A 81, A 8, B 27 in Region Stuttgart Wie passen Klimaschutz und Straßenbau zusammen?

Stau, wohin man nur sieht: Die Autobahnen und Bundesstraßen in der Region Stuttgart sind oft überlastet. Foto: imago images/Arnulf Hettrich

Für das Klima wäre es besser, Straßen wie die A 8, A 81 oder die B 27 nicht auszubauen – auch wenn dort oft Stau herrscht. Zugleich fordern Bürger fließenden Verkehr. Sind Lokalpolitiker in der Region Stuttgart da in einer Bredouille?

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Würde ein Politiker den Klimaschutz ernst nehmen, müsste er jedes einzelne Straßenbauprojekt verhindern. Denn breitere Autobahnen oder neue Umgehungsstraßen führen immer zu mehr Verkehr. Und der Verkehrssektor ist bereits jetzt für etwa 20 Prozent der Treibhausgasemissionen Deutschlands verantwortlich. Eigentlich hätte der Verkehr im Jahr 2022 laut deutschem Klimaschutzgesetz maximal 139 Millionen Tonnen CO2 emittieren dürfen – es wurden dann allerdings 148 Millionen Tonnen. Und die Tendenz ist steigend.

 

Dilemma für Lokalpolitiker

Für Lokalpolitiker ist das ein Dilemma – vor allem für jene links der Mitte, die sich das Klima groß auf die Fahnen schreiben. Denn in der Region Stuttgart sind die Straßen oft überlastet, Staus sind an der Tagesordnung. Die Autobahnen 8 und 81 sowie die Bundesstraßen 10 und 27 sollen in den kommenden Jahren streckenweise neu gebaut oder verbreitert werden, teils passiert dies schon. Und in den jeweiligen Gremien wird diskutiert, was mehr wiegt: die Klimaerwärmung eindämmen? Oder die Bürger zufriedenstellen, die sich flüssigen Verkehr wünschen? Im Göppinger Gemeinderat warf kürzlich ein CDU’ler den Gegnern einer Ortsumfahrung für den Stadtbezirk Jebenhausen vor, den „Naturschutz über Menschenschutz zu stellen“.

Matthias Dreikluft, der für die Grünen im Göppinger Gemeinderat und Kreistag sitzt, bezeichnet dies als „Unsinn“. Klimaschutz bedeute schließlich auch Menschenschutz, argumentiert er. Und die Grünen verhinderten nicht konsequent Straßenbau: „Wir schauen uns jedes Einzelprojekt genau an.“ Einen „Straßenneubau mit der Brechstange“ wolle man nicht. Er betont aber auch: „Wir Grünen wollen nicht auf Ochsenwagen zurück – und den Fernverkehr wollen wir auch nicht aufs Fahrrad verlegen.“ Wo es möglich sei, müssten Transporte auf der Schiene erfolgen, aber den Fernverkehr brauche es weiterhin mit „so wenig ökologischen Schäden wie möglich“. Der Neubau des Albauf- und -abstiegs an der A 8 etwa sei nötig und auch vielmehr ein „Ersatz-Neubau“, weil die alte Trasse nicht mehr saniert werden könne und in ihrer jetzigen Form nicht mehr tragbar wäre – auch in puncto Unfälle, weil es dort nicht einmal einen Standstreifen gibt.

Bedeutsame Rolle der A 8

Es gehe vor allem darum, „die vom Ausweichverkehr geplagten umliegenden Ortschaften zu entlasten und dort für mehr Lebensqualität der Menschen zu sorgen“, sagt Sabrina Hartmann, die SPD-Vorsitzende im Göppinger Kreistag. Zudem sei die A 8 eine wichtige Ost-West-Tangente in Europa und nur im Bereich der Alb ein „Nadelöhr“ mit zwei Spuren pro Richtung. „Selbst wenn man keine Neu- oder Ausbauprojekte mehr umsetzen würde, ist damit ja nicht gleich weniger Verkehr vorhanden.“

Klar ist aber auch: Wenn die A 8 eines Tages durchgängig sechsspurig ist, wird es dort weiterhin Staus geben. Verkehrsexperten sprechen von dem „induzierten Nachfrage-Effekt“. Das heißt: Wenn der Verkehr auf einer Strecke, wo es jahrelang oft Stau gab, nach einer Erweiterung wieder fließt, wird die Strecke wieder attraktiver für Menschen, die bisher genau wegen der Staus mit Bus und Bahn gefahren sind, einen weiter entfernten Job nicht angenommen hätten oder keinen Kurztrip in die Gegend gemacht hätten. Darum steigt der Verkehr an.

A-81-Ausbau bringt auch mehr Radwege mit sich

Dorothea Bauer, die Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Böblinger Gemeinderat, betont unterdessen, dass die Grünen „noch wenig Einfluss hatten“, als 1985 die baden-wüttembergische Landesregierung die Verbreiterung der A 81 zwischen Böblingen und Sindelfingen beschlossen hat. Heute sieht sie daran Positives wie Negatives: einerseits den Lärmschutz für einen Teil der Anwohner an der Autobahn sowie den Ausbau der Radwege, die die Erweiterung mit sich bringe. Andererseits halte sie die „grundsätzliche Verkehrspolitik“ für falsch, beispielsweise dass die Rankbachbahnbrücke wieder eingleisig und nicht bereits breiter gebaut würde, obwohl sich künftig ja mehr Verkehr in Richtung ÖPNV bewegen müsse.

Der Filderstädter Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Grüne) begrüßte diese Idee. Im Ausbaugesetz des Bundes seien zu viele Aus- und Neubauvorhaben für die Straßen enthalten, argumentierte er: „Wir brauchen viel kritischere Überprüfungen der tatsächlichen verkehrlichen Bedarfe und müssen die Projekte ehrlicher auf ihre Umwelt- und Klimawirkungen hin überprüfen.“ Im Ergebnis müsse „ein Großteil der Straßenbauprojekte gestrichen und stattdessen die Schiene gestärkt werden“, sagte er.

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