950 Jahre Dagersheim Bühne frei fürs Jubiläum: Zottel-Alemannen und Friedensfahne
Auf eine kreative Art haben die Bürger 950 Jahre Dagersheim gefeiert: mit einem Musical über ortsprägende Persönlichkeiten.
Auf eine kreative Art haben die Bürger 950 Jahre Dagersheim gefeiert: mit einem Musical über ortsprägende Persönlichkeiten.
Mit Mut, Engagement, Herz, Eigensinn oder auch Aufsässigkeit haben sie die Ortsgeschichte geprägt: An Hand von fünf historischen Figuren haben Dagersheimer und Darsteller aus der Umgebung im Musical „Stell dir vor …“ am Wochenende ihre Ortshistorie erkundet. Ziel der Projektgruppe unter der Leitung von Melanie Häußler und Thomas Urbiks war es, möglichst viele Bürger zu involvieren, und das ist gelungen: Rund 200 Personen waren vor und hinter der Bühne beteiligt, darunter rund 25 Schauspieler, der Harmonika-Club, der Liederkranz und der Posaunenchor. Nur die Feuerwehr-Musikkapelle liefert aus Platzgründen die Musik vom Band. Den Text hat Margit Hartmann verfasst, die Komposition und die Songs Daniel Schunn. Regie führten Reintraud Schunn und Wolfgang List.
Mit einer vergnüglichen ABC-Motette – wie bloß beginnen? – führen die Akteure in das Stück ein und skandieren Stichworte wie „Alemannen“, „Brez’l“ oder Vereinsnamen. Sie erzählen von Helden und Ehrenbürgern. Eingebettet sind die Schilderungen in eine Rahmengeschichte mit Dagersheimer Bürgern kurz vor Kriegsende, die einen Bunker aufsuchen. Die Kinder wollen unterhalten sein, und deshalb erzählt man sich Geschichten: so von Marie Ziegler, die im 1. Weltkrieg ihren Mann verlor und sich dann als Krankenschwester im „Schwesternhäusle“ hingebungsvoll der Versorgung der Dagersheimer widmete. Marie zeichnete sich durch ihre Bescheidenheit, ihr großes Herz, Demut und Verschwiegenheit aus.
Für den Jungen im Bunker ist die Geschichte aber etwas zu sanft, er möchte von Schwertern und Rittern hören, wie er mit einem Hip-Hop-Song kundtut. Und so erfährt das Publikum vom Tunichtgut Andreas Stück, der sogar die Erzherzogin Mechthild gegen sich aufbrachte. Einsatz für den Posaunenchor, für Krieger mit Hellebarden und natürlich die Herzogin, die vor Gericht zieht. Der Clou der Szenen: sie werden zwerchfellerschütternd aus der Perspektive von zwei Badenden in Bottichen erzählt.
Für großes Amüsement sorgt auch der dritte Akt. Da wird die Geschichte vom Alemannen-Hauptmann Tagheri geschildert, der sich mit seiner Sippe in Dagersheim niederließ und dem Ort wohl den Namen gab: Auftritt von breit schwäbelnden Alemannen mit Zottel-Perücken. Die vierte Geschichte dreht sich um den religiösen Schulmeister und Pädagogen Emmanuel Kolb, der für mehr Verständnis mit dem Nachwuchs plädierte, gerade auch, weil er selbst als Schüler über die Stränge geschlagen war. Er singt ein ergreifendes Solo. Ähnlich bewegend ist der Auftritt des Bauers Ernst Ruthardt, der im 2. Weltkrieg die Franzosen mit einer weißen Fahne davon abhielt, Dagersheim zu zerstören, und riskierte, von NS-Schützen erwischt zu werden. Für diese Szene haben die Dagersheimer sogar ein Militärfahrzeug organisiert. Zum Schluss stimmen alle ein großes Finale an – stehende Ovationen.
Am Sonntag wurde beim Schlapphüadle-Fest auf dem Dorfplatz weitergefeiert. Die Dagersheimer Musikvereine spielten auf, ein Luftballonkünstler zeigte sein Können, und Vorlesefriseur Danny Beuerbach trat auf. Die Bücherei bot eine Fotobox an, in der Besucher ein Erinnerungsfoto machen konnten. Die Schwimmabteilung des TSV Dagersheim zeigte eine historische Bademodenschau. Zudem wurde das eigens für das Jubiläum komponierte Kinderlied „Dagoldi aus Dagersheim“ live gesungen. „Dieses Jubiläum ist weit mehr als ein historischer Meilenstein“, freute sich Ortsvorsteher Hendrik Queck, „es steht für gelebte Geschichte, Zusammenhalt und eine lebendige Gemeinschaft.“