80. Geburtstag von Ernst Konarek Super-Österreicher unter Schwaben
Experte für skurrile Figuren: Der Schauspieler Ernst Konarek, Publikumsliebling im Staatstheater, wird achtzig Jahre alt. Mittlerweile schreibt er Stücke zum Nahostkonflikt.
Experte für skurrile Figuren: Der Schauspieler Ernst Konarek, Publikumsliebling im Staatstheater, wird achtzig Jahre alt. Mittlerweile schreibt er Stücke zum Nahostkonflikt.
In der zweiten Reihe zu stehen und trotzdem aufzufallen, nicht mit Krakeel, sondern mit Können – das ist die außergewöhnliche Kunst des Ernst Konarek. Seinem Publikum hat er sie schon seit längerer Zeit nicht mehr gezeigt, schließlich ist der 1945 in Wien geborene Schauspieler, Autor und Regisseur nicht mehr der Jüngste. An diesem Sonntag wird er achtzig. Aber die Hände in den Schoß legen, das mag er nicht. Statt auf der Bühne zu stehen, wie er es 50 Jahre lang tat, führt er mittlerweile selbst Regie; statt Texte zu lernen, schreibt er welche für andere. „Ich arbeite an einem Stück über Charlie Chaplin“, sagt der rüstige Konarek – und noch immer könnte er den Jahrhundertkomiker auch selbst verkörpern, liegt er mit Statur und Wesen doch „auf der Rolle“, um es im Theaterjargon zu sagen.
Klein, schmächtig, hellwach – so kennt man ihn aus dem Stuttgarter Staatstheater, wo er von 1988 bis 2010 als Spieler engagiert war. Ganze 22 Jahre, länger als sonst jemand zu seiner Zeit. 22 Jahre, in denen er zur Marke wurde und den Zuschauern ans Herz wuchs, weil sie bei jedem seiner Auftritte ahnten, dass er die Szene auf eine Pointe zusteuern wird. Er betrat die Bühne und war da, wie aus dem Nichts, als hätte er sich die ganze Zeit hinter den Kulissen mit den Rollen der anderen warmgespielt: ein Charakterdarsteller, der kam, spielte, triumphierte – und wieder verschwand. Übrigens auch nach den Vorstellungen, wenn er sofort zur S-Bahn zischte, um nach Malmsheim zu kommen, seinem Wohnort kurz vor Weil der Stadt.
„Entdeckt wurde ich von Peter Zadek“, sagt der Bühnenkünstler im Wohnzimmer seines Reihenhauses und setzt dabei sein Konarek-Lächeln auf. Mimisch bereitet es die nächste Pointe vor: „Das war in Braunschweig. Im ‚Räuber Hotzenplotz‘ spielte ich den Seppl“ – eine Slapstickrolle in einem Kinderstück. Aber der Großregisseur Zadek erkannte das Potenzial des Jungschauspielers und holte ihn an sein Theater in Bochum. Dort perfektionierte Konarek seine singuläre Kunst, skurrile Typen zu spielen, ohne sie in die Karikatur zu treiben. Weitere große Häuser folgten, bis er 1988 mit dem Intendanten Jürgen Bosse von Mannheim nach Stuttgart kam. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zum Haus am Eckensee, bald unter Friedrich Schirmer, dann unter Hasko Weber.
Ihn, Weber, hält er für den „integersten Chef“, mit dem er es je zu tun hatte. „Menschlich haben wir uns bestens verstanden“, sagt Konarek, „künstlerisch eher nicht.“ Nach den Proben sei Hasko oft auf ihn zugekommen: „Ernst, ich könnte dir jetzt einiges zu deiner Figurengestaltung sagen. Ich tu’s nicht. Das geht dir eh am Arsch vorbei.“
Hat’s gestimmt? Die Antwort liegt im verschmitzten Lächeln, das Konarek bei dieser Erinnerung begleitet. Müsste Deutschland den Superösterreicher suchen, einen, der unser Bild vom Nachbarn erfüllt, hier wäre er: Es ist auch eine gewisse k.-u.-k-Wurschtigkeit um diesen Theatermann, um dieses instinktsichere Bühnentier, dem im Zweifelsfall selbst der Boss schnuppe ist. Diesem Fleisch gewordenen Ösi-Tum verdankt er seine größten Erfolge. Wobei es noch eines anderen Super-Ösis bedurfte, um das Ösi-Tum in ausgesuchten Ösi-Komödien zur vollen Blüte zu bringen: Gottfried Breitfuß, mit dem er unter Schirmer eine eigene österreichische Programmschiene im Schauspiel etablierte. Gemeinsam spielten sie unter anderem in Nestroys „Früheren Verhältnissen“ und – sensationell – in „Indien“ von Josef Hader und Alfred Dorfer.
Ernst Konarek war Kurtl Fellner und zog als Restauranttester mit dem Bösel des Gottfried Breitfuß durch die Provinz. Sie kannten einander in- und auswendig und gingen sich als Feingeist und Rohling beim Schnitzelessen gehörig auf die Nerven, bis sie sich am Ende verschämt anfreunden: Bösel sitzt beim krebskranken Fellner am Totenbett, eine fürsorgliche Belagerung. Und als Todgeweihter zeigte Konarek in dieser Tragikomödie, was eben auch in ihm steckt: eine Zerbrechlichkeit, die ans Herz greift! Nach 250 Vorstellungen in Stuttgart, Zürich, Kempten und anderswo hörten die beiden mit „Indien“ auf. Publikum hätten sie mit dem Erfolgsstück bis in alle Ewigkeit gefunden.
Aber aus, vorbei. Seit einigen Jahren beschäftigt Konarek etwas anderes als Indien: der Nahe Osten. Eine der beiden Konarek-Töchter lebt mit Familie in Haifa und immer öfter, wenn Bomben fallen, im Schutzraum. Ihre Eltern machen sich Sorgen – und es ist, als lege sich ein Schatten auf das sonst so sonnige Idyll in Malmsheim: Kann es aus der verfahrenen Lage dort unten je einen Ausweg geben?
Dank seines Schwiegersohns, eines palästinensischen Israeli, kennt Konarek beide Seiten des Konflikts. Ohne Umschweife sagt er: „Was Israels Regierung in Gaza treibt, ist Völkermord.“ Bei ihm ist das kein leichtfertig aus dem Ärmel geschütteltes Urteil, sondern Ergebnis einer langen, intensiven Auseinandersetzung. Zwei Stücke hat er als bestens informierter Autor fürs Stuttgarter Theaterhaus daraus gewonnen: das Lesedrama „71023“ zum Überfall der Hamas auf grenznahe Kibbuze sowie der Bühnenmonolog „Ich werde nicht hassen“, der elf Jahre alt, aber aktueller denn je ist. Der erschütternde Text handelt vom Überleben in Gaza, beginnend mit den fünfziger Jahren.
Aus dem Schrecken ein Theater der Aufklärung zu machen, auch das ist die Kunst des außergewöhnlichen Ernst Konarek.
Zuhälterkönig
Ernst Konarek stand nicht nur auf der Bühne, sondern in schrägen Rollen immer wieder auch vor der Kamera. In der österreichischen Kultserie „Kottan ermittelt“ (1976 bis 1984) gab Konarek den Gangsterboss Rudolf Horrak, der dem Polizeimajor Kottan nach dem Leben trachtet. In „Trautmann“ (2000 bis 2008) spielte er den Wiener Zuhälterkönig Kurt King-Kong Brösler.
Hamas-Überfall
Konareks Nahost-Stücke stehen noch auf dem Spielplan des Stuttgarter Theaterhauses. „Ich werde nicht hassen“ beruht auf den Aufzeichnungen des palästinensischen Arztes Izzeldin Abuelaish, gespielt wird das Solo vom iranischen Schauspieler Mohammad-Ali Behboudi. Beim Lesedrama „71023“ – der Tag des Hamas-Überfalls auf Israel – wirkte der langjährige Nahost-Korrespondent Jörg Armbruster als Berater mit.
Termin
„71023“ am 18. Juli, 20.15 Uhr, Theaterhaus, im Anschluss findet ein Gespräch mit Jörg Armbruster statt. Infos unter www.theaterhaus.com .