84-Jährige wird Opfer eines Trickbetrugs Das Geld ist futsch, das Vertrauen weg

Wie konnte ich nur? Warum habe ich nicht? Ältere Menschen werden von Kriminellen gezielt als Opfer von Trickbetrug ausgesucht. Mancher Fall kommt nie ans Tageslicht – aus Scham. Foto: /dpa

Üble Masche mit einer ausgespähten Karten-PIN-Nummer an der Ladenkasse: Ihre Gutgläubigkeit hat eine 84-Jährige aus Darmsheim um einen hohen vierstelligen Betrag gebracht. Und sie will nicht, dass das anderen auch widerfährt.

Es ist mehr als eine Woche her. Doch auch heute noch knabbert eine alte Dame schwer daran, was ihr am vorgegangenen Freitag im Edeka in Dagersheim passiert ist. Die 84-Jährige wurde Opfer eines Trickbetrugs. Ihr und ihrer Tochter liegt sehr daran, dass anderen so ein Schicksal erspart bleiben möge. Weshalb sie sich gemeldet haben und ihren Fall schildern – zur Warnung.

 

Es ist ein Freitagmorgen gegen 9 Uhr, als Hannelore M. (Namen geändert) im Supermarkt in der Albert-Schweitzer-Straße einkauft. So dies und das, was man eben so braucht. Gerade, als sie ihren Einkaufswagen zur Kasse schiebt, wird sie von einer jungen Frau angesprochen. Die übergibt ihr einen 5-Euro-Schein, den die alte Dame zuvor im Laden verloren haben soll.

Hannelore M. ist verblüfft, aber gut. Gut, wenn es noch ehrliche Leute gibt. Die 84-Jährige steckt den Geldschein ein, dankt herzlich für die Ehrlichkeit, ein, bezahlt und geht zum Parkplatz. Dorthin jedoch folgt ihr die etwa 25-jährige Frau, die schlecht Deutsch spricht (oder das vorgibt), und spricht die Seniorin erneut an. Der Geldschein gehöre doch ihr, erklärt die Unbekannte, fordert ihn zurück. Hannelore M. wundert sich zwar, öffnet aber ihre Geldbörse. Das ist der Moment, in dem die geschätzt Mittzwanzigerin die Verdutztheit der alten Frau schamlos ausnutzt. Mit flinken Fingern bemächtigt sich die Unbekannte der EC-Karte der Kundin, ohne dass die dies bemerkt.

So nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Unbekannte gelangt mit ihrer Trickserei nicht nur in den Besitz der Scheckkarte. Sie hat, auch das unbemerkt, zuvor deren PIN-Nummer ausgespäht, indem sie im Rücken der Seniorin an der Kasse die Eingabe der vierstelligen Zahlenkombination mitverfolgte.

15 Minuten später: 4000 Euro fehlen

Szenenwechsel. Es ist Montag, der 25. Juli. Sabine P., die Tochter der Darmsheimerin, geht auf die Bank. Sie muss Geld holen am Automaten und lässt bei der Gelegenheit auch Girokontoauszüge für ihre Mutter heraus. Als sie auf das schaut, was der Drucker ausspuckt, fällt sie „aus allen Wolken“, wie die Mittfünfzigerin erzählt. Keine Viertelstunde nach dem Vorfall in Dagersheim ist bei der Darmsheimer Bank Geld abgehoben worden. 4000 Euro in zwei Tranchen.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, zeigen die Auszüge zwei weitere Abbuchungen: eine am Samstag in Fürth, eine am Sonntag in Leipzig. Sabine P. reagiert sofort. Sie setzt online das Limit an Überziehung auf null, ruft den Sperrnotdienst auf der 116 116 an – und gleich darauf auch die Polizei zur Anzeige des Falls. Das Konto ist nun zwar gesperrt, aber um einen hohen vierstelligen Betrag erleichtert. „Das ist bitter, ganz arg bitter“, sagt Sabine P.

Womit sie das Geld meint, das nun futsch ist. Aber nicht nur das. Sie wisse nicht, ob „der psychische Schaden“ bei ihrer Mutter, die sich natürlich Vorwürfe mache, „nicht noch schlimmer“ sei. Hannelore M. geht der ganze Vorfall nicht mehr aus dem Kopf. Wie man sie so dreist leimen konnte. Wie sie, die bei jedem dubiosen Anruf sofort auflegt, hereinfallen konnte auf eine scheinbar hilfsbereite, vielleicht in Not geratene junge Frau. Sie, die niemanden aufmacht, der klingelt und kein Bekannter ist. „Meine Mutter würde nicht mal so einfach die Polizei reinlassen“, sagt die Tochter.

Nun ist es der betagten Dame, die selbst ein Flüchtlingsschicksal durchgemacht hat im Leben, passiert. Reingefallen auf eine Masche. Da ist Urvertrauen kaputtgemacht. Wie kann man jemanden um seine schmale Rente betrügen?, mag sich Hannelore M. fragen, die noch nie Opfer eines Betrugs geworden ist. Die bisher nur von anderen gelesen hat, die Opfer geworden sind. Die die zehn Gebote noch mit der Muttermilch aufgesaugt hat. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht lügen. Falsche Polizisten und Banker und Microsoft-Mitarbeiter hat es seinerzeit noch nicht gegeben. Online-Betrug wäre ein Fremdwort gewesen aus einem anderen Planetengestirn. Der Trickdiebstahl treibt Hannelore M. um, er drängt aus ihr heraus. Leider sei auch das ambivalent, sagt die Tochter.

Denn neben viel Empathie und Verständnis treffe ihre Mutter auch auf Vorhaltungen und Unverständnis. Das strafe sie ein zweites Mal. Sie, zu deren Wesensart Hilfsbereitschaft gehöre und ein grundgütiger Kern. Gott sei Dank seien die Beamten im Polizeiposten Ehningen mit ihr „sehr liebevoll und emphatisch umgegangen“. Freilich auch darauf hinweisend, dass es schwierig sei, so eine reisende Täterin (plus ihre vermutlichen Mittäter) aufzuspüren.

Ermittlungsansätze sind meist dürftig

„Die Ermittlungsansätze, die man bei überörtlich agierenden, bandenorganisierten Tätergruppen hat, sind in der Regel dürftig“, sagt auch Yvonne Schächtele. Die Polizeihauptkommissarin und Pressesprecherin der Polizeidirektion Ludwigsburg weiß: Auch wenn Überwachungsmaterial aus Banken Bilder liefere, seien solche Taten schwer aufzuklären. Schon eine Sonnenbrille mache Nachweise schwer. „Identifizieren Sie da mal jemanden.“ Viele Fälle von Trickbetrug, sagt die 41-Jährige, blieben auch im Dunkelfeld – „aus Scham oder Furcht, ein zweites Mal abgestraft zu werden, wenn man so was kundtut“. Die Masche mit dem vermeintlich verlorenen 5-Euro-Schein sei auch ihr neu. Doch stets gehe es darum, jemanden dazu zu bewegen, seine Geldbörse aufzumachen. Yvonne Schächtele: „Dafür sucht man sich gezielt ältere Damen und Herren aus, die helfen wollen, die aber motorisch nicht mehr so fit sind, nicht mehr so gut sehen, die man überfahren kann.“

Einen Tipp hat Yvonne Schächtele. Sie rät, die Limits für den Dispositionskredit der EC-Karte so festzusetzen, dass nicht noch „unnötig“ Geld verloren geht. Außerdem könne man – online sogar selbst – festlegen, wie viel Geld man mit so einer Karte pro Tag überweisen und wie viel man an einem Tag abheben kann.“ Das – viele wüssten es nicht – sei „kein Fehler“.

Banken und Handel schulen Personal

„Das schwächste Glied in der Kette ist nicht die Karte. Die macht, was sie soll“, sagt ein Banker: „Es ist der Mensch.“ Untätig sei sein Arbeitgeber keineswegs, im Gegenteil. Für Betrugsprävention gebe es eine „Extraabteilung“. Mitarbeitende des Geldinstituts würden jährlich geschult und sensibilisiert – „in Pflichtschulungen“. So manches nicht koschere Kreditkartengeschäft sei so schon verhindert worden. „Abbuchungen, die nicht ins Profil passen, werden schon mal abgelehnt, und es wird erst nachgefragt, um Schaden abzuwenden“, sagt der erfahrene Mann. Er wisse von Fällen, in der aufmerksame Kolleginnen und Kollegen durch Nachfragen Enkeltrick-Betrügereien erfolgreich verhindert hätten. „Sobald eine neue Masche auftaucht, weisen wir alle darauf hin“, sagt der Bankangestellte.

Leider sei vieles wie der Wettlauf zwischen Hase und Igel: „Kaum ist eine Masche aufgedeckt und zieht nicht mehr so, fängt garantiert gleich die nächste an.“ Der Mann kennt zwar beruflich so gut wie alle Gangstertricks. Aber auch er baut vor: „Ich habe mich in meiner Hausrat-Police gegen Online-Betrug versichert. Das kostet zwar ein paar Euro mehr. Aber das ist es mir wert.“

Sei es Handtaschen- und Geldbörsenklau, sei es der Geldwechseltrick: Supermärkte und ihre Parkplätze sind für Täter(innen) ein beliebtes Terrain, weil dort viele ältere Leute zur leichten Beute werden können. Der Handel lasse Verkaufs- und Kassenpersonal deshalb immer öfter speziell schulen, sagt Michael Heinle, 29, Sprecher beim Einzelhandelsverband Baden-Württemberg: „Wachsam, aufmerksam zu sein, schadet doch nie.“

Die „Enkel“- und sonstigen Tricks nehmen teils kräftig zu. Schockanrufe auch

Gewiefte Gauner
Phänomen „Enkeltrick“. Immer wieder fallen zumeist ältere Menschen auf Anrufe mit Geldbitten vermeintlicher Enkelkinder herein. Die behaupten dann zum Beispiel, in einen Unfall verwickelt zu sein und dringend Geld zu brauchen, um etwa nicht in Haft zu gehen (Schockanruf). Oder Geld zu benötigen für eine neue Küche. Die neueste Version ist die via Handy – als „Enkeltrick 2.0“ mittels WhatsApp.

Falsche Anrufer
Die Summen, die damit erschlichen werden, gehen mitunter bis in den fünfstelligen Bereich. Auch falsche Bank- und Polizeibeamte sowie falsche Microsoft-Anrufer machen der echten Polizei wahre Sorgen. „Telefonbetrüger überziehen nicht selten Kommunen oder ganze Regionen mit einer Vielzahl von Anrufen“, schreibt die Polizei. Der Kreativität der Täter seien dabei scheinbar keine Grenzen gesetzt.

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