90 Jahre Heimatverein Waiblingen Ein kritischer Blick auf die eigene Geschichte

Das Beinsteiner Tor ist ein Wahrzeichen Waiblingens. Mit einer Demonstration verhinderten Waiblinger Frauen im April 1945, dass die Brücke am Tor gesprengt wurde, um den Vormarsch der Alliierten zu stoppen. Daran könnte bald eine Tafel am Tor erinnern. Foto: Gottfried Stoppel

Der Heimatverein Waiblingen feiert sein 90-jähriges Bestehen. Zum runden Geburtstag gibt es ein neues Logo. Außerdem setzt sich der im Jahr 1934 gegründete Verein mit der Historie seiner Entstehung und dem Begriff Heimat auseinander.

Beim Wort Heimat geht manchen das Herz auf, anderen der Hut hoch: Die einen verbinden damit Identität und Geborgenheit, die anderen Spießertum und Nationalismus. Karl Hussinger und Susanne Jenisch vom Vorstand des Heimatvereins Waiblingen haben auch so ein wenig Probleme mit dem Begriff, der im Namen des 1934 ursprünglich als „Heimatverein Alt-Waiblingen“ gegründeten Vereins steckt.

 

Das leichte Bauchgrummeln hat sich durch eine E-Mail, die im vergangenen Jahr im elektronischen Postfach des Vereins landete, verstärkt. Absender war der „Germanische Bund“, eine rechtsextreme Gruppierung von Holocaustleugnern und Verschwörungstheoretikern, die angesichts des Begriffs Heimat im Vereinsnamen offenbar Gleichgesinnte vermutete. Susanne Jenisch weiß von anderen Heimatvereinen in der Region, die auch angeschrieben wurden. Die E-Mail mit „eindeutig faschistischem Inhalt“ hat der Verein an die Polizei weitergeleitet, die Ermittlungen verliefen aber im Sande.

Dieser Vorfall hat, zusammen mit der Tatsache, dass sich die Partei NPD im vergangenen Jahr in „Die Heimat“ umbenannt hat, den Ausschlag dazu gegeben, dass der Heimatverein Waiblingen zum 90. Geburtstag mit einem neuen Logo auftritt – und das Jubiläumsjahr zum Anlass nimmt, nicht nur zu feiern, sondern sich kritisch mit der eigenen Geschichte sowie dem Begriff Heimat auseinanderzusetzen und nach einem zeitgemäßen Heimatbegriff zu suchen.

Erinnerung an eine „unrühmliche Vergangenheit“

Das neue Logo zeigt die vertrauten drei Hirschstangen aus dem Waiblinger Stadtwappen, daneben steht in fetter Schrift „Gesellschaft für Stadt- und Kunstgeschichte“. Der offiziell eingetragene Vereinsname „Heimatverein Waiblingen e. V.“ folgt in Normalschrift erst an zweiter Stelle. Denn einfach so will man den Begriff Heimat nicht dem rechten Lager überlassen, sondern ihn vielmehr verteidigen.

Das Gründungsjahr des Heimatvereins, 1934, deutet auf das hin, was Karl Hussinger als „unrühmliche Vergangenheit“ bezeichnet. Der neue Geschichtsverein entstand zu einer Zeit, in der traditionsreiche Gesang- und Turnvereine von den Nationalsozialisten rigoros aufgelöst wurden oder schon waren. Die Mitglieder des Heimatvereins wurden laut Hussinger berufen und waren überwiegend nationalkonservative Bürgerliche. Der Verein, der vorwiegend daran arbeitete, den Staufermythos für Waiblingen aufzubauen, habe damals rund 500 Mitglieder gehabt – eine stattliche Zahl angesichts einer Einwohnerzahl von rund 9000 Menschen. Der Verein sei „auf Linie“ gewesen, sagt Karl Hussinger. Auch deshalb will der Verein anlässlich des 90-jährigen Bestehens seine Geschichte kritisch hinterfragen.

Ein Film zum Thema Heimat hat im Herbst Premiere

In vollem Gange sind die Arbeiten für den Film „Heimat Waiblingen“, den der Heimatverein Waiblingen in Kooperation mit dem örtlichen Filmclub produziert. Waiblingerinnen und Waiblinger verschiedenen Alters erzählen darin, was für sie persönlich Heimat ist. Erstmals zu sehen ist der Film am 12. Oktober im Bürgerzentrum.

Eine Vortragsserie, die nach den Sommerferien beginnt, beschäftigt sich ebenfalls mit der Geschichte, Bedeutung und Problematik des Begriffs Heimat. Als Referenten stehen bereits der Tübinger Germanist und Dialektologe Hubert Klausmann sowie der ebenfalls in Tübingen ansässige Mathias Beer vom Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde fest.

Des Weiteren sind Mitmachformate wie Stadtführungen, eine Fotoausstellung mit Porträts von Waiblingern und eine Podiumsdiskussion geplant. Auch einen Schülerwettbewerb wird es geben. Die Aufgabe lautet: „Stell dir vor, du sollst bei einer Videokonferenz Schülerinnen und Schülern aus den Waiblinger Partnerstädten die für dich interessanteste Geschichte aus der Geschichte Waiblingens erzählen.“ Die Jugendlichen können dabei eine Persönlichkeit, einen besonderen historischen Ort oder ein besonderes Ereignis aus der Stadtgeschichte auswählen und davon in Form eines Textes, eines Hörbeitrags oder Videos berichten.

Recherchen zum Widerstand während des NS-Regimes

Für ein weiteres Projekt zum Thema Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Waiblingen kooperiert der Verein mit Schülerinnen und Schülern der Staufer-Realschule. „Wir wollen zeigen, dass es auch in Waiblingen Widerstand und Menschen gegeben hat, die sich mit kleinen und großen Aktionen daran beteiligt haben“, sagt dazu Susanne Jenisch.

Geplant ist, kleine Tafeln an diversen Gebäuden, zum Beispiel auch am Beinsteiner Tor, aufzuhängen, welche mit einem QR-Code versehen sind und Informationen zu Menschen und Ereignissen liefern, die eine aufrechte und kritische Haltung gezeigt haben. Erinnert werden soll unter anderem an das Dekansehepaar Hermann und Elsbeth Zeller, welches das jüdische Ehepaar Max und Karoline Krakauer versteckte, oder an den zeitweise im KZ inhaftierten SPD-Mann und späteren Landrat Anton Schmidt. Am Beinsteiner Tor könnte eine Tafel an die mehreren hundert Frauen und Kinder erinnern, die Anfang April 1945 gegen eine Verteidigung der Stadt angesichts der heranrückenden alliierten Truppen protestierten und die Sprengung der Brücke verhinderten.

Mehr zum Thema auch hier: www.heimatverein-waiblingen.de

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