Gesichert ist aber, dass Esslingen vor dem Jahr 1229 zur Stadt erhoben wurde und damals bereits eine Stadtmauer mitsamt Toren besaß. Auch stilistisch – der gotische Spitzbogen, das Buckelquadermauerwerk und die Löwenfiguren aus der Zeit der Staufer – passe der Turm gut in die Zeit um 1220, bestätigt der in Esslingen wohnhafte Kunsthistoriker Christian Ottersbach. Anlass genug also, den ungefähren Jubilar zu würdigen und seinen Alltag grob nachzuzeichnen.
Zunächst nur ein Schalenturm ohne Dach und Rückwand
Als das Tor gebaut wurde, lag Deutschland militärtechnologisch weit hinter England und Frankreich, wie Ottersbach schildert. So schien das damals knapp 22 Meter hohe Bollwerk – vermutlich zunächst nur ein Schalenturm ohne Dach und Rückwand – zwar schwer zu erstürmen. Aber die einzige Form der Verteidigung bestand darin, Steine oder brennende Pechkränze zwischen den Zinnen runterplumpsen zu lassen, wenn sich Eindringlinge am Tor zu schaffen machten. Im Gegensatz zum jüngeren Pliensautor besaß der Turm keine Schießscharten, sondern lediglich schmale Beobachtungsschlitze. Wache hielten vermutlich zum Dienst verpflichtete Bürger oder eingestellte Söldner, die von der Plattform in die Ferne spähten.
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Erst im späten Mittelalter, als fest angestellte Torwächter diese Arbeit übernahmen, erhielt das Wolfstor eine feste Rückwand aus Fachwerk. Die Wächterfamilien wohnten in der Türmerstube. Die Männer sorgten dafür, dass die Sperrzeiten eingehalten wurden, und durften nach Torschließung bei Einbruch der Dunkelheit niemand Fremden ohne Wissen des Stadthauptmanns einlassen, wie Ottersbach erzählt. Vor allem nachts hielten sie von der obersten Plattform Ausschau nach Feinden oder Bränden und läuteten gegebenenfalls Sturm. Tagsüber, wenn das Tor offen stand, hatten sie ein Auge darauf, dass die Schildwache Bettler und zwielichtige Figuren draußen hielt.
Verteidigung mit Salven aus der Hakenbüchse
Zur Verteidigung der Stadt dienten im späten Mittelalter kleine Kanonen, so genannte Falkonette, mit denen man durch die Zinnen schoss. Das war auch hin und wieder notwendig. Die Reichsstadt wurde in der Zeit mehrmals von den Württembergern belagert, unter anderem im Jahr 1519 durch Herzog Ulrich von Württemberg. „Das Wolfstor spielte damals eine militärische Rolle“, weiß Ottersbach. Mit Kanonenschüssen und Salven aus der Hakenbüchse gelang es, die Württemberger in Schach zu halten und daran zu hindern, die Mauern zu erklimmen. Zeugnis darüber gibt der Esslinger Kürschner Dionys Dreytwein, der den Angriff als Bub miterlebt hatte und später darüber in seiner Chronik über Esslingen berichtete.
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Ob auch mal das Fallgitter aus Eichenholz seinen Zweck erfüllte und hinuntersauste, sobald der Feind den Torraum betrat? Die Idee war, den Gegner dann mit Steinen oder heißem Wasser durch das „Mordloch“ in der Gewölbedecke zu bewerfen oder direkt von oben mit der Armbrust zu beschießen. Doch Ottersbach glaubt nicht, dass die Württemberger jemals soweit kamen. Sowohl das quadratische Loch in der Decke als auch der Lauf des Fallgitters in der Mauerstärke sind heute noch sichtbar.
Pfadfinder rissen Wände ein
Zwischen 1802 und 1803 wurde Esslingen württembergisch. Spätestens da verlor das Wolfstor vollends seine militärische Funktion. Die Prioritäten verschoben sich: Zwei Mal, nämlich 1834 und 1867, stand öffentlich zur Debatte, das Wolfstor zugunsten des Straßenverkehrs abzureißen. Die Stadtoberen hielten aber ihre Hand darüber.
Davon profitierten von 1960 an zunächst die Esslinger Pfadfinder. Bis dahin hatte die Stadt die Zimmer im Wolfstor an Familien vermietet, wie aus alten Zeitungsberichten hervorgeht. Die Pfadfinder rissen Wände ein und schufen zwei große Räume – einen „Partykeller“ auf der unteren Ebene und darüber einen Raum zum Singen und Basteln. Von 1984 bis 2018 war das Wolfstor das Zuhause einer Vereinsgemeinschaft. Dazu gehörte der Verein Deutscher Böhmerwaldbund, der Sudetenchor Esslingen, der Deutsche Alpenverein, Sektion Sudeten und die Krummauer Heimatgemeinde, worüber die Stadt Esslingen die Patenschaft hat. In diesen Jahren wurde der Turm in 8000 ehrenamtlichen Arbeitsstunden von den Vereinsmitgliedern in ein ansehnliches Vereinsheim verwandelt.
Inspirierende Atmosphäre für Gründer
Und heute? Im Torraum liegt eine schmutzige Matratze „zum Verschenken“. Manchmal betteln hier obdachlose Jugendliche mit Hunden. Immerzu wirbt ein Plakatständer für eine anstehende Aufführung der württembergischen Landesbühne. Nichts aber deutet darauf hin, was hinter den Mauern des Wolfstors vor sich geht. Das Stadtarchiv verweist auf Daniela Gorka, die Innovationsmanagerin der Stadt. Sie kennt den Weg ins Wolfstor. Er führt über das Makers Inn in der Küferstraße 46, dem Treffpunkt des Vereins Makers League, der Gründern bei der Verwirklichung ihrer Ideen unterstützt. Dort hängt der Turmschlüssel. Nehmen darf ihn jeder „Maker“, der Gespräche mit Investoren führen muss, der für Teamarbeit mehr Raum braucht oder auch einfach nur eine inspirierende Atmosphäre sucht. „Dieser historische Ort hat auch eine emotionale Wirkung“, findet Daniela Gorka. „Wir hoffen, dass er die Gründerszene dazu bewegt, Esslingen auch langfristig die Treue zu halten.“
Woher stammt der Name Wolfstor?
Namen
Das Wolfstor hieß früher anders. In spätmittelalterlichen Quellen ist die Rede vom Obertor oder vom Oberesslinger Tor. Später sprach man vom Brottor, weil wohl ein Bäcker in der Nähe wohnte. Der Name Wolfstor tauchte das erste Mal im 16. Jahrhundert auf und setzte sich dann im 17. Jahrhundert durch.
Irrtum
Lange Zeit vermutete man, dass das wolfsähnliche Relief auf der Stadtseite des Tors der Namensgeber war. Allerdings gibt es aus der Zeit des Mittelalters kein Zeugnis von dem Namen Wolfstor. Darum nimmt man heute an, dass er auf eine Torwächterfamilie namens Wolf im 17. Jahrhundert zurückgeht. Tore nach den Wächtern oder nach Familien zu benennen, die in der Nähe wohnten, war nicht unüblich.