Mobilfunk-Ausbau Telefónica-Chef: „Bis 2020 für alle schnelles Internet“

Von Daniel Gräfe 

Markus Haas ist Chef des größten deutschen Mobilfunkers Telefónica Deutschland, zu dem Marken wie 02, Blau, Base und Fonic zählen. Im Interview mit Daniel Gräfe erzählt er, wo er mit Kundendaten neue Geschäfte machen und dabei besser als Google sein will.

Die Mobilfunkbetreiber wollen bestehende Abdeckungslücken stopfen. Foto: Telefónica
Die Mobilfunkbetreiber wollen bestehende Abdeckungslücken stopfen. Foto: Telefónica

Stuttgart - In Stuttgart hat Markus Haas seine Erfahrungen mit dem nicht immer ganz reibungslosen Zusammenführen der Netze von O2 und E-Plus gemacht. Nun verspricht er einen Technologiesprung.

Herr Haas, O2 galt mal als cool, jetzt haben Sie das Image eines schlechten Netzes und Kundenservices. Nervt Sie das als Chef?
Natürlich berührt mich das, denn ich habe die Firma in den vergangenen 20 Jahren mit aufgebaut. In den vergangenen Jahren haben wir nach dem Zusammenschluss mit E-Plus die Marken und Tarife mit denen von O2 angeglichen, das hat natürlich zu vielen Nachfragen und auch Beschwerden geführt. Doch im vergangenen Jahr haben wir das Ruder rumgerissen und bieten laut einem Fachmagazin den zweitbesten Service unter den Mobilfunkanbietern, bei Qualität und Kompetenz sogar den besten. Das macht mich stolz.
Was die Branche freudig stimmt, ist der steigende Datenhunger der Deutschen: Sie schließen Verträge mit einem höheren Datenvolumen ab als früher.
Bei unseren Kunden steigt die Zahl der verbrauchten Daten seit zwei Jahren um rund 50 Prozent pro Jahr. Vertragskunden nutzen im Schnitt drei Gigabyte im Monat – in den nordeuropäischen Ländern sind es zwölf ­Gigabyte. In Deutschland könnte es in vier Jahren so weit sein. Mit großen Datenpaketen verbrauchen unsere Kunden immerhin schon sechs Gigabyte. Das Schönste haben wir also noch vor uns.
Was stimmt Sie so zuversichtlich?
Die Zahlungsbereitschaft steigt, die Verbraucher sind bereit, für mobile Daten ein Euro pro Tag zu zahlen, um die Angebote der Mediatheken oder auf Youtube zu nutzen. Spotify und Netflix boomen, auch Zeitungen bieten mehr Videos an. Außerdem wird die Netzverfügbarkeit in den Bahnen und U-Bahnen besser, also dort, wo viele die Zeit zum Surfen nutzen.
Wie verändert sich künftig das Verhalten der Verbraucher?
2020 werden die meisten von uns vier bis fünf mobile Geräte mit dem Internet verbunden haben, zum Beispiel das Smartphone, Tablet, Auto, Fahrrad, Uhr, den Schulranzen der Tochter. Für das Smartphone und Auto brauche ich eine hohe Übertragungsgeschwindigkeit bei den Daten, beim Fahrrad oder dem Schulranzen muss ich nur wissen, wo sie sind. Wir werden ­immer mehr Systeme sehen, bei denen ein Vertrag für all diese Endgeräte gilt und das Datenvolumen auf diese frei aufgeteilt ­werden kann.
Die Netzintegration der Mobilfunknetze von O2 und E-Plus bezeichnen Sie als europaweit einzigartiges Großprojekt. Wie sah der Umbau in der Region Stuttgart aus?
Vor dem Zusammenschluss der Netze von O2 und E-Plus hatten wir sechs Netze aus drei Mobilfunk-Generationen in der Luft. Daraus haben wir ein einheitliches Netzerlebnis gemacht. Die Kunden können jetzt alle Mobilfunkstandards nahtlos, also möglichst ohne Abbrüche nutzen. Die Sprachqualität und die Geschwindigkeit der Datenübertragung haben sich verbessert. Dazu haben wir 700 Standorte umgebaut und komplett erneuert. Die Zahl der LTE-Standorte für den derzeit schnellsten Mobilfunkstandard wurde verdreifacht.
Was haben die Verbraucher in der Region Stuttgart davon?
Das Netz ist jetzt absolut auf Augenhöhe mit dem der Deutschen Telekom und von Vodafone. Wir werden das modernste und größte Mobilfunknetz in Deutschland betreiben.
Wer von Stuttgart durch den Schwarzwald nach Freiburg fährt, spürt statt einem einheitlichen Netzerlebnis die Funklöcher . . .
Wir haben noch nicht alle Gebiete mit dem derzeitigen Mobilfunkstandard LTE versorgt, die bundesweite Abdeckung beträgt knapp 85 Prozent der Bevölkerung. Aber wir rüsten weiter auf und schließen die Lücke zu der Konkurrenz Schritt für Schritt. Bis 2020 nähern wir uns 100 Prozent.
Da soll auch der neue Mobilfunkstandard 5G eingeführt werden. Wie wichtig wird er?
5G wird für die Digitalisierung für Deutschland ein Schlüssel zum Erfolg sein. Aber es wird ein Marathon sein und uns die nächsten Jahre beschäftigten. Wir sind ja noch mitten im Ausbau der 4G-Netze. In den nächsten Jahren wird kein Unternehmen nennenswerte Umsätze mit 5G machen, auch weil die Endgeräte noch nicht da sind. Die Hauptnutzung wird in der Industrie, in der Logistik und beim autonomen Fahren liegen. Wir testen seit zwei Jahren 5 G intensiv, unter anderem in München, in Berlin oder entlang der A 9.
Ist eine autonome Autofahrt von Stuttgart durch den Schwarzwald überhaupt realistisch?
Das autonome Fahren wird es zuerst in geschlossenen Verkehrssystemen wie an Flughäfen geben. Dann folgt der öffentliche Nahverkehr, wo man verschiedene Partnerschaften eingeht. Aber dass jeder Weg in Deutschland autonom befahrbar wird, ist derzeit nicht realistisch. Ich kann ja nicht jede ­Straße alle 50 Meter mit den nötigen Funkstationen ausstatten.
Die Frequenzen für das Netz der Zukunft sollen Anfang kommenden Jahres versteigert werden. Was halten Sie davon?
Die Priorität der Regierung muss sein, die Funklöcher zu schließen. Durch die teuren Frequenzvergaben fehlen den Netzbetreibern Mittel für den Netzausbau. Man kann in der Politik deshalb nicht schon wieder eine teure Mobilfunkauktion durchführen und sich dann in drei Jahren wundern, dass es noch immer Funklöcher gibt. Wir könnten beim Ausbau der Infrastruktur viel weiter sein. Man muss sich mit der Industrie ­zusammensetzen und einen Plan erarbeiten.
Was schlagen Sie vor?
Bestandsfrequenzen sollten zumindest teilweise gegen eine Gebühr verlängert werden. Neue 5G-Frequenzen sollte man großteils den Netzbetreibern kostenlos zuweisen – unter der Auflage, dass Funklöcher schnell geschlossen werden. Wenn die Genehmigungsverfahren beschleunigt werden, können wir auch unsere Standorte im ländlichen Raum schnell ausbauen.
Sie haben Zugriff auf die Daten von Millionen von Mobilfunkkunden. Welche Geschäftsmodelle sind mit diesen Daten möglich?
Ein Standbein wird das Geschäft mit dem Internet der Dinge sein, zu dem auch die vernetzten Fabriken zählen. Für einen weiteren Bereich, nämlich die Datenanalyse, haben wir ein Patent angemeldet. Wir wollen mit den Bewegungsströmen Geld verdienen.
Was meinen Sie damit?
Wir anonymisieren die Verbindungsdaten unserer Kunden, berechnen daraus Bewegungsströme, analysieren diese Daten je nach Fragestellung und stellen sie Geschäftskunden zur Verfügung. In Stuttgart haben wir zusammen mit dem Fraunhofer IAO Verkehrsströme analysiert. Mit der Stadt Nürnberg haben wir auf diese Weise die Luftqualität untersucht. Und wenn zum Beispiel ein Möbelhaus wissen möchte, in welchem Gebiet es eine neue Filiale eröffnen sollte, so können unsere Bewegungsströme bei der Entscheidung helfen. Wir testen das auch in der Region Stuttgart mit mehreren Kunden, mehr können wir hier aber nicht ­sagen.
Normalerweise entwickeln Facebook und Apple solche Geschäftsmodelle.
Wir haben die besseren Daten. Andere Unternehmen nehmen ein Teil der Daten und rechnen sie mit Algorithmen hoch. Wir müssen nicht großartig schätzen. In jedem zweiten Auto fährt im Prinzip eine SIM-Karte von uns mit. Ich kann sagen, wie alt Gruppen von Menschen sind, und kann berechnen, aus welchem Gebiet sie kommen, und daraus ihr Zahlungsverhalten ableiten – das muss ich nicht schätzen. Die Reputation, dass wir die besten Daten haben, muss sich erst noch bilden. Derzeit rennen alle wie die Lemminge zu Google. Aber das wird sich ­ändern.