A 81 bei Sindelfingen Bald kommen die Lärmschutzwände

Im Inneren der Wände gibt es sogenannte Schallschutzkassetten. Foto: Anke Kumbier

Ein Modell ist zu Testzwecken am Flugfeld aufgebaut. Das Besondere: Die Wände sind gebogen. Warum ist das so? Und was haben die Anwohner davon?

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Zehntausende Autos brausen tagtäglich die A 81 zwischen Böblingen und Sindelfingen entlang. Das donnert und dröhnt. Deshalb wird auf Höhe der S-Bahnstation Goldberg die 850 Meter lange Überdeckelung gebaut. Doch sie ist nicht die einzige Lärmschutzmaßnahme, die die Deges (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -baugesellschaft) an der Autobahn umsetzt: Auf beiden Seiten des Tunnels schließen künftig neue Lärmschutzwände an.

 

Wie sie aussehen, verrät ein Prototyp, den die Deges derzeit zu Testzwecken auf dem Baufeld gegenüber des Böblinger Festplatzes aufgebaut hat. Wer auf der Flugfeld-Allee entlangfährt, hat die beiden grauen Wände vielleicht schon entdeckt. Sie bestehen hauptsächlich aus Stahl und Aluminium und ragen acht Meter in die Höhe. Das Besondere: Sie sind nicht gerade wie herkömmliche Lärmschutzwände, sondern oben nach innen gebogen.

Warum die Lärmschutzwände getestet werden

„Wir vermeiden durch die Biegung Höhe“, erklärt Deges-Projektleiter Johannes Kuhn die Entscheidung für dieses Modell. Der Schall werde weiter unten abgefangen als bei geraden Wänden. Zwar sind die Wände nicht die ersten gebogenen Schallschutzwände, die an einer Autobahn zum Einsatz kommen, aber sie entsprächen nicht dem Standard, so Kuhn.

So sehen die neuen Lärmschutzwände von außen aus. Das Mittelstück ist wegen Tests geöffnet. Foto: Anke Kumbier

Deshalb werden sie aktuell getestet. Nicht, um herauszufinden, ob sie wie versprochen vor Lärm schützen. Da verlässt man sich auf die Berechnungen der Experten. Sondern um beispielsweise zu prüfen, wie stabil sie sind und ob Mitarbeiter sie für Reparaturen von allen Seiten gut erreichen.

So hätten die Tester bereits angemerkt, dass die Wartungsstege, die auf den Lärmschutzwänden verlaufen, etwas weiter nach unten gesetzt und die Revisionsklappen größer sein sollten, sagt Kuhn. Die Firma Strabag, die die Wände herstellt, nehme die Anregungen auf und setze sie für die Wände, die später zum Einsatz kommen, um.

Sicht nach Sindelfingen künftig eingeschränkt

Die neuen Lärmschutzwände ziehen sich künftig auf einer Gesamtlänge von rund drei Kilometern rechts und links der Autobahn entlang – sie schirmen vor allem den Sindelfinger Osten und die beiden Städte zwischen dem westlichen Tunnelende und der Eisenbahnbrücke über die A 81 ab. Entlang des Flugfelds gibt es keine neuen Wände. Die Wohnhäuser sind weit genug entfernt und der Wall, auf dem die Solaranlagen stehen, bietet offenbar ausreichend Schutz.

Die schwarzen Linien zeigen die Standorte der neuen Schallschutzwände an Foto: Deges/Zapletal/Lange

Je nach Bedarf werden die neuen Lärmschutzwände zwischen 7,90 Meter und 11,90 Meter hoch. Der aktuell freie Blick aufs Breuninger Land und den Sindelfinger Stadtteil Viehweide ist dann beispielsweise verstellt. Die Sindelfinger und Böblinger Einwohnerinnen und Einwohner wiederum sehen die silbrig-graue, mit stilisierten Bäumen verzierte Außenhaut.

Welche Lärmschutzmaßnahmen die Deges wo ergreifen muss, wurde schon vor Beginn der Bauarbeiten ermittelt. Auf Basis des für 2030 prognostizierten Verkehrsaufkommens haben Gutachter die Lärmbelastung entlang der erweiterten A 81 berechnet und ein Modell erstellt, das zeigt, an welchen Stellen die Grenzwerte für Lärm überschritten werden. „Daraus haben sie dann ein Schallschutzkonzept entwickelt“, sagt Kuhn. „In dem der Tunnel als zentrales Element am meisten abfängt.“

Deges-Projektleiter Johannes Kuhn erläutert, wie die Lärmschutzwände aufgebaut sind Foto: Anke Kumbier

In Wohngebieten gilt für Verkehrslärm tagsüber ein Grenzwert von 59 Dezibel, in der Nacht von 49 Dezibel. Mit den Maßnahmen, die die Deges ergreift, gelingt es laut Kuhn die Grenzwerte tagsüber an den allermeisten Stellen einzuhalten. „Wir wollen ja, dass die Leute tagsüber auf dem Balkon sitzen können.“ Lediglich an einzelnen Bürogebäuden könnte es etwas lauter werden.

Wo nachts Grenzwerte leicht überschritten werden

Nachts könnten dem Modell zufolge jedoch an circa 100 Gebäuden die Lärmschutzgrenzwerte leicht um 0,1 bis zwei Dezibel überschritten werden. Davon betroffen sind beispielsweise Häuser in der Waldenbucher Straße in Sindelfingen. Die Lärmschutzwände reichen an diesen Stellen nicht aus. Sie noch höher zu machen, wäre teuer und irgendwann wohl auch unpraktikabel.

Steht der Aufwand nicht mehr im Verhältnis zum Ertrag, sieht der Gesetzgeber die Möglichkeit eines sogenannten „passiven Lärmschutzes“ vor. Im Fall der Waldenbucher Straße könnten das laut Kuhn beispielsweise Schallschutzfenster sein, die die Anwohner vom Bund beziehungsweise der Deges gezahlt bekommen.

Allerdings ist es wohl nicht so, dass automatisch alle betroffenen Häuser neue Schallschutzfenster bekommen. Ein Gutachter schaue sich an, in welchen Stockwerken die Grenzwerte überschritten werden und ob hinter den Fenstern „schützenswerte“ Räume liegen. Heißt: Kinder- oder Schlafzimmer bekämen neue Fenster, der Dachboden eher nicht.

Eine Verbesserung zu heute sollten Tunnel und neue Wände in jedem Fall bieten – trotz Erweiterung der Autobahn und einem prognostizierten Anstieg der Fahrzeugzahlen. „Mit den Maßnahmen wird es deutlich leiser als jetzt im Bestand“, betont Kuhn.

Die ersten Wände will die Deges voraussichtlich Anfang 2026 aufbauen – beginnend auf Höhe der Smart-Gebäude in Böblingen und bei der Anschlussstelle Böblingen-Ost.

Lärm kann krank machen

Fahrzeugaufkommen 2030
Zwischen dem Kreuz Stuttgart und der Anschlussstelle Sindelfingen-Ost sind für 2030 im Schnitt 120 000 Fahrzeuge pro Tag prognostiziert, im restlichen Bereich etwa 105 000 Fahrzeuge. Laut Projektleiter Johannes Kuhn handelt es sich um eine geringe Zunahme im Vergleich zu heute.

Lärmschutz
Zu viel Lärm kann krank machen. So schreibt beispielsweise das Bundesumweltministerium: „Hohe Lärmbelastungen verursachen nicht nur Störungen und Belästigungen, sie können auch zu relevanten Gesundheitsrisiken, vor allem für das Herz-Kreislauf-System, führen.“

Weitere Themen