85 Jahre Firma Merath in Waiblingen Alter Betrieb mit vielen neuen Ideen

Von Annette Clauß 

Ein preisgekröntes neues Abgasreinigungssystem für Biogasanlagen, winzige Akkus für GPS-Tracker, die an Wildtieren befestigt werden, oder der Plaudertisch, an dem ältere Menschen schwätzen und trainieren können: Auch 85 Jahre nach ihrer Gründung ist die Firma Merath in Waiblingen, deren Kerngeschäft eigentlich der Gehäusebau ist, offen für neue Ideen.

Florian (links) und Reinhard Winger sind ständig auf der Suche nach neuen Geschäftsideen.Foto:Gottfried Stoppel Foto:  
Florian (links) und Reinhard Winger sind ständig auf der Suche nach neuen Geschäftsideen. Foto:Gottfried Stoppel

Waiblingen - Man muss breit aufgestellt sein, das ist überlebenswichtig“, sagt Reinhard Winger. Was geschehen kann, wenn eine Firma von wenigen Auftraggebern abhängt, weiß der 71-jährige Unternehmer nur zu gut. Im Jahr 1998 hat er die Firma Merath in Waiblingen-Hegnach übernommen. Der 1934 als Schlosserei gegründete Betrieb, der in den 60er Jahren mit dem Bau von Gehäusen und Schaltpulten für bekannte Konzerne groß geworden war, hatte zuvor Insolvenz anmelden müssen.

„Der Verlust von zwei Großkunden hat Merath damals den Todesstoß versetzt“, sagt Reinhard Winger, der die Firma gewissermaßen zu neuem Leben erweckt hat. In den Nullerjahren, als die Solarbranche boomte, ist die Firma Merath mit dem Bau von Wechselrichtern zunächst wieder kräftig gewachsen, ab 2008 gab es starke Schwankungen – mal waren Überstunden angesagt, dann wieder Kurzarbeit. So hält Reinhard Winger also – seit dem Jahr 2015 zusammen mit Sohn Florian – ständig Ausschau nach neuen Geschäftsbereichen und -ideen, getreu dem Motto: „Nichts ist für die Ewigkeit.“

Waiblinger Akkus am Geparden-Ohr

Wohl auch deshalb kann die Firma Merath, anders als so mancher andere Traditionsbetrieb, in diesem Jahr ihr 85-jähriges Bestehen mit Kunden und Mitarbeitern feiern. Zu letzteren gehört ein Urenkel des Firmengründers Georg Merath, der ebenfalls ein vielseitiger Geschäftsmann gewesen sein muss. Hat er doch beispielsweise einen Ein-Mann-Helikopter mit Düsenantrieb entwickelt.

Der Gehäusebau bleibt zwar weiter das Kerngeschäft des Unternehmens, doch zur heutigen Wings Group mit ihrem Flügel-Logo gehören auch mehrere Start-up-Unternehmen – Tochterfirmen wie Accundu, die Akkus produziert. Die Bandbreite reicht da von riesigen Exemplaren für autonome Transportsysteme bis zu winzigen Akkus, die in GPS-Sensoren zur Ortung von Wildtieren wie Elefanten, Geparden oder Giraffen stecken. Eine besondere Herausforderung sei die Konstruktion eines nur ein Gramm schweren Akkus für einen Vogel-Tracker gewesen, sagt Reinhard Winger.

Vor rund zwei Jahren hat eine weitere Tochterfirma, Wingi, mit einem neuartigen Reinigungssystem für Biogas- und Biomüllverbrennungsanlagen den „Innovationspreis Mittelstand“ der Volksbanken-Raiffeisenbanken eingeheimst. Der Verkauf des preisgekrönten Reinigungssystems „Fabre“ habe sich leider als schwieriger als gedacht erwiesen, erzählt Reinhard Winger. Mit dem rund 40 000 Euro teuren, aber quasi unbegrenzt haltbaren Produkt wollte man eine Alternative zu den fünf- bis zehntausend Euro teuren, aber bei Dauerbetrieb nur wenige Monate haltbaren platinbasierten Katalysatoren bieten, die ansonsten für die Abgaswäsche benutzt werden.

Jeder bringt seine Ideen ein

Dass „Fabre“ weniger häufig als gedacht verkauft werde, habe damit zu tun, dass wohl so mancher Biogasanlagen-Betreiber den nur begrenzt haltbaren, aber billigeren Katalysator bevorzuge – und diesen nach der Grenzwertkontrolle bis zur nächsten Prüfung einfach wieder abschalte, um dessen Lebenszeit zu verlängern. Sollten Biogasanlagen aber einmal als Energiespeicher ins Spiel kommen, könnte sich die Situation ändern, hoffen die beiden Wingers.

„Jeder, der hier arbeitet, bringt seine Ideen mit ein“, erzählt Florian Winger. Der 41-Jährige sitzt im neu eingerichteten Kreativraum der Firma: zwei Bar-Tische mit passenden Hockern drumherum, hier können die Mitarbeiter die Perspektive wechseln, ihre Beine baumeln und das Gehirn kreativ sein lassen. Wer seine grauen Zellen noch mehr in Schwung bringen will, darf auf einer Schaukel Platz nehmen, die von der Decke baumelt.

Körperlich und geistig aktiv sein – das Thema treibt die Waiblinger ebenfalls um. „Wir konzentrieren uns gerade auf den Plaudertisch, der ein Herzensprojekt für uns ist“, berichtet Florian Winger. An diesem Tisch können insbesondere ältere Menschen Platz nehmen, sich unterhalten, dabei mit Händen und Füßen am Tisch befestigte Geräte wie die „Kaffeemühle“, oder das „Fahrrad“ betreiben und ganz nebenbei Koordination und Beweglichkeit erhalten und verbessern.

„Wir haben eine Förderung für die Entwicklung eines demenziellen Mobilitätserhaltungsgeräts bekommen“, erzählt Florian Winger: „Jetzt können wir mit einem Institut zusammenarbeiten und den Plaudertisch weiterentwickeln.“ Die Idee sei, die rein mechanischen Geräte des Plaudertischs mit Sensoren zu bestücken und eine Art Abenteuerspiel zu entwickeln. Denkbar wäre, dass die am Tisch Sitzenden mit ihren Bewegungen gemeinsam ein Schiff auf einem Bildschirm steuern und bewegen können. „Wir wollen ja nicht nur den nächsten Ergometer entwickeln“, sagt Florian Winger, der schon wieder weiterdenkt. Unter dem Arbeitstitel „Plaudertisch Business“ tüftelt man in Hegnach derzeit auch an einem Modell, das auf jüngere Menschen, etwa Büroangestellte, abzielt. Die könnten an dem Tisch ihre Besprechungen abhalten – und nebenbei die Rückenmuskulatur trainieren.