Abbas Khiders Asyl-Roman „Die Ohrfeige“ Nicht nur Folter kann das Leben zur Hölle machen

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Wie alle Iraker hat Karim so viel Tragisches erlebt, dass es für mehrere Menschenleben gereicht hätte, aber nicht für das deutsche Asylsystem. Ganz bewusst wählt Khider als Fluchtursache kein politisches, sondern ein individuelles Motiv: Gynäkomastie – seinem Held waren Brüste gewachsen, die Angst, gedemütigt und vergewaltigt zu werden treibt ihn aus dem Land. Sein Traum, ein normaler Mann zu werden, hängt an einem Deutschkurs, er ist die Voraussetzung, einmal studieren zu können und das Geld für einen medizinischen Eingriff zu erwerben. Der Widerruf seiner schließlich erlangten Asylberechtigung macht ihn zunichte. Nach dem Fall Saddam Husseins bestehe kein Grund mehr, im Land zu bleiben, dafür erhalten nun die Schergen des Diktators Asyl.

Vielleicht sind die Brüste nicht nur der wunde Punkt am männlichen Körper Karims, sondern auch in der Dramaturgie des Romans. Mit ihnen ragt ein Symbol in den realitätsgesättigten Text, dessen Bedeutungsabsicht stärker ausgeprägt ist als seine Wahrscheinlichkeit. Gleichwohl bleibt wahr, was damit gesagt werden soll: dass die Wechselfälle des Lebens unendlich vielfältiger sind als die rigiden Regeln und Bestimmungen, die über die Schutzbedürftigkeit des Einzelnen entscheiden. Nicht nur Folter und Verfolgung können das Dasein zur Hölle machen.

Den Launen der Polizei ausgeliefert

Was hinter Karim liegt, hat der 1973 im Irak geborene Autor und Chamissopreisträger Abbas Khider so ähnlich am eigenen Leib erfahren – bis auf die Brüste: Flucht und ein Leben in der Illegalität. Was nun vor seiner Romanfigur liegt, blüht all denen, die durch die Maschen des Asylsystems gefallen sind. „Wir sind alle wie die geschmacklosen und billigen Produkte aus dem Ausland, die man bei Aldi und Lidl finden kann“, beschreibt Karim seine Situation, „wir werden mit dem Lastwagen hierhergeschleppt wie Bananen oder Rinder, werden aufgestellt, sortiert, aufgeteilt und billig verkauft. Was übrig bleibt, kommt in den Müll.“

Es ist nicht die Aufgabe von Romanen, Antworten auf die Frage zu geben, wie groß die Aufnahmekapazität einer Gesellschaft sei oder wie sie ihre Aufgaben zu bewältigen habe. Aber sie können eine eigene Form der Gerechtigkeit kultivieren, die endlich einmal auch die Sichtweise derer berücksichtigt, die sonst immer nur von außen betrachtet werden, die vor Gericht einen schweren Stand haben, die Behördenschikanen ausgesetzt sind und den Launen der Polizei: „Wenn einem von ihnen ein Furz quer sitzt, wird das Leben von uns Ausländern sehr kompliziert.“

Vor dem Tribunal des Lesers hat der Begriff der Menschlichkeit eine andere Erstreckung als im Reich der Paragrafen. Es liegt an ihm, was er an Romanfiguren schätzt, an die Wirklichkeit zurückzugeben.