75 Jahre Stuttgarter Zeitung Wie Journalisten früher gearbeitet haben

Der junge Journalist Thomas Durchdenwald (links) im Interview mit dem damaligen Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel. Foto: Niels Schubert 3 Bilder
Der junge Journalist Thomas Durchdenwald (links) im Interview mit dem damaligen Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel. Foto: Niels Schubert

Der Journalistenalltag hat sich stark gewandelt. Die Kommunikation ebenfalls. Die Tücken der Technik sind aber geblieben. Unser Redakteur Thomas Durchdenwald erinnert sich.

Lokales: Thomas Durchdenwald (dud)
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Stuttgart - Natürlich hat es eine Warnung gegeben. Ich solle den Umhängebeutel, den damals in den frühen 1970er Jahren jeder trug und der trotz friedensbewegter Zeiten zumeist in militärischen Olivegrün war, auf keinen Fall unbeaufsichtigt lassen, wenn ich zum Spätdienst in der Setzerei eingeteilt war. Doch wie sollte man die Artikel, die spiegelverkehrt im Rahmen, dem sogenannten Schiff lagen, erkennen, möglicherweise sogar kürzen oder austreiben, also verlängern, lassen – und gleichzeitig den Beutel beaufsichtigen? Das Ergebnis kannte damals jede Anfängerin und jeder Anfänger: Am Ende des Spätdiensts, wenn man sich auf den Nachhauseweg oder zum mitternächtlichen Feierabendbier mit den Metteuren beim Griechen am Esslinger Rathaus aufmachte, konnte man den Beutel kaum vom Boden heben, so schwer war er. Die Metteure und Setzer hatten ihn mit überflüssigem Bleisatz gefüllt. Das war ein Lacher und Tradition zugleich.

Spannende Texte rund um 75 Jahre StZ in unserem Themendossier

Bleisatz, Schiffe, Metteure – das klingt heute, da alle Welt ununterbrochen am Smartphone hängt, wie aus der Zeit gefallen – irgendwie nach Johannes Gutenberg, dem Mann, der im 15. Jahrhundert den modernen Buchdruck erfand und damit erst das ermöglichte, was Sie in Händen halten – eine gedruckte Zeitung. Und doch ist es keine 50 Jahre her, dass noch die Maschinensetzer an ihren überdimensionalen Apparaturen saßen, die mittlerweile nur noch in Museen oder Eingangshallen von Verlagen zu sehen sind.

Was heute blitzschnell geht, waren früher mehrere Arbeitsschritte

Die Zeiten ändern sich, diese Binsenweisheit gilt für alle Branchen – also auch für das Zeitungsmachen, das damals noch vom Redaktionsschluss diktiert wurde und nicht wie heute davon, möglichst rasch die Neuigkeiten für die User auf elektronischen Kanälen verfügbar zu machen. Was heute in Sekundenschnelle am Computer geht, waren damals viele einzelne Arbeitsschritte.

Undenkbar wäre heute, was Mitte der 1970er Jahre, als mit dem Fotosatz der erste Modernisierungsschritt kam, an ereignisarmen Sommertagen noch möglich war: Morgens wurden die Berichte der Mitarbeiter redigiert, die diese brav mit der Schreibmaschine getippt hatten. Diese Texte wurden dann zum Erfassen geschickt, um dann abends im Klebeumbruch auf den Seiten platziert zu werden. In der Zwischenzeit, in der man mitunter so viel zu tun hatte wie ein Eisverkäufer in der Arktis, ließ man sich schon mal einige Stunden im Freibad die Sonne auf den Bauch scheinen.

Der Akustikkoppler – das Grauen eines jedes Journalisten

Doch bevor ein falscher Eindruck entsteht: Diese Pausen waren der Ausgleich dafür, dass die Texte von Abendspielen des VfB oder von späten Gemeinderatsentscheidungen telefonisch durchgegeben werden mussten – und manch eine der Damen (ja, es waren meistens Damen) die Namen von Spielern und Kommunalpolitikern, die der Journalist im Schnellsprech weitergab, sagen wir, sehr eigenwillig zu Papier brachten.

Abgelöst wurde das Diktat am Fernsprecher, als das Computerzeitalter anbrach. Der Artikel wurde nun zwar in ein tragbares Gerät geschrieben, übertragen wurde aber mittels eines Akustikkopplers, bei dem der Telefonhörer in zwei Mulden gedrückt wurde. Dieses Verfahren war so zuverlässig wie die Wettervorhersage – vor allem deshalb, weil der Akustikkoppler, der Namen sagt es schon, auf Außengeräusche äußerst empfindlich reagierte und dann gerne die Übertragung einstellte. Eine keineswegs beruhigende Entwicklung, wenn es gerade fünf Minuten vor Redaktionsschluss war. Die neue Technik mit WLAN und modernen Laptops, die auch für Nicht-Kraftsportler zu tragen sind, kann auch ein Segen sein.

Zahlreiche Leserreaktionen über alle möglichen Kanäle

Wie das Sein das Bewusstsein bestimmt, bestimmt auch die Technik die Kommunikation. Reaktionen von Betroffenen, Lesern oder Amtsträgern kommen heute oft spontan auf elektronischen Kanälen. Früher war das seltener: das Schreiben eines Briefs ist einfach aufwendiger. So bat ein Ministerpräsident schon mal darum, dass ein Kollege, dessen Fragen ihn ärgerten, nicht mehr zu Pressekonferenzen erscheinen sollte – natürlich vergeblich.

Und ein gewisser Manfred Rommel, der zu dieser Zeit im Stuttgarter Rathaus saß, ließ bei aller Liberalität einen schon wissen, dass „aus der Tatsache, dass die Stadtverwaltung Ihrem Kommentar nicht widerspricht, nicht geschlossen werden sollte, dass sie Ihrer Meinung ist“. Das war schön formuliert, mit Stadtverwaltung meinte er übrigens sich selbst.

Ex-Oberbürgermeister Rommel zeigte sich stilsicher

Immerhin war der Ex-Oberbürgermeister zumindest in Modefragen stilsicher. Als man in einem Hitzesommer in den 1980er Jahren allzu leger mit blauer Latzhose zum Interview mit dem Rathauschef erschien, fragte er, ob die Journalisten nach dem Gespräch nicht auch noch dringende Handwerkerarbeiten im Rathaus erledigen könnten . . . Heute ist zwar die Latzhose aus der Mode, aber das offene Hemd und Turnschuhe längst bei offiziellen Terminen alltäglich.

Insofern war früher nicht alles besser, aber anders. Das gilt auch für die persönliche Begegnung. Die Treffen waren zahlreicher und mangels großen Zeitdrucks lockerer, das direkte Gespräch mindestens so häufig wie die Unterhaltung per Telefon. Und heute? Die schriftliche Anfrage per Mail, die Auswertung von Botschaften auf sozialen Kanälen haben dies abgelöst. Das hat Vorteile, weil jede Antwort automatisch dokumentiert ist, aber auch Nachteile, weil Überraschungseffekte, und die können bei der Wahrheitsfindung oft erheblich sein, ausgeschlossen sind.

Und so bekommt der fragende Journalist heutzutage immer öfters gestanzte Antwortbausteine, die mit der konkreten Frage mitunter so viel zu tun haben wie der VfB Stuttgart mit der Champions League und oft mehr der Selbstdarstellung als der Klärung eines Sachverhalts dienen.

Jetzt würden Sie gerne Beispiele lesen – da muss ich aber leider passen. Schließlich würden das die Zusammenarbeit so schwer machen wie der Bleisatz den olivegrünen Umhängebeutel in den 1970erJahren.




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