Vor genau 90 Jahren wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt – mit den bekannten katastrophalen Folgen: Zweiter Weltkrieg und Holocaust kosteten Millionen Menschen das Leben und verursachten unsägliches Leid. Und es werden immer weniger Menschen, die diese Zeit erlebt haben. In wenigen Jahren wird es niemanden mehr geben, der aus eigener Erfahrung berichten kann. Mit den Zeitzeugen werden unzählige Geschichten des Alltags sterben, die nicht in den Geschichtsbüchern stehen. Aber noch gibt es sie, und ihnen zuzuhören lohnt sich. Einer jener, die noch aus der NS-Zeit berichten können, ist der Esslinger Willi Hemminger. Er ist 93 Jahre alt.
Die ersten Jahre
Geboren wurde Gerhard Willi Hemminger zehn Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs 1929 in Crailsheim. Sein Vater Rudolf Hemminger war in Esslingen bekannt: Vor dem Krieg hatte er sich als Rennfahrer einen Namen gemacht – nach dem Krieg eröffnete er einen Getränkemarkt in Esslingen.
Seine Kindheit und seine ersten Jahre im nationalsozialistischen Deutschland, sagt Willi Hemminger, seien für ihn unbeschwert gewesen. Sein Vater arbeitete für Fürst Albrecht Hohenlohe-Jagstberg in Niederstetten und kümmerte sich dort um dessen Fuhrpark. Als auch der Fürst die Folgen der Weltwirtschaftskrise zu spüren bekam, wechselte Vater Rudolf die Stelle und arbeitete fortan bei Daimler. Er sei 1934 von der Rennabteilung der Firma angefordert worden und habe an sogenannten Zuverlässigkeitsfahrten teilgenommen, erzählt der Sohn. 1937 habe er sogar eine Alpenfahrt gewonnen. Obwohl Parteimitglied und in der SS im Rang eines Hauptscharführers, „konnte er Hitler nie leiden. Er ist Hitler mal auf den Fuß getreten, weil er nicht gemerkt hat, dass er hinter ihm stand. Das gab wohl Prügel. Meine Mutter war hingegen eine glühende Verehrerin.“
Der SS-Mann arbeitete auch als Fahrer und war hochdekoriert mit Orden verschiedener Staatsoberhäupter. Er chauffierte die politische Elite aus dem Aus- und Inland, kannte Männer wie Hermann Göring persönlich, der ihn oft als Fahrer angefordert habe. Bei Staatsbesuchen von Präsidenten und Königen forderte die Reichsregierung von Daimler-Benz Autos wie den 7,7-Liter-Mercedes – genannt Großer Mercedes – samt Fahrer an; auch Hitler ließ sich in solch einer Limousine fahren. Für die Chauffeure gab es, wie damals offenbar üblich, von dem jeweiligen Staatsoberhaupt einen Orden.
Spritztour in der Nazilimousine
„Schon mit zwölf oder 13 Jahren habe ich Autofahren gelernt. Eines schönen Tages stand mein Vater vor dem Haus mit dem Großen Mercedes“, erzählt Willi Hemminger. Dieser Wagen hatte noch keine Servolenkung, kein synchronisiertes Getriebe und keinen Thermostat. „Das machte die Autos anfällig“, sagt Hemminger. „Man musste langsam und vorsichtig fahren.“ Bei Fahrten mit wichtigen Politikern an Bord durfte das Auto schließlich nicht liegen bleiben.
„Ich war noch beim Jungvolk, und ich und meine Freunde waren alle in Uniform – waren wir ja fast immer.“ Der Vater habe es an diesem Tag eilig gehabt, weil er für eine Reise noch seinen Koffer packen musste. „Meine Kumpels sagten zu mir: ‚Das Auto kannst du nicht fahren.‘ Ich dachte, wir hätten eine halbe Stunde, bis mein Vater fertig ist.“ Sie seien in die Nazilimousine gestiegen und hätten eine kurze Spritztour gemacht – auf der Hindenburgstraße bis Oberhof und wieder zurück. Der schwere Wagen habe sich gefahren wie ein Lastwagen.
„Auf der Rückfahrt habe ich meinen Vater schon gesehen, wie er an der Straße mit seinem Koffer stand.“ Er sei wortlos eingestiegen und losgefahren. „Nach ein paar Tagen kam er wieder zurück und hat mir erst ein paar an die Backen geschlagen und mich dann in den Arm genommen. Er war ein liebevoller Vater. Er sagte mir, er habe wahnsinnige Angst um mich gehabt. Angst vor den Konsequenzen, wenn sein Sohn dieses wichtige Fahrzeug der NSDAP beschädigt hätte.“
Nach dem Ende des Krieges wurde Rudolf Hemminger verhaftet und kam für vier Jahre in ein Internierungslager. „Die ersten drei Jahre wussten wir nicht, wo er ist. Erst am Ende haben wir erfahren, dass er in Ludwigsburg sitzt, und durften ihn besuchen“, berichtet der Sohn.
Mit 15 Jahren Soldat
„Ich habe noch einen Wehrpass als SS-Freiwilliger“, sagt der 93-Jährige und holt den Pass aus einem Etui. „Freiwillig war da allerdings gar nichts“, fügt er hinzu. „Wir sind so lange geschliffen worden, bis wir uns freiwillig gemeldet haben.“ Der Aufenthalt im Ausbildungslager dauerte etwa zwei Wochen – und er habe die zweifelhafte Ehre genossen, die einzige Panzerfaust abschießen zu dürfen. „Dabei ist mein Trommelfell geplatzt. Ich höre seither nur noch zehn Prozent auf dem rechten Ohr.“
Die Ausbilder bei der Hitlerjugend waren gnadenlos, wobei die Schlimmeren nicht die eigentlichen Ausbilder gewesen seien, sondern diejenigen, die extra für die Überzeugungsarbeit zum Freiwilligendienst angereist waren. Für alle, die sich nicht freiwillig gemeldet hatten, hieß es: „Gasmasken an und Sportübungen im Dreck.“ Das war Anfang des Jahres 1945, Hemminger war damals 15 Jahre alt. Nur dadurch, dass er Akkordeon spielte, konnte er sich das Leben während seiner Ausbildung etwas erleichtern, da er mit seiner Musik abends die Vorgesetzten bei Laune hielt.
Dennoch kam nach der Ausbildung der Marschbefehl. „Ich saß schon im Zug“, sagt er. Aber losfahren musste er dann doch nicht: „Mein Vater hat sich seine SS-Uniform angezogen, sich mit allen Orden geschmückt und holte mich wieder heraus.“
Das erste Brot nach dem Krieg
Über seine Erinnerungen an die unmittelbare Nachkriegszeit sagt Hemminger: „Hunger, Hunger und nochmals Hunger.“ Einmal sei er für einen Laib Brot mit seiner Schwester bis nach Cannstatt gelaufen – „es muss im Mai 1945 gewesen sein“. Es gab Bezugsscheine, aber die habe er in Esslingen nicht einlösen können. „In Esslingen hat keiner gebacken, aber es hieß, in Obertürkheim gibt es Brot. Also sind wir hingelaufen.“ Aber auch dort hatten sie keinen Erfolg. Also ging es weiter nach Cannstatt, wo sie tatsächlich einen Laib ergatterten. „Es war ein Kastenbrot, und es war sogar noch warm. Ich hätte am liebsten sofort hineingebissen“, erzählt er. Aber sie mussten es nach Hause bringen.
Auf dem Rückweg habe ein Passant in der Nähe von Hengstenberg versucht, ihnen das Brot zu stehlen. „Da hatte ich meine erste Prügelei. Ich habe den Laib meiner Schwester gegeben und ihr gesagt, sie solle weglaufen. Ich habe mich mit dem Mann geschlagen, bis er gemerkt hat, dass es nix mehr bringt, weil das Brot außer Reichweite ist.“