Versandhandel im Kreis Böblingen Stress vor Weihnachten - Mit dem Amazon-Fahrer unterwegs
Amazon hat in Sindelfingen die Belegschaft von 120 auf 180 Leute aufgestockt. Wie geht es den Mitarbeitern in der Hohezeit der Weihnachtsgeschenke?
Amazon hat in Sindelfingen die Belegschaft von 120 auf 180 Leute aufgestockt. Wie geht es den Mitarbeitern in der Hohezeit der Weihnachtsgeschenke?
In die metallischen Geräusche der Förderbänder und Hubwagen dröhnt ein amerikanisches Weihnachtslied aus den Lautsprechern, als wäre man in einem Film von David Lynch und nicht im Logistik-Zentrum von Amazon in Sindelfingen-Darmsheim.
Jetzt in der Weihnachtszeit hat Amazon die Belegschaft von 120 auf 180 Mitarbeiter erhöht, wie auch an Ostern und vor den Sommerferien, wenn das Warenaufkommen traditionell am höchsten ist. Aber wie geht Amazon, wie geht der Versandhandel insgesamt mit dem Weihnachtsstress um?
Es ist 10.30 Uhr, die Fahrer sind schon gestartet, die glitzernden Förderbänder spucken nur noch vereinzelt Päckchen in die computergesteuerten Verteilboxen. Und die Musik entstammt der Playlist der Mitarbeiter. Der Disponent Latif Bytyai schlendert heran, er hat heute schon die Autos gecheckt und die Touren überprüft, die je nach Warenaufkommen täglich neu berechnet werden.
Er ist gelernter Kaufmann und arbeitet für den Gaus Delivery Service in Sulz. Die Touren für Amazon übernehmen Subunternehmer, die jedoch verpflichtet sind, die Fahrer zu gleichen Konditionen anzustellen wie Amazon.
Der das sagt, ist der Amazon-Pressesprecher Steffen Adler, ein Zwei-Meter-Mann mit geradezu unverschämt guter Laune. Er kennt hier im Verteilzentrum Sindelfingen-Darmsheim jeden, kennt jeden Arbeitsschritt und auch jeden Vorwurf, der Amazon je gemacht wurde. „14 Stunden Tage, wie manchmal kolportiert wird, gibt es im Vertrieb nicht“, sagt Adler. „Die Touren können erst um 10 Uhr starten. Würde jemand tatsächlich 14 Stunden arbeiten, müsste er die Leute noch um Mitternacht rausklingeln.“ Gebe es tatsächlich Verstöße, dann könnten die Mitarbeiter sich anonym über einen Vorgesetzten oder einen Subunternehmer beim Chef beschweren.
Oder der Vorwurf, die Mitarbeiter im Weihnachtsgeschäft an ihre physischen Grenzen zu bringen. „Die Leute denken immer, Logistik heißt schnell, schnell, schnell“, sagt er, „aber es geht darum, die Dinge in Bewegung zu halten und den Fahrplan immer einzuhalten.“
Die Belegschaft ist multinational und multiethnisch, die Verkehrssprachen sind einfaches Deutsch und Englisch, nur eine Gruppe von Indern unterhält sich in ihrer Muttersprache. Die Vorarbeiterinnen tragen Westen mit der Aufschrift „Ask me“, vier von ihnen nutzen die ruhigere Zeit und posieren im Foyer mit Weihnachtshütchen und -brillen für lustige Sofortbilder. Die Zahl „531“ an der Wand zeigt die Tage, an denen es keinen Betriebsunfall gegeben hat, ab 500 Tagen gibt es eine kleine Belohnung.
Diese Mitarbeiter haben einfache Jobs, von denen es in Deutschland immer weniger gibt. Leute, die einfach arbeiten wollen, manchmal Rentner oder Studenten. Amazon bietet ihnen Ausbildungen zu höherklassigen Jobs an, denn der Online-Händler wächst und es gibt immer neue Stellen zu besetzen. Einen Betriebsrat gibt es in diesem Verteilzentrum nicht. „Wir würden die Gründung eines Betriebsrates unterstützen“, sagt Steffen Adler, „und planen bei Neubauten Betriebsratszimmer immer gleich mit.“
Von all dem sieht ein Amazon-Kunde nichts. Die Fahrer sind ja die einzigen Mitarbeiter, mit denen sie nach den Bildschirm-Klicks Kontakt haben, und sie verbreiten schon manchmal Hektik. Denn wie bei der Post früher gilt auch, je schneller die Mitarbeiter arbeiten, desto schneller haben sie Feierabend, was zur Folge hat, dass 90 Prozent der Fahrer früher als geplant fertig sind. „Mir wäre es lieber, sie arbeiteten pünktlich“, sagt Steffen Adler, aber das sei aus den Fahren einfach nicht rauszukriegen.
In manchen steckt diese Hektik allerdings erst gar nicht drin. Will man einen Fahrer im Weihnachtsstress beobachten, ist man bei Andreas Klaas ganz falsch. Der 31-Jährige arbeitet seit zwei Monaten bei Amazon. Das Einstiegsgehalt sei gut, sagt er, und er liebe es, beim Arbeiten sein eigener Herr zu sein, die Pausen zu machen, wann er will, die Musik im Radio zu hören, die ihm gefällt. Was ist seine Vision für die Zukunft? Heiraten will er, „aber das ist ein Schritt, der wohl überlegt sein will.“ – Ein Satz bei dem ihm sicher jedermann beipflichten wird, egal ob verheiratet oder nicht.
Klaas muss heute 103 Stationen anfahren und ist gegen 11.30 Uhr in Hirsau bei Calw gelandet. Die Straßen sind schmal wie Handtücher, der Turm und die Mauern des Klosters prägen das Ortsbild. Der 31-Jährige arbeitet zügig, doch ohne Hast. Geradezu grazil springt der sehnige Mann aus dem Citroën-Transporter auf die Straße, geht zu den Haustüren und legt seine Pakete ab. „Die Leute freuen sich, wenn sie mich sehen“, sagt er, besonders die Kinder, die auf ihre Geschenke oder ihre Schulsachen warten.
Jetzt lässt er seinen Citroën ein wenig nach vorne rollen, damit der Lastwagen hinter ihm vorbeikommt. Er will niemanden behindern, „denn es hat ja jeder seine Arbeit zu erledigen“, sagt er philosophisch. Auch er könnte sich hocharbeiten bei Amazon, aber er ist sich nicht sicher, ob der Aufwand den Ertrag wert ist.
An einer Villa macht niemand auf. Klaas zuckt sie Schultern, „die Leute müssen ja auch selbst arbeiten“. Der weiße Metallzaun um die Villa herum ist hoch und blickdicht, hier kann er kein Paket ablegen, ohne dass es weder vom Regen beschädigt noch gestohlen werden kann. Über eine anonyme Amazon-Hotline versucht er, den Kunden anzurufen, aber keiner nimmt ab. Das heißt für ihn, das Paket wieder mitzunehmen und am nächsten Tag einen neuen Versuch zu starten. Nach drei Versuchen geht die Sendung an den Absender zurück.
Seine Mitarbeiter-App ist seine Bibel: Sie zeigt ihm, wo der Hintereingang ist, wo er parken muss, ob es einen Hund gibt – und die Fahrstrecke natürlich sowieso. Das einzig Blöde ist, dass hier im Schwarzwald wegen der Berge das GPS-Signal oft zeitverzögert durchkommt. Wenn Klaas seiner Tour hinterherhinkt, würde ihm die Zentrale einen so genannten Rescue-Fahrer schicken, einen Springer, der ihm einen Teil der Pakete abnimmt, was immer mal passieren kann, wenn so wie jetzt eine Baustelle den Weg versperrt. Andreas Klaas nimmt das gelassen hin, dreht den Transporter und ändert einfach die Tour.
Ans Hotel Kloster Hirsau sind Mietwohnungen angebaut. Er läutet, keiner da, er will beim Nachbarn zustellen und studiert die Klingeln mit etwa 20 Namen. Er findet einen „Horst“ auf dem Klingelschild. „Horst, das klingt doch vertrauenserweckend“, sagt er und drückt auf den Knopf. Die Tür geht auf, er stellt das Paket in den Flur, fotografiert es zum Beweis und fährt weiter.
„Die Städte machen es den Käufern nicht gerade leicht, zu den Läden zu gelangen.“
Steffen Adler, Amazon-Pressesprecher
Es stellt sich die Frage: Warum wird Amazon so angefeindet, warum nicht DHL oder Hermes oder UPS? Vielleicht lautet die Antwort darauf, dass Amazon eben nicht nur ausliefert, sondern auch verkauft. Damit landet man automatisch bei der Frage, wie der Versandhandel den Einzelhändlern zu schaffen macht. Weil der einzelne Händler zunehmend ins Hintertreffen gerät, wandeln sich die Innenstädte von Handelszentren zu Zentren, in denen hauptsächlich Dienstleistungen angeboten werden, wie bei Friseuren, Ärzten, Fast Food-Anbietern oder in Kneipen. Und wie damals, als Supermärkte die Tante-Emma-Läden ausradierten, wurde Letzteres von den Käufern zwar beklagt, eingekauft wurde in den Tante-Emma-Läden aber trotzdem nicht.
Dann wäre da noch die Frage, was ökologischer ist: wenn 103 Autos einen Laden ansteuern oder wenn ein Auto 103 Haustüren beliefert? Amazon-Pressesprecher Steffen Adler hat Antworten parat. Er sagt, die Methode Auslieferung sei ökologischer. Außerdem zeige die Erfahrung, dass es immer weniger Parkplätze und immer teurere Parkhäuser in den Städten gebe, flankiert werde dies von einem indiskutabel unzuverlässigen ÖPNV. „Die Städte machen es den Käufern nicht gerade leicht, zu den Läden zu gelangen.“ Amazon wolle die Händler aber nicht im Regen stehen lassen, fügt der Pressesprecher hinzu. „Wir haben Programme, wie wir den Einzelhändlern helfen, ihre Waren zusätzlich online zu verkaufen.“
Was ist die Zukunftsvision des Unternehmens? Ein Telefonie-Projekt hat Amazon aufgegeben, auch die freundliche Haushaltshilfe „Alexa“ hat sich in Deutschland nicht gerade flächendeckend durchgesetzt. Amazon investiert in Roboter, aber hier ist sich Steffen Adler nicht sicher, ob Menschen nicht schneller und billiger seien als ihre Plastikkameraden.
Neben einer Flotte von Elektrolastern gibt es nur eine Technik, die sich ankündigt, und im wahrsten Sinne des Wortes eine Vision ist: Eine Datenbrille, die alle Amazon-Fahrer leichter an die Zustellorte lenkt. Aber auch dies werde eine Neuerung sein, die einen Mann wie Andreas Klaas nicht aus seiner Ruhe bringen dürfte.
Amazon
Der weltweit größte Online-Versandhändler wurde 1994 von dem Informatiker Jeff Bezos gegründet und machte nach eigenen Angaben im Jahr 2024 einen Umsatz von 638 Milliarden US-Dollar.
Verteilzentren
Amazon unterhält in Deutschland 23 Logistikzentren und beschäftigt nach eigenen Angaben zu Zeit etwa 40 000 Mitarbeiter.