Matthias Ziegler, der Geschäftsführer des Esslinger Klinikums, ist ein klima- und umweltbewusster Pendler. Tag für Tag legt er die Strecke zwischen Vaihingen an der Enz und Esslingen in beiden Richtungen mit Regionalzügen zurück. Die jüngsten Wochen haben ihm den Öko-Trip verleidet: „Ständig überfüllte Züge zwischen Vaihingen und Stuttgart und manchmal auch zwischen Stuttgart und Esslingen.“ Und überfüllt heißt laut Ziegler: „Die Leute haben kaum noch reingepasst in die Waggons. An Fahrradtransport war gar nicht zu denken.“ Es war die Zeit seit der Einführung des 9-Euro-Tickets – aber lag es tatsächlich nur am Dumping-Fahrpreis? Auch, aber nicht nur, glaubt Ziegler: „Viele Probleme im Bahnverkehr um Stuttgart kamen hinzu.“
Zugausfälle, Zugverkürzungen, Verspätungen, Baustellen, Störungen – das ganze Programm jenes in Deutschland mittlerweile alltäglichen Transportdramas namens Bahnchaos überkreuzte sich mit der verkehrspolitischen Spendierhosenaktion. Für Ziegler ist klar: „Man hat auf eine marode Nahverkehrsstruktur noch das 9-Euro-Ticket draufgepackt.“ Ein Umstieg aufs Auto kommt für ihn löblicherweise trotzdem nicht in Frage. Aber: „Von einer Verlängerung des 9-Euro-Tickets halte ich gar nicht.“
Kaum Engpässe im S-Bahn-Verkehr
Zugwechsel. S-Bahn, Linie 1. Marius Scheitle, bei der Stadtverwaltung Esslingen beschäftigt, benützt sie täglich auf dem Weg zum Arbeitsplatz. Von Veränderungen durch das Billig-Ticket hat er kaum etwas bemerkt, vollgepfropfte S-Bahn-Triebwagen sind ihm überhaupt nicht untergekommen: „Es gab nur Fahrplanprobleme wegen der technischen Störungen in Stuttgart.“ Auch Gesine Räther, im Einzelhandel tätig, pendelt mit der S-Bahn, in ihrem Fall von und nach Plochingen. „Die S-Bahn ist wieder so voll oder so leer wie vor Corona“, sagt sie. „Wenn ich abends zurückfahre, ist sie manchmal ziemlich voll, aber das war früher schon so. Ich glaube nicht, dass sich irgendwas durch das 9-Euro-Ticket verändert hat.“
Philipp Müller, S-Bahn-Pendler zwischen Stuttgart und Esslingen, hat ebenfalls „keine großen Unterschiede“ festgestellt. Um seine zwei Kilometer vom S-Bahn-Halt entfernte Arbeitsstelle schneller zu erreichen, nimmt er das Fahrrad mit. Probleme damit? „Nur die üblichen – dass Leute das Fahrradabteil nicht räumen wollen und manche unverschämt werden. Aber das gab es vor dem 9-Euro-Ticket auch schon.“ Kapazitätsengpässe für die Bahnradler? „In der S-Bahn nicht.“
Eng wird es in Regionalzügen am Wochenende
In den Regionalzügen schon, allerdings überwiegend an Wochenenden auf Strecken zu beliebten Ausflugszielen, teilt Pressesprecher Niklas Hetfleisch vom Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) auf Anfrage mit. Teilweise konnten auf diesen Destinationen „gar keine Fahrräder mehr mitgenommen werden.“ Bei der Deutschen Bahn (DB) denkt man laut einer Sprecherin sogar über „Busse mit Fahrradanhängern nach, die auf solchen Strecken zusätzlich zu den Regionalzügen zum Einsatz kommen können“.
Die Darstellung der Verkehrsträger deckt sich im Übrigen weitgehend mit den Beobachtungen der Pendler: so gut wie keine Überlastung in Bussen, eher selten in S-Bahnen, öfter in Regionalzügen, doch auch dort weit häufiger im Ausflugs- und Freizeit- als im Berufsverkehr. „Vor allem entlang der touristischen Strecken haben wir ein höheres Fahrgastaufkommen festgestellt“, sagt die DB-Sprecherin. VVS-Sprecher Hetfleisch konkretisiert: „Volle Züge gibt es vor allem auf Strecken zu touristischen Zielen außerhalb des VVS, zum Beispiel zum Bodensee oder in Richtung Karlsruhe und Nürnberg.“ Den Kreis Esslingen tangiert davon die Regionalexpress-Linie nach Lindau, auch die Verbindungen nach Tübingen sind stark frequentiert. „Vereinzelt“, sagt der VVS-Sprecher, habe es an Wochenenden, Feiertagen und in den Pfingstferien überfüllte Züge gegeben. Im Berufsverkehr sei der Zuwachs an Fahrgästen deutlich geringer.
SVE-Werkleiter: Kein Umdenken im Mobilitätsverhalten erkennbar
Werkleiter Andreas Clemens vom Städtischen Verkehrsbetrieb Esslingen (SVE) bestätigt: „Das 9-Euro-Ticket hat nicht zu einer signifikanten Mehrauslastung unserer Fahrzeuge geführt.“ Events im Stadtgebiet, nicht aber das Ticket hätten zu größerem Andrang geführt, doch überfüllte Busse oder abgewiesene Fahrgäste habe es nicht gegeben. Aus Clemens’ Sicht zeigt das 9-Euro-Exempel, dass bisher „noch kein Umdenken im Mobilitätsverhaltens zu erkennen ist“.
Genau das ist aber die politische Ausgangsfrage: ob und wie das Ticket einen Beitrag zur Verkehrswende leistet. Verlässliche Zahlen gibt es (noch) nicht. Dass laut einer Erhebung der DB unter den Nutzern 20 Prozent Neukunden sind, sagt nichts aus über die Umsteigequote bei Berufspendlern. Dem Anschein nach muss sie als niedrig gelten.
Wie kommt das 9-Euro-Ticket an?
Nachfrage
21 Millionen Menschen haben laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) im Juni – dem ersten Geltungsmonat – ein 9-Euro-Ticket gekauft. Hinzu kommen zehn Millionen Abonnenten, die das Ticket automatisch erhalten (gegen Erstattung oder Verrechnung des höheren Abo-Tarifs).
Neukunden
Einer Marktsondierung des VDV und der Deutschen Bahn (DB) zufolge haben 20 Prozent der 9-Euro-Ticket-Käufer die Busse und Bahnen des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) vorher kaum oder nicht genutzt. 90 Prozent der Neukunden seien mit ihrer jüngsten ÖPNV-Fahrt zufrieden gewesen.
Zuwachs
Auch außerhalb des Freizeitverkehrs verzeichnet die DB einen mäßigen Fahrgast-Zuwachs: In den Zügen und Bussen der DB Regio seien an den Werktagen vor und nach dem Pfingstwochenende zehn Prozent mehr Fahrgäste unterwegs gewesen als im Tagesdurchschnitt vor der Pandemie.