Langsam kommt das Stahlmonster angeschwebt. Als wäre es ein Streichholz, pendelt das 50-Tonnen schwere Teil am Haken eines Riesenkrans an seinen Bestimmungsort. Hier, nur wenige Meter entfernt vom Smart-Turm an der Sindelfinger Straße, wird der Träger in Zukunft die Last von tausenden Autos stemmen, die über die neue Brücke rollen, die Sindelfingen und Böblingen verbindet. Das Stahlteil ist einer von 14 Trägern, die bald dafür sorgen, dass die beiden Städte auch nach der Verbreiterung der Autobahn verkehrstechnisch miteinander verknüpft werden. Bevor es Anfang 2024 so weit sein wird, ist an diesem Wochenende zunächst einmal Maßarbeit gefordert.
Die 50-Tonnen schwere Träger kommen per Lkw-Konvoi aus der Oberpfalz überbaut
Während der Träger sich behutsam absenkt, schaut Johannes Kuhn einige Meter entfernt auf die Baustelle hinunter. Es ist Samstagnachmittag und die Hälfte der 14 Träger, die der Bautrupp einpassen muss, sitzt bereits. Die Autobahntrasse ist schon komplett überbaut. Johannes Kuhn ist der verantwortliche Projektleiter für den Ausbau der A 81 zwischen Böblingen und Sindelfingen und sehr zufrieden mit dem Ablauf des Brückeneinbaus: „Dass der Bereich der Autobahn bereits fertig ist, ist wichtig“, sagt er. Denn die Sperrung muss bis zum Berufsverkehr am Montagmorgen aufgehoben sein, sonst wäre das Chaos rund um die Autobahn programmiert.
Damit es so weit nicht kommt, braucht es eine perfekt funktionierende Logistik. Bereits am Freitagabend, als die Autobahn um 22 Uhr dicht gemacht worden war, rollte der Konvoi aus 14 Lkw mit seiner tonnenschweren Trägerlast aus Neumarkt über die Autobahn nach Böblingen. Am Firmensitz in der Oberpfalz hat das Spezialunternehmen Max Bögl die Träger maßgefertigt und zum Einbau vor Ort präpariert. Der Kran stand bereits seit Freitagmittag bereit, sämtliche Baufahrzeuge und -maschinen warteten ebenfalls schon auf ihren Einsatz.
Als die Sonne aufgeht, sitzen bereits sieben Träger
Nachdem die Autobahn frei geräumt war, kam Bewegung in die Baustelle. Der Kran nahm den ersten Träger an den Haken und bugsierte ihn hinauf auf den Brückenpfeiler. Bis zum frühen Samstagmorgen leisteten die Mannen des Bautrupps ganze Arbeit. Die ersten sieben Stahlteile waren eingepasst, als die Sonne aufging. Über die Autobahn zog sich da bereits ein 17,5 Meter breites Brückenband: der Untergrund für die spätere Fahrbahn.
Am Samstagmittag wartet dann auf die Bauarbeiter Teil zwei ihres Einsatzes. Da die die Leibnizstraße, die aus Richtung der Mineraltherme parallel zur Autobahn verläuft, Richtung Flugfeld verlängert wird, muss auch diese Straße in Zukunft von der Brücke zwischen Böblingen und Sindelfingen überwunden werden.
Der Kran hat neun Achsen und kann 900 Tonnen heben
Als der Kran den ersten Träger an die 35 Kilo schweren Haken nimmt, hat das nicht den Anschein, als ob hier mal kurz das Gewicht von rund 20 Pkw durch die Luft schwebt. Dem 900-Tonnen-Kran, der auf neun Achsen ruht, ist seine Last zumindest nicht anzumerken. Ruhig und kontrolliert bugsiert er die 38 Meter lange Stahlstange an den Einbauort, wo bereits vier Bauarbeiter und die Montageplatten warten. „Jeder Träger“, erzählt Johannes Kuhn, „wurde bereits im Vorfeld genau eingemessen.“ Dennoch zückt einer der Bauarbeiter den Meterstab, als der Kran den Träger bis auf wenige Zentimeter an seine Endposition heranbugsiert hat. Das Feintuning leistet dann ein Kettenzug. Nach einigen Bewegungen der Ratsche sitzt der Träger so, wie das die Ingenieure berechnet haben: mit genau 15 Millimeter Abstand zum nächsten.
Im nächsten Frühjahr gibt es Vollsperrung Nummer sieben
Wenn alles gut läuft, schätzt Bögl-Bauleiter Stefan Büchner, ist der letzte Träger am Samstagabend gegen 19 Uhr eingepasst. Dann ist das Feld für die Beton- und Straßenbauer bereitet. Die werden in den kommenden Wochen die Träger miteinander verbinden und noch eine Betonschicht auf die Konstruktion gießen, bevor der Asphalt aufgebracht wird. „Danach wird die Brücke an die Straße angebunden“, erzählt Johannes Kuhn. Bis diese Arbeiten alle erledigt sind und die Träger zum ersten Mal ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen können, wird es Anfang 2024 sein. Danach ist die alte Brücke fällig. Deren Abbruch macht im nächsten Frühjahr die siebte Vollsperrung der Autobahn seit Baubeginn im Sommer 2021 nötig.
Staus in den Städten und auf der Autobahn
Auch dann werden sich die Autoschlangen wie am Samstagnachmittag um die Baustelle herum und durch die Innenstädte Böblingens und Sindelfingen wieder stauen. Wer auf der Autobahn unterwegs war, musste ebenfalls Geduld mitbringen: Rund zwei Kilometer Stau Richtung Stuttgarter Kreuz und 15 Minuten Verzögerung sowie „dichtes Verkehrsaufkommen“ auf der Gegenfahrbahn Richtung Böblingen-Hulb verkündeten die Staumelder. Die von manchen befürchtete Überlastung des Stuttgarter Kreuzes durch eine weitere Vollsperrung der A 8 bei Pforzheim blieb aus.
Damit die Fahrbahn am Montagmorgen wieder rechtzeitig frei wird, sind zwischen Böblingen und Sindelfingen etwa 40 Bauarbeiter rund um die Uhr im Einsatz – nicht nur um die neue Brücke einzubauen. Einige hundert Meter entfernt bei der S-Bahnbrücke am Goldberg wird ebenfalls gearbeitet. Dort entsteht die Einhausung für das Betriebsgebäude am geplanten Lärmschutzdeckel. Auch die Bahn ist nicht untätig an diesem Wochenende und nutzt die Sperrung der Autobahn: Die Widerlager der alten Eisenbahnbrücke zwischen Böblingen und Sindelfingen werden abgebrochen.
Ausbau A 81: Es gibt noch viel zu tun
Projekt
Die A 81 wird zwischen den Anschlussstellen Böblingen-Hulb und Sindelfingen-Ost in beiden Fahrtrichtungen auf drei Fahrstreifen und einen temporär nutzbaren Seitenstreifen erweitert. Bis 2030 werden auf diesem Streckenabschnitt pro Tag zwischen 107 000 und 151 000 Fahrzeuge pro Tag erwartet.
Dimension
Der 7,2 Kilometer lange Abschnitt wird von zwölf Über- und Unterführungen gesäumt, die allesamt abgerissen und neu gebaut werden müssen. Eine 850 Meter lange Überdachung der Fahrbahn und 3,4 Kilometer Wände sollen die Anwohner vor Lärm schützen. Die Kosten betragen 360 Millionen Euro.
Dauer
Baubeginn war im Sommer 2021. Die Maßnahme soll Ende 2026 fertig gestellt sein.