75. Jahrestag Ermordung Geschwister Scholl Spuren der Weißen Rose führen nach Stuttgart

Von Von Heidemarie A. Hechtel 

Er gehörte zum Widerstand der Weißen Rose und hat sein Leben riskiert. Eugen Grimminger ist Stuttgarter Hospitalhof eine Gedenkstunde gewidmet worden

Erinnerung an Eugen Grimminger, der sein Leben im Widerstand gegen das NS-Regime riskierte. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Erinnerung an Eugen Grimminger, der sein Leben im Widerstand gegen das NS-Regime riskierte. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Vor 75 Jahren, am 22. Februar 1943, starben die Geschwister Hans und Sophie Scholl unter dem Fallbeil. Hingerichtet, wie es der Präsident des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, mit dem Todesurteil für die Flugblatt-Aktion der Widerstandsgruppe Weiße Rose gefordert hatte. Das gleiche Schicksal hätte um Haaresbreite auch Eugen Grimminger ereilen können. Denn der gebürtige Crailsheimer (1892 – 1986), der nach Denunziation als „Jüdisch-Versippter“1935 aus dem Genossenschaftsverband entlassen wurde und sich fortan in Stuttgart als Berater selbstständig machte, unterstützte die Weiße Rose und riskierte sein Leben im Widerstand. Eine Gedenkstunde im Hospitalhof, gestaltet von Schülern des Albert-Schweitzer-Gymnasiums und vor allem des Eugen-Grimminger-Gymnasiums in Crailsheim, sorgt dafür, dass Grimmingers Schicksal und seine aufrechte Menschlichkeit jetzt endlich die größere Bekanntheit erfahren hat, die sie verdienen.

Bild von Freisler auf der Videowand

Am 1. April stand der damals 50-jährige Eugen Grimminger vor dem Volksgerichtshof unter der Anklage, ein wissender Verschwörer zu sein und die Widerstandsgruppe Weiße Rose mit 500 Reichsmark unterstützt zu haben. Für Roland Freisler ein Verbrechen, auf das nur das Todesurteil und die Exekution durch das Fallbeil folgen können. Dank der Zeugenaussage von Grimmingers Sekretärin Tilly Hahn und des Plädoyer von Pflichtverteidiger Eduard Eble kommt Grimminger mit einer Strafe von zehn Jahren Zuchthaus davon.

Es läuft einem kalt über den Rücken, als Schüler des Gymnasiums, das auf die Initiative seiner ehemaligen Schulleiterin Anne Technau seit 2001 nach Grimminger benannt ist, die Szene am Volksgerichtshof mit verteilten Rollen lesen. Ein Bild von Freisler auf der Videowand macht den Horror noch drastischer. Nicht nur mit dieser Szene, sondern mit vielen weiteren Schlaglichtern beleuchten die Schüler dieses Leben vor dem Hintergrund des NS-Terrors. Erforscht und beschrieben von dem Crailsheimer ehemaligen Berufsschullehrer Hannes Hartleitner.

Eugen Grimminger wurde im Mai 1945 befreit

Wie der Bericht von dem konspirativen Treffen Grimmingers am 16. November 1941 mit Hans Scholl und seinem Vater Robert Scholl in Ulm, der eine Tragödie offenbart. Denn Grimminger war mit Jenny Stern, einer Jüdin, verheiratet, und lebte in Halbhöhenlage überm Marienplatz, im Haus der Schwägerin Senta Meyer-Stern und ihren vier Kindern. Jenny hatte ihren Mann inständig gebeten, nicht nach Ulm zu fahren, um sie und ihre Familie nicht in noch größere Gefahr zu bringen. Ihre Ahnung hat sie nicht getrogen: Nachdem Eugen Grimminger im Zuchthaus saß, wurde seine Frau abgeholt, zuerst ins KZ Ravensbrück deportiert und im Dezember 1943 in Auschwitz ermordet. Da war ihre Schwester Senta mit den vier Kindern schon im Dezember 1941 vom Killesberg aus nach Riga deportiert und dort ermordet worden. In der Arminstraße, wo sie zuletzt in einem so genannten Judenhaus leben mussten, erinnern Stolpersteine an sie.

Eugen Grimminger wurde im Mai 1945 befreit. Bis zu seinem Lebensende, heißt es in den eindrucksvollen Texten, litt er unter der Tragödie, dass er seine Frau und ihre Familie nicht retten konnte. „Aber“, tragen die Schüler vor, „er konnte nicht anders.“ Darum sei ihnen die Erinnerung an ihn, auch durch einen jährlichen Eugen-Grimminger-Tag in der Schule – jeweils am 27. Januar – Verpflichtung und Anliegen.

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