachen“, sagt Horst Möhrer heute beim Anblick seiner Fotos. „Ich bereue keine einzige Fahrt.“




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