A-81-Baustelle in Böblingen Die Führung wird unter dem Deckel gehalten

Johannes Kuhn (Bildmitte) zeigte am Samstag etwa 20 Lesern unserer Zeitung das Tunnelbauwerk zwischen Sindelfingen und Böblingen. Foto: /Stefanie Schlecht

Wie gießt man eine Deckenstütze? Wie fühlt man sich in einer fünf Meter hohen und 850 Meter langen Betonhalle? Das erfuhren unsere Leser bei einer Führung zum seit Jahrzehnten wohl größten Straßenbauprojekt im Kreis: der Überdeckelung der A 81.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Die gigantische Summe von 490 Millionen Euro verbaut gerade die Deges auf der Autobahn 81 zwischen Böblingen und Sindelfingen. Die Deges, die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau Gesellschaft, stemmt hier im Auftrag des Bundes das größte Straßenbauprojekt der letzten Jahrzehnte im Kreis Böblingen – nicht nur was die Finanzen anbelangt, sondern auch die Größe. Hier wird die zweispurige Autobahn in jede Richtung auf vier Fahrspuren verbreitert, drei Fahrspuren plus eine befahrbare Standspur. Dazu kommt das, was im Volksmund der „Deckel“ genannt wird: Zwischen Sindelfingen und Böblingen wird die Autobahn aus Lärmschutzgründen überdacht. Aber es ist viel mehr als ein Deckel, es ist ein gigantisches, fünf Meter hohes, 850 Meter langes Gebäude, mit jeder Menge Technik, mit Entwässerung, mit Belüftung.

 

Die Interessierten

Etwa 20 Leser unserer Zeitung sind aus rund 170 Einsendern ausgelost worden und haben eine Führung über die Baustelle gewonnen. Pia Verheyen, die Pressesprecherin der Deges, nimmt die Gruppe am Samstag an den Bau-Containern in der Leibnizstraße in Empfang. Sie teilt Audio-Geräte aus, die Teilnehmer bekommen blaue Bauhelme und grellorangefarbene Warnwesten. Sicher ist sicher, obwohl an dieser Baustelle heute nicht gearbeitet wird.

Der Experte

Johannes Kuhn kennt jede Schraube auf der Baustelle. /Stefanie Schlecht

Bei Projektleiter Johannes Kuhn laufen alle Fäden zusammen. Deswegen übernimmt er es auch, die Gruppe über die Baustelle zu führen. Der hochgewachsene Mann scheint jede Schraube des Bauwerks zu kennen. Einen wichtigen Teil seines Berufslebens verbringt er hier. 2019 kam er nach Böblingen, Ende 2027 wird er wieder gehen, wenn alle Arbeiten fertig sind.

Die Aufgaben

Es gibt eine Menge zu tun. Würde man bewusst die ungünstigste Stelle für eine Verbreiterung der Autobahn 81 suchen, dann wäre dieses Teilstück zwischen Böblingen und Sindelfingen sicherlich mit in der engeren Auswahl. Weil die A 81 nämlich einst nur als Bundesstraße geplant worden war, hat niemand groß auf ihre Durchgängigkeit geachtet. Elf Brücken und Unterführungen müssen deshalb nun abgerissen und neu gebaut werden. Für den Deckel musste die Böschung auf der Westseite der Autobahn komplett abgegraben werden. Damit der Hang nicht mitsamt den Häusern abrutscht, wurde eine 850 Meter lange Spundwand mit Betonpfählen errichtet. Diese Palisade aus Beton ragt locker sieben Meter aus dem Boden. Damit sie nicht umfällt, wurden 15 bis 20 Meter lange Stahlseile in das Erdreich geführt und mit Beton vergossen.

Projektleiter Johannes Kuhn lotst die Besuchergruppe über die Leibnizstraße, von dort aus kann man schon die beiden Röhren sehen. Zum Teil ist der Deckel schon drauf, zum Teil nicht. Mehrere große Baufirmen arbeiten gemeinsam an diesem Projekt, zwei Konstruktionssysteme werden gleichzeitig genutzt.

Bei dem 850 Meter langen Bauwerk muss alle zehn Meter eine Abstützung stehen. Eine Baufirma setzt dazu eine fahrbare Schalung ein, die immer, wenn der Beton hart wird, weiter gezogen wird. Dies hat den Vorteil, dass man zwischen den Elementen mit Lastern durchfahren kann, aber es hat den Nachteil, dass die Schalung ziemlich kompliziert zu bauen ist. Ein Stück weiter hinten, beim zweiten System, wird die Schalung mit Gerüsten abgestützt, ein Dickicht von Stahlstangen, durch das es kein Durchkommen zu geben scheint. Dieses Verfahren ist vergleichsweise simpel, hat aber den Nachteil, dass es während der Arbeiten eben kein Durchkommen gibt.

Es ist ein seltsames Gefühl, in den Schatten dieses mächtigen Bauwerks zu treten. Die Füße stehen auf Rohbeton, hier kommt später eine Schicht Schotter drauf und dann noch einmal Beton für die Fahrbahn. Der soll länger als Asphalt halten, denn man möchte den Tunnel später so selten wie möglich wegen Bauarbeiten sperren müssen.

Die Faszination

Teilnehmer Wolfgang Kindler hat Bergstiefel für die Baustellentour angezogen. „Da steht man gut drin“, sagt er. Ihn fasziniere, wie gut hier Hand in Hand gearbeitet werde und wie groß der logistische Aufwand sei. Reiner Schopf, ehemaliger Mitarbeiter des Böblinger Bauamts, ist erstaunt, in welcher Schnelligkeit die Baustelle vorangeht.

Und die Heilige Barbara?

Die Schutzheilige der Bergleute, die Heilige Barbara, die in vielen Tunnelbauten eine kleine Nische mit einem ewigen Licht zugewiesen bekommt, spielt beim Böblinger Bauwerk keine Rolle. Dieses ist nicht bergmännisch mit einer Tunnelbohrmaschine erstellt, sondern in offener Bauweise. Natürlich weiß Johannes Kuhn auch zu diesem Thema Bescheid.

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