Abenteurer Martin Stengele Ein Stuttgarter will im Ruderboot den Atlantik überqueren – und scheitert

Martin Stengele in seinem Rennboot Mars auf dem Atlantik Foto: worldstoughestrow/KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle

Der Stuttgarter Martin Stengele will von den Kanaren über den Atlantik rudern. Doch er schafft es nur bis zu den Kapverden. Bilanz eines gescheiterten Abenteuers.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)

Mitte Januar auf der Kapverden-Insel São Vicente. Martin Stengele steigt am Strand aus seinem Renn-Ruderboot Mars. Er wird von ein paar Schaulustigen auf dem Eiland vor der Küste Westafrikas beobachtet und bald ausgefragt. Die Leute wollen wissen: Wo ist der Sporttherapeut aus Stuttgarter gestartet? Stengeles verblüffende Antwort: Los ging seine Fahrt auf La Gomera. Der hagere Mann, Mitte 50, hat also rund 1000 Kilometer zurückgelegt. Allein auf dem Atlantik.

 

Die Urlauber und die Einheimischen auf São Vicente wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Stengele unglücklich ist, weil er den Atlantischen Ozean eigentlich komplett queren wollte – von den Kanaren bis in die Karibik. Der Solo-Ruderer ist aber bereits nach etwa drei Wochen aus der Atlantic Challenge ausgestiegen, einem der härtesten Rennen der Welt: gut 5000 Kilometer weit, bei Wind und Wellen, Hitze und Einsamkeit. Technische Probleme haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zudem hat er wohl zu wenig getrunken.

Erst die Schmach, dann viel Lob

Als sich abzeichnete, dass sein Ankommen am geplanten Ziel platzen dürfte, erhielt er vom Security Officer der Veranstalter die Order: „Du bis zu langsam unterwegs, abdrehen nach Süden – und dann immer in Richtung Kapverden rudern.“ Ein Segelboot werde ihn in der Nähe von São Vicente einsammeln und ins Schlepptau nehmen. Auf diese unrühmliche Weise – im Ruderboot liegend, das mit einem Seil an der Jacht befestigt ist – erreichte der Mann aus Schwaben schließlich die Insel vor Mauretanien. Als die Leute auf den Kapverden Stengele für seine Leistung loben, erklärt der Skipper des Segelboots: „Hier weiß niemand, wohin du eigentlich rudern wolltest – genieße die Glückwünsche.“ Der Ruderer befolgt den Rat. Und es stimmt ja auch: Es gibt nicht viele Menschen auf diesem Planeten, die von sich sagen können, sie seien gut 1000 Kilometer weit solo durch den Atlantik gerudert.

Foto: worldstoughestrow

Gut drei Monate später. Martin Stengele ist längst wieder zurück in Stuttgart – und auch das Lachen ist zurück in seinem Gesicht. An diesem wunderschönen Frühlingsvormittag sitzt er in der Küche seiner Wohnung in Bad Cannstatt und erzählt vom aufwendigen Training für die bis dato größte Herausforderung seines Lebens. „Ich hatte vier Jahre lang kaum etwas anderes in Kopf als die Überquerung des Atlantiks.“ Er habe ungezählte Stunden in seinem Ruderboot auf dem Bodensee sowie daheim in seiner Wohnung auf einem Ruder-Ergometer geschuftet und geschwitzt.

„Eine schöne Erfahrung“

Sein erster Gedanke nach dem Ausstieg aus der Atlantic Challenge? Die Antwort kommt schnell: „Ich bin ein Versager.“ Doch dann habe er über das Satellitentelefon mit seinem Coach gesprochen, und der sagte: „Das Wort Versager muss aus deinem Kopf.“

Das hat geklappt. Heute ist Martin Stengele überzeugt: Er ist nicht gescheitert, es sei mutig von ihm gewesen, überhaupt loszufahren. Er hatte bis zum Beginn seines Trainings nie in einem Ruderboot gesessen. Die Jahre der Vorbereitung und die Wochen auf dem Atlantik nennt er „eine schöne Erfahrung“. Er habe tolle Leute kennengelernt, zum Beispiel Otto Walkes bei einer Reise zum Training auf der Nordsee. Der Komiker hat ihm in Hamburg einen Ottifanten auf sein Boot und auf sein Wohnmobil gemalt. Stengele erzählt, dass er seit den Wochen auf dem Meer besser mit Ängsten umgehen könne. Wenn ernste Probleme aufzögen, dann wisse er jetzt: Schnell handeln bringt mehr als zu grübeln. Er werde die Themen Mut und Wandel in seine Sportseminare einbauen.

Wie kommt ein Mann aus Baden-Württemberg auf die Idee, solo den Atlantik zu überqueren? Das Meer, sagt Martin Stengele, habe ihn schon als kleines Kind magisch angezogen. Warum das so ist, könne er gar nicht erklären.

Als Kind träumt er davon, Schiffskapitän zu werden

Im Juni 1970 erblickt Martin Stengele in Stockach das Licht der Welt, als jüngstes von fünf Geschwisterkindern eines Schneiders und einer Hausfrau. Die Familie wohnt in Nenzingen. Der Bodensee ist zwar nur ein paar Kilometer entfernt, aber die Stengeles sind selten am Ufer. Das Geld ist knapp, geschwommen wird – wenn überhaupt – im Freibad des Nachbarorts. Der Kauf eines Boots? Wäre niemals möglich. Klein-Martin träumt dennoch davon, einmal Schiffskapitän zu werden. Vorerst behilft sich der Bub mit Lego, baut aus den Steinchen Schiffe. Als er etwas älter ist, eröffnet ihm seine Mutter, dass er nicht Kapitän werden könne: „Dafür müsstest du studieren, wir haben aber kein Geld.“ Okay, denkt sich der Grundschüler, „werde ich halt Matrose“. Nach dem Hauptschulabschluss macht Martin Stengele tatsächlich ein mehrwöchiges Praktikum auf einem Frachtschiff, bereist die Ostsee und die Nordsee. „Eine tolle Zeit“, sagt er heute.

Die Eltern indes sind Pragmatiker. In einem Nachbarort von Nenzlingen sucht eine Glaserei einen Lehrling – also wird der Filius Glaser. Später fährt er dann doch noch zur See, vier Jahre lang als Zeitsoldat auf den Versorger Saarburg. Doch die Bundeswehr sei nichts für ihn gewesen, erzählt Stengele.

Er kehrt zurück an den Bodensee, macht eine zweite Ausbildung und wird Straßenbauer. Nebenher engagiert sich Stengele im Sportverein seiner Kindertage, dem TV Nenzingen. Er macht mehrere Trainerscheine – und später in Stuttgart eine Ausbildung zum Sport- und Gymnastiklehrer. Seit rund 20 Jahren lebt und arbeitet Martin Stengele in der Landeshauptstadt als selbstständiger Sporttherapeut. Er läuft Marathon und entdeckte zudem das Kajakfahren für sich.

Ein kostspieliges Vorhaben

2019 sieht er den Film „Wellenbrecherinnen“, der von vier Frauen erzählt, die an der Atlantic Challenge teilnehmen. Der Sportlehrer ist sofort angefixt: „Das will ich auch machen!“ Er kauft sich das Hochseeruderboot Mars, absolviert mehrere Kurse, die die Veranstalter der Challenge vorschreiben: Navigation, Wetterkunde, Erste Hilfe auf See. Er bittet Freunde, Bekannte und Firmen um Unterstützung und buttert eigenes Geld in das Projekt. So ein Rennruderboot, erzählt Stengele, kostet einen hohen fünfstelligen Betrag. Die Startgebühren für die Atlantic Challenge betragen für Solo-Ruderer rund 23 000 Euro. Stengele stellt ein Team zusammen, das ihn unterstützt.

Foto: Martin Tschepe

Nach jahrelanger Vorbereitung beginnt das Rennen am 11. Dezember 2024 vor La Gomera. Der Mann aus Stuttgart fühlt sich gut, er plant für die 5000 Kilometer über den Ozean rund 60 Tage ein, hat aber Proviant für 105 Tage an Bord: gefriergetrocknete, abgepackte Mahlzeiten sowie Müsli, Nüsse, Energieriegel und Hafer-Schoko-Kekse. Eine kleine, mit Solarstrom betriebene Meerwasserentsalzungsanlage vorsorgt ihn auf dem Ozean mit Trinkwasser.

Immer mehr Probleme

Zunächst läuft das Rudern ganz gut, doch Stengele ist nicht so schnell unterwegs wie erhofft. Später verliert das Boot in einem Sturm die Antenne für das Automatische Identifikationssystem (AIS), das vor entgegenkommenden Schiffen warnt. Es ist extrem gefährlich, ohne AIS zu fahren – „für mich und für andere“ – der Kapitän eines Frachters könnte den Ruderer übersehen. Bald kommen Probleme mit der Batterie an Bord der Mars hinzu. Stengele schaltet fast alle elektrischen Geräte ab, auch den Autopiloten. Er rudert und rudert trotzdem erst einmal weiter. „Ich habe zu wenig Wasser getrunken und konnte vermutlich deshalb irgendwann nicht mehr richtig schlucken.“ Dadurch wird Essen zum Problem.

Martin Stengele ist viel zu langsam unterwegs. Fährt er mit diesem Tempo weiter, würde er mindestens 120 Tage bis in die Karibik benötigen. Dann erreicht ihn die Aufforderung der Veranstalter: Abbruch!

Stengele ist gefrustet. „Ich wollte nicht mehr auf dem Wasser sein“, erzählt er ein Vierteljahr später in seiner Wohnung in Bad Cannstatt. Besonders die letzten zwei Tage in der beengten Schlafkabine der Mars und im Schlepptau der Segeljacht seien „nicht so angenehm gewesen“.

Stengele plant bereits das nächste Abenteuer

Schlussendlich erreicht der Sporttherapeut aus Stuttgart dann doch noch auf dem Seeweg die Karibik. Auf São Vicente lernt er ein Ehepaar aus der Schweiz kennen. Die beiden sind mit einer Motorjacht auf Reisen und nehmen Martin Stengele mit nach Grenada. Die Überfahrt dauert nur 13 Tage.

Das Kapitel Rudern sei für ihn abgehakt- „vorerst zumindest“, sagt Martin Stengele. Er hat aber bereits ein neues Projekt im Kopf: Stengele will den Bodensee nonstop umrunden, und zwar drei Mal: zu Fuß, auf dem Rad und mit dem Kajak.

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