950 Jahre Gemeinde Grafenau Grafenau feiert: Der Tag, an dem das Museum lebendig wurde

Täuschend echt: Eine Magd erzählt im Dätzinger Schloss von anno dazumal. Foto: Eibner-Pressefoto/Max Vogel

Märchen, Mägde und echtes Schmalz: Grafenau feiert Jubiläum und das Heimatmuseum im Dätzinger Schloss präsentiert sich neu. Was dort am großen Festtag geboten war, war wirklich ein Fest.

„Dreh dich, dreh dich Rädchen, spinne mir ein Fädchen!“ – so singen die Chorifeen, wie der Frauenchor in Grafenau heißt. Die Chorifeen enden, und eine von ihnen sagt: „Schnell, ihr Mägde! Wir müssen unser Webzeug hinfahren. Macht euch fort!“ Und sie machen sich fort, die Sängerinnen, die weiße Schürzen tragen, wie Hausbedienstete vor langer Zeit.

 

An diesem Tag sind sie genau dies, für ein Weilchen: Die Gemeinde Grafenau feiert, dass sie seit 950 Jahren besteht, und das Heimatmuseum im Schloss Dätzingen öffnet seine Tore, am Sonntagnachmittag, um Geschichte lebendig werden zu lassen.

Menschen in Trachten reisen ins Dätzinger Schloss

Zu diesem Behuf ließ das Grafenauer Museum sich etwas einfallen. Es putze sich, es knüpfte Kontakte und kooperierte mit weit entfernten Gemeinden, zum Beispiel mit Balingen, in dem sich das Haus der Volkskunst befindet, das Menschen in originalen Trachten nach Dätzingen zur Feier schickte.

Der Sonntag soll ein Tag der Geschichte sein, die den Besuchern des Schlosses auf Augenhöhe entgegenkommt – und Besucher sind zahlreich zugegen, strömen durchs Schloss, füllen den Saal, in dem die Chorifeen ihr Webstuhllied singen, lauschen Michael Hauber, Professor der HDMK Stuttgart, der Robert Schumann auf dem Klavier spielt, und erleben, wie Kinder der Abteilung Sportakrobatik im TSV Grafenau ihr szenisches Spiel von der grünen Fee und den Schmetterlingen aufführen: Acht Kinder fliegen umher in Kostümen, die Gudrun Achterberg, ehemals Lehrerin, nun freischaffende Textilkünstlerin, schillernd bemalte – ein Spiel, das nicht zuletzt auch daran erinnern möchte, wie gefährdet die Umwelt durch den Menschen ist.

Spielerisch Kultur und Geschichte vermitteln

Martin Thüringer, Bürgermeister Grafenaus, eröffnete den Tag des lebendigen Museums mit einem Grußwort, Joachim Ratz führte mit einem Vortrag durch die Jahrhunderte. Ratz war es, der über Jahrzehnte hin das Museum im Dätzinger Schloss aufbaute und pflegte. Jörg Marquardt, sein Nachfolger als Sprecher des Heimatmuseums, erinnert sich noch gut daran, wie er selbst vor Jahren zum ersten Mal ins Schloss kam und dort Joachim Ratz als einzig Kundigen antraf.

Jörg Marquardt liebt und lebt Geschichte. Foto: Eibner-Pressefoto/Max Vogel

Marquardt begann sich 2021 im Heimatmuseum zu engagieren, wurde 2023 zu Joachim Ratz’ Nachfolger ernannt. Er will nun mehr Publikum ins Museum bringen, will Besucher hinführen zu spielerischer Beteiligung an Kultur und Geschichte. Der Tag des lebendigen Heimatmuseums ist ein großer Schritt dorthin und der zweite Anlass, an dem das Museum feiert, seit Jörg Marquardts Ernennung.

Der neue Sprecher des Dätzinger Museums wurde selbst auf bemerkenswerte Weise aktiv, bei der Vorbereitung auf diesen Tag. Im Schloss gibt es ein kleines Buffet, auch Schmalzbrote gehören dazu. Das Schmalz stellte Jörg Marquardt her. „Heute verwendet man ja meist Butterschmalz“, sagt er. „Ich habe Speck ausgelassen, so, wie man es damals hatte.“

Auch ein Zauberer ist im Dätzinger Schloss

Um das Heimatmuseum Grafenau bildete sich ein Team, das in den vergangenen beiden Jahren die Sammlung des Museums neu strukturierte und mit modernen Darstellungsweisen erfahrbar macht. Von 11 bis 13 Uhr gibt es am Sonntag Programm, dann steht das Museum zur Erkundung offen, finden stündlich Vorführungen statt.

Die Märchenerzählerin Xenia Busam hat im Museum Platz genommen, erzählt staunenden Kindern und Erwachsenen dramatische Geschichten: „Der König hatte einen schönen Mantel an und ein Zepter in der Hand…“ Ein Zauberer tritt auf, alte Kinderbücher liegen bereit, ein Kaufladen steht da, ein Spinnrad surrt, Bilder, Dokumente erinnern an die Schlacht von Döffingen 1388 – und der alte Webstuhl des Museums, er stammt aus dem 18. Jahrhundert, ist wieder fast wie neu.

Der alte Webstuhl surrt fast wie neu

Das ist der Verdienst von Ernst Spingler, einem Webstuhltechniker aus Holzgerlingen. Die Dätzinger Weberin Astrid Mrkwitza unterstützte ihn. Zwar hat Ernst Spingler sein Handwerk an modernen Maschinen erlernt. „Aber wer das eine kann, der kann das andere auch“, sagt er. „An so alten Webstühlen ist manches aber doch auch anders, und man muss viel ausbessern.“

Im Dätzinger Schloss und im Dätzinger Hof wimmelt es an diesem schönen Sonntag von Menschen in historischen Gewändern. Auch Trachten aus der Slowakei und den Böhmischen Niederlanden gehen umher. Und Pia Gloser-Mundiger, Leiterin der Chorifeen in der Chorvereinigung Grafenau, trägt noch ihr Kostüm. „Ich bin hier nur die Magd“, sagt sie, sehr bescheiden.

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