Abenteuerspiel Wie man sich als ein Elf durch fremde Welten schlägt

Von Klaus Nonnenmacher 

Einmal Held in einer Geschichte sein – beim ersten Göppinger Gratis-Rollenspieltag war das möglich.

Zettel, Stift , Würfel und ganz viel Fantasie, mehr braucht es für Marc Stehle (Bildmitte) nicht, um beim Tischrollenspiel die wildesten Abenteuer   zu bestehen. Foto: Horst Rudel
Zettel, Stift , Würfel und ganz viel Fantasie, mehr braucht es für Marc Stehle (Bildmitte) nicht, um beim Tischrollenspiel die wildesten Abenteuer zu bestehen. Foto: Horst Rudel

Göppingen - Der Tag dunkelt ungewöhnlich früh. Lichtblitze zucken vom Himmel. Es donnert bedrohlich. In der Taverne, in der eine bunt zusammengewürfelte Reisegruppe aus Elfen, Zwergen und Menschen Unterschlupf gefunden hat, macht sich Unbehagen breit. Wer nimmt jetzt das Heft in die Hand? Der Elf mit seinen seherischen Kräften oder seine Gefährtin, die mit dem Langbogen umzugehen weiß?

Jeder schlüpft in seine eigene Traumrolle

Tatjana und Tobi tun sich schwer, die rechte Aktion zu wählen. Die beiden sitzen rein äußerlich gesehen bequem im Bürgerhaus in Göppingen und würfeln sich beim ersten Rollenspieltag des Göppinger Rollenspielclubs durch die fremde Fantasy-Welt von „Dungeon Slayer“, einem Tischrollenspiel. Sie schlüpfen dabei in die Rolle der Helden und bestimmen mit ihren Entscheidungen den weiteren Verlauf der Geschichte mit.

Der Spielleiter ist die ganze restliche Welt

Ihnen gegenüber sitzt Mario Hermann, der sie als Spielleiter oder „Supporter“ durch den vorgegebenen Handlungsstrang führt. Er skizziert dunkle Gestalten, beschreibt haarklein deren Aussehen und die Umgebung und gibt Alternativen vor. „Die beiden spielen die Charaktere, die sie vorher ausgewählt haben. Ich bin sozusagen sowohl die ganze Welt als auch alle anderen“, erklärt der Spielleiter. Der Unterschied zum Computer sei aber, dass eben nicht ein Monitor, sondern die eigene Fantasie die Bilder entwerfe. „Und die sind auch bei jedem anders“, so Hermann.

Bald wimmelt es von ungeheuerlichen Gegnern

Tischrollenspiel, das sei gewissermaßen eine Art Computerspiel als Brettspiel mit Stift und Papier, sagt Hermann. Lange Runden können ein Jahr oder länger dauern, Blitzrunden nur eine Stunde. Die Charaktere haben gewisse Fähigkeiten, welche die Koordinaten ihrer Handlungen bilden. Sie beeinflussen die grundsätzlich vorskizzierte Geschichte mit ihrem Tun. Je mehr mitspielen, desto lebendiger wird das Abenteuer. Tatjana und Tobi sind Neulinge im Rollenspielgeschäft. Sie haben das Angebot des noch jungen Göppinger Rollenspielclubs als Schnuppermöglichkeit genutzt. Längst sind sie von Mario Hermann tief in die ungeheuerliche Fantasywelt hineingezogen. Bald schon wimmelt es auf dem Spielbrett von gefährlichen Gegnern, die Tatjana offenbar mit einer unbedachten Aktion selbst heraufbeschworen hat.

Der Würfel birgt das Überraschungsmoment

Das Brett dient aber nur dazu, die Übersicht im komplexen Geschehen zu wahren. Hin und wieder wird gewürfelt, in der Regel mit einem zwanzigseitigen Würfel. Dieser bringt das Zufallsprinzip mit ins Spiel. So kann auch ein guter Krieger bei Würfelpech mal einen Kampf verlieren, einem Meistermagier ein Zaubertrick misslingen oder, mit etwas Glück, auch mal ein blindes Huhn ein Korn finden.

Derartige Rollenspiele gibt seit mehr als 40 Jahren auf dem Markt. Meist lehnen sie sich an bekannte Sujets an. Mehr als 100 unterschiedliche Spiele bieten Verlage an, teils wurden sie von den Fans selbst entworfen. Die Spielwelten sind Vorlagen wie „Herr der Ringe“ und „Starwars“ oder basieren auf Marvel-Superhelden, so dass man von vornherein die Rollen und deren Möglichkeiten kennt. Und weiß, worauf man sich einlässt. Die Fans, rund 12 000 deutschlandweit, treffen sich regelmäßig in größeren oder kleinen Gruppen.

Es geht nicht ums gewinnen

In Göppingen hat Marc Stehle mit Mitstreitern einen solchen Club vor einigen Monaten gegründet. Er selbst ist schon seit Jahren vom Tischrollenspiel-Virus befallen. Damals hat sein jüngerer Bruder ein solches Spiel aus der Stadtbibliothek mitgebracht. Das Tolle daran sei, dass man mit anderen an einem Tisch sitze, sich unterhalte und im Team spiele und nicht gegeneinander. „Es geht auch nicht ums Gewinnen“, sagt er. Eher geht es wohl darum, etwas gemeinsam zu erleben, wenn auch nur in einer Traumwelt.