Für Eltern wäre es traumhaft, wenn sie ab 2026 für ihre Grundschulkinder kein Betreuungsproblem mehr hätten. Keine Wartelisten und nie mehr Umorganisieren in den Ferien. Aber der Rechtsanspruch ist eine Herkulesaufgabe. Bleibt die Umsetzung am Ende nur ein Traum? Noch ist alles offen. Im Hintergrund arbeiten Interessenvertreter wie etwa der Städte-, Gemeinde- und Landkreistag aber an Lösungen. Bis Januar soll es mehrere Regionalkonferenzen mit dem Kultusministerium zur Klärung geben. Unterdessen wappnen sich die Kommunen im Landkreis Esslingen.
Die Stadt Esslingen sieht sich gut aufgestellt. „Dennoch wird es weiterhin eine enorme Kraftanstrengung sowohl in baulicher als auch in personeller und finanzieller Hinsicht bleiben“, sagt Sozialbürgermeister Yalcin Bayraktar. 17 Kooperationen mit Schulen und außerschulischen Bildungspartnern bestehen bereits. Zudem hat die Stadt eine ganze Liste an Maßnahmen, mit der man sich auf die neue Herausforderung vorbereitet. So wird unter anderem eine Personalstelle in der Bildungsplanung umgewidmet und soll sich schwerpunktmäßig mit dem neuen Betreuungsrecht beschäftigen. Im März 2024 soll es unter anderem ein Speed-Dating geben, um weitere außerschulische Bildungspartner ins Boot zu holen. In diesem Schuljahr ist ein Pilotprojekt mit der Silcherschule und dem Kinderhaus Agapedia gestartet. Die Stadt möchte so wichtige Erfahrungen mit außerschulischen Partnern sammeln. Das Projekt läuft bis 2025 und wird von der Hochschule Esslingen evaluiert. Nicht zuletzt gibt es Gespräche mit dem Stadtjugendring, der die Betreuung in den Ferien fortführen soll.
Bauarbeiten haben langen Vorlauf
Auch Plochingen steht in den Startlöchern. „Derzeit ist die Situation sehr unbefriedigend“, sagt Bürgermeister Frank Buß mit Blick auf die Landesregierung, die noch keine Rahmenbedingungen für die Kommunen vorgelegt habe. Es zeichnet sich ab, dass Plochingen wie andere Kommunen auch neue Räume schaffen muss. Wenn gebaut werden wird, habe das Vorlauf. „Die Uhr tickt“, sagt Buß und fordert rasche Zusagen der Politik ein. Unabhängig davon will Plochingen eine Machbarkeitsstudie erstellen, die auf den bisherigen Planungen aufbaut.
Tatsächliche Nachfrage ist offen
In Ostfildern war die Umsetzung des Rechts auf Betreuung in dieser Woche ein Tagesordnungspunkt im Gemeinderat, vor allem um das Gremium über den Ist-Zustand zu informieren. „Wir haben eine solide Basis, auf der wir aufbauen können“, sagt Kerstin Pichler, Abteilungsleiterin Kinder und Jugend, „aber es gibt noch sehr viel zu tun.“ Einfach sei Planung nicht. „Denn wie stark der Ganztag ab 2026 angenommen wird, ist offen“, sagt Pichler.
Kirchheim zweifelt an der Umsetzung
Die Stadt Kirchheim hat im Zuge einer Schulbedarfsentwicklungsplanung in diesem Jahr auch den Ausbaubedarf bei der Ganztagsbetreuung an Grundschulen ab dem Schuljahr 2026/27 ermitteln lassen. Herausgekommen ist ein Bedarf von 60 bis 70 Prozent. Aktuell nehmen nur rund 45 Prozent der Grundschüler Ganztagsangebote in Anspruch. Es ist also noch einiges zu tun. „Aus personellen Gründen, aber auch wegen fehlender finanzieller Spielräume für Räume, Ausstattung und Betreuungspersonal ist es fraglich, ob die Umsetzung bis 2026/27 gelingt“, teilt eine Sprecherin mit.
Die Vereine wollen mitmachen, aber es fehlt an Zusagen
Ohne Vereine und andere Partner dürfte der Ganztag ohnehin nicht umsetzbar sein. Eine große Rolle kommt dabei vermutlich den Sportvereinen zu. „Wir haben großes Interesse“, sagt Margot Kemmler, Präsidentin des Sportkreises Esslingen, „aber bis jetzt wissen wir noch nicht, was auf uns zukommt.“ Überwiegend mit Ehrenamtlichen sei der Ganztag nicht mehr zu stemmen, zumal die immer schwerer zu finden seien und so früh schlichtweg oft keine Zeit hätten. Weil es um eine verlässliche Betreuung geht, müssten zudem Ersatzkräfte bereitstehen und finanziert werden. „Wir brauchen schnell einen verlässlichen Kostenrahmen, auch für hauptamtliche Kräfte“, so Kemmler.
Wie Leinfelden-Echterdingen Sportvereine fördert
Als vorbildlich, was die Kooperation von Vereinen und Schulen angeht, gilt derzeit Leinfelden-Echterdingen. Die vier großen Sportvereine können dort hauptamtliche Geschäftsführer einstellen, die auch tagsüber erreichbar sind, eine Stelle ist bereits besetzt. Zwei Drittel der Personalkosten trägt die Stadt. Zudem werden bis zu vier Sportpädagogen von der Stadt bezahlt, damit die Vereine entlastet werden. „Wir können so den Eltern trotz Fachkräftemangels im pädagogischen Bereich weiterhin verlässliche und qualitativ hochwertige und attraktive Betreuungsangebote machen“, sagt Sozialbürgermeister Carl-Gustav Kalbfell. Das Interesse an dem Modell sei groß. „Andere Kommunen fragen bei uns an, wie wir das gemacht haben“, berichtet Kalbfell.
Lücke zwischen Rechtsanspruch und Realität
Auch Ferien abgedeckt
Bundesweit haben ab 2026 Eltern ein Recht darauf, ihr Grundschulkind ganztägig betreuen zu lassen, das gilt an fünf Tagen die Woche und täglich maximal acht Stunden lang. Dieser Anspruch kommt auch in den Ferien zum Tragen, abgesehen von einer Schließzeit von vier Wochen pro Jahr. Dieses Recht wird schrittweise eingeführt und gilt zunächst für alle Familien, deren Kind 2026 in die erste Klasse kommt.
Recht auf Kitaplatz
Im Kitabereich gibt es den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz schon seit 2013. Ab dem ersten Lebensjahr müsste jedem Kind ein entsprechender Platz zur Verfügung gestellt werden. Der rechtliche Anspruch existiert häufig nur auf dem Papier, denn es gibt im Land zu wenig Betreuungsplätze. 2022 rechnete etwa die Bertelsmann-Stiftung vor, dass rund 16 800 Fachkräfte in Baden-Württemberg fehlen, um dem Bedarf der Eltern gerecht zu werden.