Abendstern in S-Mitte Ein Kunstwerk auf den zweiten Blick

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Der Abendstern des Künstlers Micha Ullman ist in eine Gehwegplatte in der Innenstadt eingraviert.

Eine unauffällige Mulde: der Abendstern von Micha Ullmann. Foto: Horst Rudel
Eine unauffällige Mulde: der Abendstern von Micha Ullmann. Foto: Horst Rudel

S-Mitte - Auf den ersten Blick fällt er überhaupt nicht auf. Auch die Wegbeschreibung ist ungenau: an der Straßenecke Bolz-/Stauffenbergstraße. Leicht zu finden ist er aufgrund dieser Angabe nicht. Aber kein Wunder, denn er hat schließlich nur knapp vier Zentimeter Durchmesser. Micha Ullmans Abendstern ist fast nichts. Lediglich eine halbkugelförmige Vertiefung in einer der Gehwegplatten an der Kreuzung der beiden Straßen. Und kein Schild weist auf das minimalistische Kunstwerk hin.

Nur wer ganz genau hinschaut, entdeckt die 1996 eingravierte Mulde im Boden. Der Sinn des Kunstwerks erschließt sich auf den ersten Blick nicht. Beinahe wie ein Loch im Boden sieht es aus, welches vielleicht auch zufällig dahin gekommen sein könnte.

Doch die kleine Mulde zeigt ihre Wandlungsfähigkeit: Wenn die Sonne scheint, ist die kleine Höhlung wie eine Uhr. In ihrem Inneren reagiert sie mit einem Schattenmuster auf den Sonnenstand, das nach Tages- und Jahreszeit wechselt. Füllt sich der Abendstern mit Regenwasser, wird er zum glänzenden Himmelsspiegel. Der Abendstern soll eine Zäsur darstellen, die dem aufmerksamen Passanten plötzlich eine neue Dimension erschließen kann: Das große Ganze bündelt sich im Winzigen.

Ullman hat den Kreuzungspunkt bewusst gewählt

Weder das Kunstwerk noch der Künstler werden in der Umgebung erklärt. Passanten sehen zunächst nur eine Tafel unterhalb des Straßenschildes: „Claus Graf Schenk/ von Staufenberg/ Opfer des 20. Juli 1944“. Und auch die angrenzende Straße trägt den Namen eines gescheiterten Widerstandskämpfers gegen Hitler: Die Bolzstraße ist nach dem ehemaligen württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz benannt. In diesem Kontext verliert das scheinbar so beiläufig platzierte Bodenmal jede Zufälligkeit.

„Ullman hat bewusst den Kreuzungspunkt zweier nach Widerstandskämpfern benannten Straßen gewählt. In seinen Kunstwerken ist kein Zufall dabei“, erklärt Gerd Dieterich, der als Kunstreferent bei der Stadt Stuttgart arbeitet. Mit dem Abendstern bringt Micha Ullman, dessen Eltern als deutsche Juden vor den Nationalsozialisten fliehen mussten, seine Hochachtung für die beiden Regimegegner zum Ausdruck.

„Seine Werke sind nie eine große Geste, sondern meistens unauffällig in die Umgebung eingearbeitet“, sagt Dieterich, der den Künstler persönlich kennt.

Lange Zeit war Micha Ullman Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Seine Werke für den öffentlichen Raum bestechen durch zurückhaltende Bestimmtheit. In Stuttgart ist er mit insgesamt vier Kunstwerken vertreten. Drei von ihnen zählen zu einer Werkgruppe, die Ullman selbst „Minimente“ nennt. Dazu gehören neben dem Abendstern der Neumond im Hof von Schloss Solitude und Mahlzeit, welches sich auf dem Pragfriedhof befindet.

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