Es gibt vermutlich nicht sehr viele zehnjährige Mädchen, die sich auf dem Spielplatz hinstellen und verkünden: „Mein Opa hat versucht, Hitler zu erschießen.“ Carolin Sadrozinski war ein solches Kind. Der Begriff Widerstand ist für ein Grundschulkind ein ziemlich abstrakter Begriff. Zu sagen, der Großvater habe versucht, diesen bösen Mann zu beseitigen, entsprach hingegen schon ihrer kindlichen Vorstellung von dem, was lange vor ihrer Geburt geschehen ist.
Kennengelernt hat die heute 44-Jährige ihren Großvater Joachim nie. Dennoch war er präsent. Aber ein Held? Das nicht, sagt sie. „Er war kein Übergroßvater bei uns.“ Dennoch hebt sich ihre Familiengeschichte von der anderer doch ein bisschen ab. Da war eine Ahnung, der Opa habe etwas getan, was nicht jeder gemacht hat. Aufgewachsen ist sie mit einer Fotografie von ihm, die ihn in Zivil vor dem Volksgerichtshof unter Vorsitz von Roland Freisler zeigt. Am 21. August 1944 wurde Joachim Sadrozinski wegen seiner Beteiligung am Attentat auf Adolf Hitler zum Tode verurteilt. Einen Monat später wurde er in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
Da war sein Sohn, Carolin Sadrozinskis Vater, fünf Jahre alt. Zu der Kindheitserinnerung der Enkelin gehört neben der Fotografie seine Erzählung, er sei als Kind auch nach dem Krieg nicht zu Kindergeburtstagen eingeladen worden. Seine Erfahrung spiegelt die lange und weitverbreitete Haltung der deutschen Nachkriegsgellschaft wider, die Attentäter des 20. Juli 1944 seien Verräter gewesen. Um ihre Witwen und Kinder vor allem finanziell zu unterstützen, gründete sich 1949 die zunächst als Hilfsfonds konzipierte Stiftung 20. Juli 1944.
Als Angehörige der Enkelgeneration engagiert sich Carolin Sadrozinski heute dort im Vorstand. Sie hat den offenen Brief vom Februar dieses Jahres unterzeichnet, in dem über 200 Kinder und Enkel der Widerstandskämpfer mahnen, sich gegen die rechtsextremen Tendenzen der Gegenwart zu stellen, und Einsatz für Demokratie und Zivilcourage fordern. Zu den Unterzeichnern gehören beispielsweise der Stauffenberg-Enkel Karl Schenk Graf von Stauffenberg oder Mitglieder der Familie des Theologen Dietrich Bonhoeffer. Für Joachim Sadrozinskis Enkelin ist das Handeln des Großvaters eine Mahnung, nicht gleichgültig zu sein. Ja, vielleicht sogar Verpflichtung. Die Resonanz auf diesen offenen Brief war riesig, sagt sie. Die Stiftung hat zum 80. Jahrestag des Attentats einen Countdown mit Zitaten von Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfern jeglicher Couleur auf ihrer Website und bei Linked-In gestartet.
Die Oma fährt zu den Gedenkfeiern
Berlin, Bendlerblock. Zweiter Stock. Geboren in der Pfalz, lange Jahre in Stuttgart lebend, steht Carolin Sadrozinski an einem warmen Frühlingstag in den Räumen, in denen ihr Großvater vor fast 80 Jahren am 20. Juli 1944 eine für sein weiteres Leben folgenreiche Entscheidung traf. Die Räume sind hoch, das Parkett gediegen knarzend. An den Wänden hängen Schautafeln und Fotografien. Hier war zur NS-Zeit das Oberkommando des Heeres. Heute befindet sich hier die Gedenkstätte deutscher Widerstand, die vom kommunistischen über den militärischen und zivilen bis zum christlichem Widerstand die Erinnerung an die mutigen Frauen und Männer bewahrt.
Die Stiftung 20. Juli 1944 hat hier ebenfalls ihren Sitz. Im Innenhof des Gebäudekomplexes finden jährlich am 20. Juli die Gedenkfeiern für die Männer des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler statt. Hier ist die Wand, vor der Claus Schenk von Stauffenberg noch in der Nacht nach dem gescheiterten Attentat hingerichtet worden ist. Hierher, auch das eine Kindheitserinnerung, ist Carolin Sadrozinskis Oma zu jeder dieser Gedenkfeiern von Kassel angereist. „Was damals durch die DDR nicht so leicht war“, sagt sie. 1992, da ist sie zwölf Jahre alt, fährt die Enkelin zum ersten Mal mit nach Berlin. Und von da an immer öfter und regelmäßig.
Wann hat sich der Opa entschieden?
Carolin Sadrozinski führt durch die Ausstellung, zeigt auf einen Raum, die deckenhohen weißen Vorgänge wehen im Wind, und erklärt: „Hier war das Arbeitszimmer Stauffenbergs.“ Ihr Großvater Joachim Sadrozinski war sein Abwesenheitsstellvertreter als Stabschef, so seine offizielle Funktion. Stauffenberg und Sadrozinski haben einen gemeinsamen Vorgesetzten: General Friedrich Fromm. Als der am 20. Juli festgenommen wird, entscheidet sich Joachim Sadrozinski „für die Seite der Attentäter“. Erst zu diesem Zeitpunkt?
Wie es ein Cousin Carolin Sadrozinskis den Gerichtsakten entnommen hat, vervielfältigte der Großvater die Walküre-Befehle, in denen Hitler für tot erklärt, die Verhaftung von SS, SD und die Übertragung der Befehlsgewalt auf die Wehrmacht angeordnet werden. Außerdem habe er dafür gesorgt, dass die Schreiben verschickt wurden. Das alles tat er offenbar schon im Wissen, dass Hitler das Attentat überlebt hatte. „Sehr viel mehr wissen wir aber nicht über ihn“, sagt seine Enkelin.
Die Frage, die sie innerhalb der Familie unterschiedlich beantworten, ist die, mit welchem Wissen der Großvater an jenem Donnerstag im Sommer 1944 morgens aus dem Haus ging. Wusste er, was geschehen würde, oder hat er erst im Lauf des Tages von den Umsturzplänen erfahren? „Darüber diskutieren wir viel“, sagt Carolin Sadrozinski. Denn es gibt einen Brief, den der nach Berlin versetzte Oberstleutnant seiner Frau am Morgen des 20. Juli nach Masuren geschrieben hat. Er beginnt mit den Worten „Jetzt geht die Reise los“.
Eine Reise, so Carolin Sadrozinski, „hatte er nicht geplant“. Am Tag vorher war er von der Wolfsschanze, dem Führerhauptquartier in der Nähe von Rastenburg (heute Kętrzyn), nach Berlin zurückgekehrt. Was meinte er also mit dem Begriff „Reise“? Die Enkelin ist vorsichtig. „Man weiß es einfach nicht. Wir werden es nie erfahren.“ Von dem Brief weiß sie erst seit zwei Jahren.
Ein letzter Brief an die Ehefrau
Die Großmutter war zeitlebens überzeugt, ihr Mann habe im Vorfeld nichts von den Attentatsplänen gewusst. In einem letzten Brief aus der Haft an seine Frau schreibt er, ein Moment der Schwäche habe ihn schuldig werden lassen. Außerdem empfiehlt er der Mutter seiner fünf Kinder, wieder zu heiraten oder auch einen anderen Namen anzunehmen, wenn er schreibt: „Auch ein neuer Lebensbund muss erwogen werden.“ Will er mit dem Schuldeingeständnis seine Familie schützen?
Es ist sicherlich kein Zufall, dass Carolin Sadrozinski während ihres Studiums des Bibliotheks- und Medienmanagements ihr Praktikum in der Bibliothek der Gedenkstätte im Bendlerblock absolviert hat. An einem authentischen Ort ihrer Familiengeschichte. „Durch die langen Flure hier zu gehen, das war schon beeindruckend.“ Aber schon während der Schulzeit „wusste ich immer genau, zu welchem Thema ich ein Referat mache“. Gleichzeitig hatte sie auch das Gefühl, „so wahnsinnig interessierte das Thema militärischer Widerstand lange Zeit niemanden“. Sie wird deshalb zurückhaltender mit der Preisgabe ihrer Familiengeschichte und den Gesprächen über das Thema Widerstand.
Das ändert sich jetzt um der Sache willen, dem Einstehen für rechtsstaatliche und demokratische Prinzipien. Über die Jahre wächst sie in das Thema und seine Vermittlung hinein. Durch die Mitgliedschaft bei der Forschungsgemeinschaft zum Thema wird ihr Wissen größer. 2018, inzwischen nach Berlin umgezogen, verfasst sie eine Woche vor dem Jahrestag mit anderen Nachfahrinnen der Widerständler einen Text, in dem sie sich gegen die Vereinnahmung des Begriffes Widerstand durch rechte Kreise aussprechen und betonen, „dass unsere Großväter den Weg für ein demokratisches Deutschland bereitet haben“. Sie sprechen sich für ein starkes Europa und gegen Rechtspopulismus aus und versammeln über 600 Unterschriften der Nachfahren unter diesem Brief.
Als im Vorstand der Stiftung 20. Juli 1944 ein Posten frei wird, übernimmt Carolin Sadrozinski ihn. Die Zeit ist reif. Auch wenn sie davon überzeugt ist, dass es momentan die noch lebenden Kinder der Attentäter sind, die als Zeitzeugen in die Schulen gehen müssen. Weil sie noch davon erzählen können, wie sie etwa Sippenhaft erlebt haben. „Solche Zeitzeugenschaft hat eine ganz besondere Wirkung auf Schulklassen.“ Doch die Stiftung trägt nicht nur die jährliche Gedenkveranstaltung aus. Sie will auch in die Zukunft wirken. „Wir leben in einem Land, in dem zunehmend Zivilcourage gefragt ist“. Als müsse sie ihr Engagement rechtfertigen, denkt Carolin Sadrozinski laut nach: „Ich weiß nicht, wie ich mich damals verhalten hätte. Aber für heute weiß ich: bis hierher und nicht weiter.“