80 Jahre Stuttgarter Zeitung Sahnewaffeln und Zeitungsträume: eine ehemalige StZ-Redakteurin erzählt
Beide sind Jahrgang 1945: die bürgerlich-liberale Stuttgarter Zeitung und eine ehemalige Redakteurin aus einem Gablenberger Arbeiterhaushalt.
Beide sind Jahrgang 1945: die bürgerlich-liberale Stuttgarter Zeitung und eine ehemalige Redakteurin aus einem Gablenberger Arbeiterhaushalt.
Die Stuttgarter Zeitung gehörte zu unserem Gablenberger Haushalt wie das Loba-Bohnerwachs und das Palmin-Tafelfett, mit dem meine Oma die Fleischküchla gebraten hat. Die Wohnverhältnisse im Mietshaus Wunnensteinstraße 46 waren eng. Wir logierten zu fünft mit meinen Eltern und Großeltern väterlicherseits in drei Zimmern, einer schmalen Küche samt noch schmälerer Veranda und einem schlauchartigen Klo. Gewaschen haben wir uns in einer Emailleschüssel auf dem „Ablauf“, wie man die steinerne Spüle in der Küche nannte. Einmal die Woche wurde in der Waschküche im Keller der Ofen geheizt, damit warmes Wasser in eine frei stehende Wanne fließen konnte. Die Badezeiten waren zugeteilt für die sieben Wohnungen.
Die Enge war kein Grund zur Klage. Denn nach Kriegsende waren in Stuttgart 80 000 Wohnungen ruiniert, zwei Drittel der Innenstadt zerstört. 4500 Tote und zehntausende Obdachlose zählt die amtliche Statistik auf. Unser Haus mit Blick zum Rotenberg, das einem angeheirateten Verwandten meiner Oma gehörte, war intakt geblieben. Das war ein Glück, denn ich hatte es knapp vier Wochen nach Friedensschluss so eilig, endlich das Licht der Welt zu erblicken, dass meine Mutter Lore zur Hausgeburt gezwungen war. Gegen vier Uhr morgens schnitt die Kusine meines Vaters, die unter uns wohnte, die Nabelschnur durch, während meine Oma Berta zur Gablenberger Hebamme rannte.
Vom Kindsvater Willy wusste man nichts Genaues. Der 23-jährige Soldat war wegen einer Verletzung von der russischen Front in ein entferntes Lazarett gebracht worden. So geriet er in amerikanische Gefangenschaft und erreichte wenige Wochen nach der Geburt seiner Tochter Stuttgart. Ein großes Glück, denn von den Jahrgängen 1920-25 kehrten mindestens zwei Fünftel der jungen Soldaten nicht aus dem Krieg zurück.
Glück war auch, dass meine Mutter in der engen Wohnung sehr gut mit ihrer Schwiegermutter auskam. Meine geliebte Oma Berta (Jahrgang 1897) sorgte dafür, dass wir in den Hungerjahren immer genug zu essen hatten. Nach einem langen Arbeitstag als Akkord-Näherin mit Sechs-Tage-Woche in der Strickwarenfabrik Volpp am Stöckach saß sie nachts noch daheim an der Nähmaschine. Aus Stoffresten nähte sie Hamsterware, die bei Heilbronn gegen Lebensmittel getauscht wurde. Lange Jahre wurde in der Familie erzählt, wie Klein-Suse sich beschwerte: „Der Hellwiger (Lebensmittelladen) hat so schönen Salat und Spinat, aber mir miassed emmer saure Kartoffelrädla essa.“
Doch im Sommer hatte ich keinen Grund zur Beschwerde. Denn da gab es Gemüse, Beeren und Baumfrüchte en masse – aus dem Familiengarten auf dem Frauenkopf. Das 17-Ar-Grundstück mit Fachwerkhäusle am Rande der gleichnamigen Siedlung, in der Anfang der 50er Jahre auch die preußische Kronprinzessin Cecilie wohnte, gehörte meiner Oma und zwei ihrer Schwestern. Die erste Hälfte hatte schon deren Mutter, eine Bauerntochter aus Neckarwestheim, von ihrem Erbteil gekauft. Da Omas Vater Karl Dempel Buchdrucker und als solcher immer durstig war, steckte seine Frau ihr Erbgeld sicherheitshalber in Grund und Boden – damit es nicht in einer Wirtschaft nahe der Druckerei des Stuttgarter Neuen Tagblatts landete, wo mein Urgroßvater arbeitete. Kein Wunder also, dass auch im Haushalt von Tochter Berta stets die Stuttgarter Zeitung abonniert war, die Nachfolgerin des Tagblatts.
Meine erste Bakelit-Puppe „Lotte“ kam in einem Care-Paket der Familie des jüdischen Arztes Dr. Rosenfelder, die vor den Nazis nach Amerika geflohen war. Der Doktor hatte in seiner Gablenberger Praxis bedürftige Arbeiter umsonst behandelt, erzählte Oma.
Als ich drei Jahre alt war, ging auch meine Mutter wieder arbeiten als Sekretärin im Amtsgericht. Der Kindergarten war gleich gegenüber der Wohnung im evangelischen Gemeindehaus. Nachmittags war ich bei Omas Schwester Helene, die mit Mann und Sohn im Hochparterre wohnte. Ihr Sohn Erwin, neun Jahre älter als ich, wurde mein Ersatzbruder, ich teilte sogar den Kaugummi-Bollen mit mindestens fünf Streifen Wrighleys mit ihm. Die bekamen wir von einem GI aus dem Nachbarhaus, der mit der Mutter meines Spielkameraden Siegfried befreundet war. Wir fuhren im Winter mit dem Schlitten auf der Straße, wo nur selten ein Auto fuhr. Im Höfle zwischen den Häusern und auf dem Gehweg konnten wir gut spielen: Himmel und Hölle zum Beispiel oder Zehnerle, wo man auf zehn verschiedene Arten einen kleinen Ball an die Hauswand befördern und ihn wieder auffangen musste. Bei der Getränkehandlung in unserer Straße gab es irgendwann Waldmeister-Limonade zu kaufen – ein Kinderglück wie das Rollerfahren.
Mein Vater hatte mir in der Werkstatt von Kodak, wo er arbeitete, eine himmelblau lackierte Radelrutsch mit feuerroten riesigen Rädern geschweißt, mein ganzer Stolz. Und eines Tages gab es beim Bäcker Blind einen Automaten, wo man für zehn Pfennig eine mit Sahne gefüllte Waffel bekam. Das war meine Belohnung, wenn ich am Wochenende den Kuchen zum Ausbacken brachte. Daheim gab es noch keinen Backofen.
Die Wochenenden gehörten dem Sportverein Gablenberg, wo ich schon früh Fußballfan mit Kenntnis der DFB-Regeln wurde. Erlebnis-Highlights waren für mich das Polizeisportfest im Neckarstadion (Erwins Vater war Polizist und bekam Freikarten), das Autorennen auf der Solitude, die Wilhelma und der Höhenpark Killesberg mit Bähnele. Unsere ledige Tante Hede lud mich und meine liebe Kusine Gisela, die beim anderen Opa in der Bussenstraße wohnte, ab und zu ins Ostheimer Kino oder ins Café Marquart ein: kleine Feste für uns Kids.
Kurze Ferienreisen blieben bei Weidenbachs zunächst auf den Schwäbischen Wald und den Schwarzwald beschränkt. Doch einmal ging es mit dem VW Käfer zu fünft an die Mosel, wo wir uns dann Essen auf einem kleinen Kocher machten, um die Kosten fürs teure Frühstück in der Pension zu sparen. Wie der Kocher noch in den vollgepackten Käfer passte, ist mir bis heute ein Rätsel.
Schon mit 13 Jahren wusste ich, dass ich Journalistin werden wollte – am liebsten bei der Stuttgarter Zeitung. Angefixt hatte mich das Buch „Barbara, die fixe Reporterin“. Mit einer Empfehlung der Wagenburg-Grundschule hatte ich die Aufnahmeprüfung am Evangelischen Heidehofgymnasium für Mädchen bestanden und war die erste in der Großfamilie, die ein Gymi besuchte. Die ehemalige Reformschule auf der vornehmen Gänsheide hatte sogar Ganztagsbetreuung für Töchter berufstätiger Mütter. Ich fühlte mich sehr wohl dort und fand Freundinnen fürs Leben.
Dennoch wollte ich eigentlich schon mit der Mittleren Reife aufhören, um bald Geld zu verdienen. Sicherheitshalber schrieb ich drei Journalisten an mit der Frage, ob für eine Zeitungsausbildung Abitur nötig sei. Der Chefredakteur des Stuttgarter Grünen Sportberichts, ein Kolumnist der Frankfurter Abendpost und eine Reporterin der „Für Sie“ empfahlen unisono: Abi machen!
So blieb ich drei weitere Jahre, auch wenn mein Schulweg weiter geworden war, seit wir nach Wangen gezogen waren – kurz vor meiner Konfirmation in der Petruskirche. Die Gymnasialzeit mit ersten journalistischen Erfahrungen in der Redaktion des Schuljahrbuchs beendete ich mit dem Scheffelpreis für die Klassenbeste in Deutsch und der Abiturrede bei der Feier im Hospitalhof.
Mein Vater hatte zuvor auf mein Drängen „Professor Eberle“ angesprochen. Der legendäre Herausgeber der StZ spazierte regelmäßig an unserem Frauenkopf-Garten entlang auf dem Weg zu seiner „Dichterklause“. In dem kleinen Natursteinhaus hatte schon ein anderer berühmter Stuttgarter sein Atelier: der „Kunschdmaler Ackermann“ , wie Oma ihn nannte. Josef Eberle verwies kühl auf seinen Chef vom Dienst, Karl Apfel, der uns sagen könnte, ob die Zeitung Journalisten ausbilde. „Nein“, war dessen Antwort am Telefon. Auch meine Anfrage bei den Stuttgarter Nachrichten wurde abschlägig beschieden.
Doch Hilfe nahte von meiner tollen Klassenlehrerin Annemarie Weber. Sie vermittelte mir ein Gespräch mit einem befreundeten Landtagskorrespondenten für mehrere Zeitungen. Auf seine Empfehlung bewarb ich mich dann bei der Schwäbischen Zeitung und dem Mannheimer Morgen. Erstere war schneller mit Vorstellung und Zusage, und so volontierte ich in Leutkirch und Überlingen statt im Stuttgarter Turmhaus.
1977 klappte es doch: Nach acht Jahren bei dpa in München fing ich am 1. Juli als Innenpolitik-Redakteurin der StZ an. Doch das ist eine andere Geschichte . . .