Eigentlich sollte Antonio Perrotta nur eine Vertretung für drei Monate übernehmen. 35 Jahre später arbeitet er immer noch als Dozent an der VHS Schorndorf und gehört damit zu den Kursleitern, welche die 75 Jahre alte Einrichtung am längsten mit begleiten.
Antonio Perrotta ist Sohn italienischer Gastarbeiter, aufgewachsen in Remshalden, des Schwäbischen hörbar mächtig – und Lehrer für Italienisch. Oder besser: Dozent für Italien. Sein Ziel ist es nämlich, den Kursteilnehmern das reale Italien näherzubringen – und nicht die Touristenversion. „Das ist ein Paradox: Die Einwanderer in Deutschland kommen alle aus Süditalien. Halb Kalabrien wohnt in Fellbach. Die Deutschen gehen dann in Norditalien in den Urlaub und lernen diesen Teil Italiens gar nicht kennen. Der Gardasee ist nicht Italien“, sagt Perrotta.
Aufgewachsen mit der Vermittlerrolle zwischen Italien und Deutschland
Mit dieser Vermittlerrolle zwischen den Welten ist der 55-Jährige aufgewachsen. Dort die Oma in Kalabrien, hier der Alltag in Deutschland. Für die Eltern hat er gedolmetscht, und weil Sprache immer sein Ding war, ist er Übersetzer geworden. „Ich habe in der Grenadier-Kaserne in Stuttgart gearbeitet“, erzählt Perrotta. Dann kam die Anfrage, ob er nicht eine Kursleiterin an der VHS Schorndorf vertreten könne. „Das hat mein Leben verändert“, sagt Antonio Perrotta, der sich aus dieser Tätigkeit heraus als Sprachlehrer selbstständig gemacht hat.
Die VHS war für ihn ein Sprungbrett: Antonio Perrotta hat sich einen Kundenstamm an Firmen aufgebaut, unterrichtet Mitarbeiter in der Region Stuttgart in Italienisch – und mittlerweile viele auch in Deutsch. Auch seinen indischen oder mexikanischen Schülern bringt er viel mehr bei als Vokabeln. „Wenn sie ihre Familie mitgebracht haben, erkläre ich ihnen zum Beispiel das deutsche Schulsystem.“
Viele Stammkunden in den Sprachkursen
Ein paar Seminare hat er besucht, das meiste hat er sich für seinen Job als Sprachlehrer selbst beigebracht. Und auch bei den Lehrbüchern geht Antonio Perrotta seit vielen Jahren einen eigenen Weg. Für seine Italienischkurse greift er auf ein selbst entwickeltes Sprachbuch zurück. Weil seine Schülerinnen und Schüler mehr können sollen, als einen Cappuccino zu bestellen: „Sie sollen sich nicht jahrelang in der Bar aufhalten – linguistisch gesehen.“ Ganz davon abgesehen, ist es ihm ein Anliegen, dass die Kursteilnehmer auch wissen, wann der Italiener Cappuccino trinkt und wann nicht.
Die Teilnehmer schätzen seine Herangehensweise offensichtlich: die meisten sind Stammkunden und seit vielen Jahren dabei. „Meine älteste Schülerin ist 86 Jahre alt und seit Anfang an dabei.“ Die Treue ist auf beiden Seiten groß. Trotz seiner anderen Aufträge behält Perrotta die Kurse an der VHS Schorndorf: „Die Volkshochschule ist ein Paradies. Das ist meiner Ansicht nach der einzige Ort auf der Erdkugel, wo Einheimische und Zugewanderte ohne Probleme aufeinandertreffen und voneinander und miteinander lernen“, sagt Antonio Perrotta, dem dieser Austausch enorm wichtig ist.
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Ganz davon abgesehen sorgen die Kurse dafür, dass er selbst fit bleibt: „Sprachen sind wie Sport, man muss dranbleiben“, sagt Perrotta, der sich im hinteren Teil seines Kalenders Vokabeln notiert hat, die er selten verwendet und nach denen er manchmal trotzdem gefragt wird. Zum Beispiel, was Kohlmeise oder Holzverschalung auf Italienisch heißt. Die beste Fortbildung ist seiner Meinung nach sowie das Leben – und seine Ehe mit einer Deutschen. Denn die zeige ihm immer wieder aufs Neue, wo die kulturellen Unterschiede liegen.
Ein Abendseminar zum Thema „Italien gibt es nicht! Ein Paradox“ bietet Antonio Perrotta am Freitag, 20. Mai, bei der VHS Schorndorf. Er lädt die Teilnehmer dazu ein, Italien durch die Augen eines Gastarbeitersohns zu betrachten. Von 18 bis 20 Uhr geht es um italienische Geschichte, untermalt mit Perrottas Erzählungen.