950 Jahre Weil der Stadt Dieses Dokument zeugt vom mittelalterlichen „Wile“

Anlässlich der 950-Jahr-Feier beschäftigt sich Mathias Graner mit jenem Dokument, auf das die erste urkundliche Erwähnung von Weil der Stadt zurückgeht. Foto: Simon Granville

Vor 950 Jahren, im Hochmittelalter, tauchen Weil der Stadt und die Ortsteile Münklingen, Merklingen und Hausen erstmals in einer Urkunde auf – die noch immer Historiker beschäftigt. Sie zeugt auch von den Machtstrukturen zwischen Kirche und König.

Leonberg: Sophia Herzog (she)

Hier schlummern alte Amtsblätter, historische Urkunden, standesamtliche Unterlagen und andere Dokumente, die ein wichtiges Zeugnis der Geschichte sind: Auf eine Gesamtlänge von rund einem Kilometer kommen die Regalbretter des Weil der Städter Stadtarchivs. Das älteste Dokument, das Stadtarchivar Mathias Graner in seinem Büro aufbewahrt, stammt aus dem Jahr 1386. Es ist aber bei Weitem nicht das älteste Schriftstück, das die Existenz des Örtchens „Wile“ belegt – und auch nicht jenes, dass die heutige Keplerstadt dieses Jahr einen runden Geburtstag feiern lässt.

 

Es geht um das sogenannte Hirsauer Formular. Jene Urkunde wurde im Jahr 1075 vom Salierkönig Heinrich IV. ausgestellt, sie belegt die Loslösung des Klosters Hirsau von den Grafen von Calw. Auch Grundbesitz wechselte in diesem Zuge die Hände und wurde von der Adelsfamilie an das Kloster überschrieben. Eben jene Besitztümer lagen unter anderem im heutigen Weil der Stadt und seinen Teilorten Münklingen, Merklingen und Hausen.

Über das mittelalterliche Weil der Stadt ist nicht viel bekannt

Weil sich diese erste urkundliche Erwähnung in diesem Jahr zum 950. Mal jährt, wird also groß gefeiert – und zwar nicht nur im Städtle, sondern auch in zahlreichen anderen im Dokument erwähnten Orten, Malmsheim, Dagersheim oder Schönaich etwa.

Als eine der ersten Anlaufstellen für Historisches beschäftigt sich seit Jahresbeginn das Weiler Stadtarchiv ausgiebig mit dem Hirsauer Formular. Mathias Graner hält anlässlich des Jubiläums auch einen historischen Vortrag. Eine Reproduktion des Dokuments hat inzwischen also einen festen Platz an seinem Arbeitsplatz gefunden. Das Original liegt weiterhin gut geschützt im Stuttgarter Hauptstaatsarchiv.

Bei seinen Recherchen kann Graner auch auf allerlei Forschung zurückgreifen: „Historiker und Mediävisten befassen sich schon seit Jahrhunderten damit“, erklärt er. Dissertationen und andere Werke zum Hirsauer Formular und zur Zeit, in der es geschrieben wurde – dem Hochmittelalter – stapeln sich neben seinem Computer. Dass es zu den Weil der Städter Ortsteilen, von der Erwähnung einmal abgesehen, kaum Informationen gibt, stellt den Archivar derweil vor eine andere Herausforderung. „Wir wissen weder, wie groß die Orte waren, noch wer hier lebte oder wie“, sagt Graner. Vermuten lässt sich über das „Wile“ aus dem Jahr 1075 nur das, was wohl auch auf viele andere ländliche Ortschaften dieser Zeit zutraf: Es war hauptsächlich agrarisch geprägt.

Ein Machtzentrum in Hirsau

Worüber man allerdings viel weiß, ist das Kloster Hirsau, zu dem laut Urkunde eben auch das mittelalterliche Weil der Stadt gehörte. 1075 befand sich das Kloster, gerade erst neu gegründet, im Aufschwung: Der damalige Abt Wilhelm machte das Kloster bis zu seinem Tod im Jahr 1091 zum bedeutenden Zentrum der kluniazensischen Reform aus Frankreich und später einer eigenen „Hirsauer Reform“. Zahlreiche Klöster wurden von Hirsau aus reformiert.

Wer genau hinschaut, findet „Wile“ im Hirsauer Formular. Foto: Simon Granville

Hinzu kam: Abt Wilhelm schlug sich auch in einem der wohl definiertesten Konflikte dieser Zeit auf die Seite des Papstes. Der befand sich in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhundert mit Heinrich IV. – eben jenem König, der das Hirsauer Formular ausstellte – in einem erbitterten Kampf um geistliche und weltliche Macht, in dem es unter anderem um das Recht auf die Einsetzung von Äbten und Bischöfen ging. Bekannt wurde dieser Investiturstreit wegen des Gangs des Königs nach Canossa.

Zahlreiche Spuren deuten auf die Existenz von Weil der Stadt hin

In der Zeit eben jenes Investiturstreits hatte das Kloster Hirsau mit seinen Ländereien also durchaus theologischen und politischen Einfluss. Auf die jahrhundertelang währende Verbindung mit Weil der Stadt deutet etwa bis heute der „Hirsauer Hof“ nahe des Viehmarktplatzes hin. Auch sonst gibt es hin und wieder Spuren in historischen Dokumenten zu finden: So berichtet eben jener das Kloster prägende Abt Wilhelm in seiner Lebensgeschichte von einem Besuch bei einem Bruder Benno, der in „Wile“ die klösterlichen Besitzungen verwaltete.

Auf die Suche nach solchen Spuren macht sich Stadtarchivar Mathias Graner seit Beginn des Jahres – und wird es noch tun, bis die Feierlichkeiten zum 950-jährigen Jubiläum vorbei sind. Eigentlich ist der Archivar eher ein Freund der neuzeitlicheren Geschichte. Die Details rund um das Hirsauer Formular seien ein „sehr spezielles Thema“, sagt er. „Aber es macht Spaß und ist auch mal was Besonderes.“

Was Kirche den Menschen im Mittelalter bedeutete

In seinen Vorträgen will er sich aber nicht nur mit dem verwaltungstechnischen Akt, der im Hirsauer Formular beschrieben wird, beschäftigen. Es soll auch um die Lebensrealität der Menschen um das Jahr 1075 gehen. „Das Mittelalter war etwas ganz anderes als das Leben heute“, sagt Graner. In einer Gesellschaft, in der der Tod, wegen Hungersnot und Plagen etwa, allgegenwärtig war, hatte die Religion einen ganz anderen, wichtigeren Stellenwert. „Das Heilsversprechen der Kirche war also unglaublich wichtig“, erklärt Graner. „Und die Kirche hat das auch ausgenutzt. Die hat Machtpolitik betrieben.“

Dass Weil der Stadt, Münklingen, Merklingen und Hausen in diesem Jahr feiern, das hat man also auch den rein irdischen Interessen der Kirche rund um Grund und Boden zu verdanken.

So wird die urkundliche Erwähnung vor 950 Jahren gefeiert

Runde Geburtstage
1992 wurde in Weil der Stadt das 750-jährige Jubiläum seit Erlangen der Stadtrechte gefeiert – der Anlass in diesem Jahr ist die erste urkundliche Erwähnung. Vor 950 Jahren tauchten Weil der Stadt, Münklingen, Merklingen und Hausen erstmals in einem Schriftstück auf.

Termine
Die 950-Jahr-Feierlichkeiten finden über den Sommer und Herbst verteilt statt. Den Startschuss lieferte ein Mittelaltermarkt über Ostern. Weiter geht es dann mit dem Vortragsabend von Archivar Mathias Graner in Weil der Stadt am 27. Juni. Darauf folgt ein Festwochenende am 28. und 29. Juni. Münklingen: Vortrag am 11. Juli, Fest am 12. und 13 Juli. Merklingen: Vortrag am 18. Juli, Fest am 19. und 29. Juli. Hausen: Vortrag und Fest am 4. Oktober.

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