Vor 85 Jahren hatte Ernst Baisch zum ersten Mal in seinem Leben lange Hosen an. Damals saß der 14-Jährige in der ersten Reihe der Böblinger Stadtkirche – zusammen mit vielen weiteren Kindern. Es war Konfirmation an jenem Sonntag im Frühjahr 1937. Mehr als 100 junge Böblingerinnen und Böblinger kamen zusammen, um in die protestantische Gemeinde aufgenommen zu werden. Ein Festtag, der Ernst Baisch nicht nur seinen ersten Anzug bescherte.
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Am vergangenen Sonntag war Ernst Baisch erneut in der Stadtkirche zum Gottesdienst. Dieses Mal war er der älteste Gottesdienstbesucher und er kam auch als ältester Konfirmand der Stadt. Der 98-Jährige feierte seine Engelkonfirmation, den höchsten Jahrestag, den es für Konfirmanden gibt. Eine Auszeichnung, die nur wenige Menschen erleben. Selbst für den Diakon Markus Frasch war dies ein Novum. Noch nie, gestand er, habe er in seinem Geistlichenleben einen Engelkonfirmanden erlebt.
In der Helfergasse ging es eng zu
Ernst Baisch ist in Böblingen in der Nähe des Marktplatzes aufgewachsen und stammt aus einer der ältesten Familien der Stadt. Zuhause in der Helfergasse ging es eng zu. Nicht nur am Tisch: Neun Kinder zählte die Familie, der Vater war Maurer. Viel blieb da nicht übrig von dem Geld, das er jeden Monat nach Hause brachte. An selbstverständlichem Schick und Gala-Garderobe, wie sie heute von jedem Durchschnittskonfirmanden erwartet werden, war bei den Baischs an dem großem Tag nicht zu denken. Dennoch reichte es für den jungen Ernst endlich zum ersten Anzug.
Statt Hosen gab’s Strapse und Strümpfe
Bis zu diesem Tag musste der 14-Jährige, zweitjüngster in der familiären Nachwuchsriege, Verzicht üben, was Hosenbeine betrifft. Denn Beinbekleidung zählte damals nicht zur Ausstattung im Schrank eines Arbeiterhaushaltes. „Wir Jungs hatten immer lange Strümpfe an. Die gingen bis zur Hüfte und wurden mit einem Straps am Leible festgemacht“, erinnert sich Ernst Baisch. „Mehr als stolz“ sei er gewesen, als er die Strapse endlich einmal nicht knüpfen musste und sich im Anzug mit richtigen Hosen präsentieren durfte.
Ein Aktivposten im Sindelfinger Seniorenheim
Noch heute hängt das Bild des feschen Konfirmanden im Zimmer des Sindelfinger Seniorenheims, in dem Ernst Baisch mittlerweile lebt. Dort zählt er trotz seiner bald 99 Jahre zu den Aktivposten. Zwei Stunden geht er täglich mit dem Rollator spazieren. Auch innerhalb des Heims sorgt er für Bewegung. Demnächst möchte der gelernte Kauf- und Gießereifachmann eine „Singstunde“ ins Leben rufen, ein „Männerstammtisch“ ist ebenfalls schon fest in Planung.
Genau erinnern kann sich Ernst Baisch nicht mehr an den Tag, als er vor 85 Jahren in die Stadtkirche einmarschierte. Dafür umso besser an das „brechend volle“ Elternhaus, in dem die Verwandtschaft sich danach zu Ehren von Ernst eingefunden hatte. „Das war ein großer Festtag, da wurde die gute Stube frei gemacht“, erzählt Baisch. Und es gab Geschenke. Ein Gesangbuch, das er bis heute besitzt, dazu: Socken und Unterhosen.
Der Pfarrer war genauso angesehen wie der Bürgermeister
Und noch eine Erinnerung ist Ernst Baisch sehr präsent. Die an Dekan Dürr. „Der war genauso angesehen wie der Bürgermeister“, berichtet Baisch. Auch für den jungen Böblinger war der Pfarrer eine Respektsperson. „Ein väterlicher Freund, streng aber gerecht“, erinnert er sich. Einer, der die Konfirmanden seine Strenge im Zweifel auch hat spüren lassen. „Da herrschte Zucht und Ordnung“, sagt Ernst Baisch, und erinnert sich an die Autorität, die der Kirchenmann verstrahlte: „Vor dem sind wir stramm gestanden.“
Erfahrungen, die Ernst Baisch nicht vom christlichen Weg abbrachten. Nach dem Krieg, der Ur-Böblinger war mittlerweile zum Sindelfinger geworden, engagierte er sich in der Martinskirchen-Gemeinde der neuen Heimat. Nur zwei Stimmen fehlten ihm damals zu einem Sitz im Kirchengemeinderat.
Seit 50 Jahren befindet sich die geistige Heimat des Ernst Baisch jedoch im Pietismus und in Aidlingen. Dort, in den Bibelstunden des Diakonissenmutterhauses, hat er seine spirituelle Erfüllung gefunden. „Bis vor Kurzem“, erzählt der Engelkonfirmand, „war ich dort jeden Sonntag.“ Nach der Konfirmation 1937 entfalteten jedoch zunächst andere Mächte ihre Wirkung auf Ernst Baisch und die Böblinger Jugend. Der Gottesdienst interessierte wenig, die Konfirmandengruppe zerstreute sich bald: Statt in die Kirche ging’s zum technischen Dienst der Hitler-Jugend.
Fast wie bei Hochzeitsjubiläen gibt es auch in der Konfirmation besondere Festtage
10 Jahre Konfirmation:
Bronzene Konfirmation
25 Jahre Konfirmation:
Silberne Konfirmation
50 Jahre Konfirmation:
Goldene Konfirmation
60 Jahre Konfirmation:
Diamantene Konfirmation
65 Jahre Konfirmation:
Eiserne Konfirmation
70 Jahre Konfirmation:
Gnadenkonfirmation
75 Jahre Konfirmation:
Kronjuwelenkonfirmation
80 Jahre Konfirmation:
Eichenkonfirmation
85 Jahre Konfirmation:
Engelkonfirmation