Aberglaube in Brasilien Besser bis September warten

Von  

In Brasilien gilt der achte Monat des Jahres als Zeit des Unglücks. Als jüngster Beleg dafür dient der Flugzeugabsturz mit dem Präsidentschaftskandidaten Edurado Campos an Bord.

Auch der afro-brasilianische Can domblé-Kult warnt vor dem August. Foto: Demotix
Auch der afro-brasilianische Can domblé-Kult warnt vor dem August. Foto: Demotix

Rio de Janeiro - In Europa ist er meist schönster Sommermonat, aber in Brasilien bringt er nichts als Missgeschick – der August gilt als Monat des Unglücks. Vor allem auf dem Land ist der Aberglaube so verbreitet, dass die, die ihm anhängen, alles vermeiden, was schiefgehen kann: Geschäftsabschlüsse und Operationen, Reisen und Umzüge und natürlich auch Hochzeiten.

Ob geglaubt oder angezweifelt – jeder Brasilianer kennt den Reim „agosto, mês do desgosto“, der den achten Monat des Jahres als den des Missgeschicks brandmarkt. Als am 13. August der sozialistische Präsidentschaftskandidat Eduardo Campos bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, vergaß kaum eine Zeitung auf das Datum hinzuweisen – und auf den Umstand, dass zufällig – oder eben doch nicht so zufällig! – auf den Tag genau neun Jahre vorher Campos’ Großvater Miguel Arraes gestorben war, früher ein prominenter Gegner der Militärregierung.

„Fast jeder zivilisierte Mensch trägt Spuren primitiver Ängste in sich, aber in uns Brasilianern machen sie sich stärker bemerkbar, weil wir immer noch im Schatten des Dschungels leben“, schrieb der brasilianische Soziologe Gilberto Freyre vor achtzig Jahren. Heute allerdings leben die wenigsten Brasilianer noch im Schatten des Dschungels. Und im Übrigen: Auch wenn der Ursprung des August-Aberglaubens im Dunklen liegt, so haben ihn doch vermutlich die portugiesischen Kolonisatoren mitgebracht.

Deren junger König Sebastian fiel am 4. August 1578 in einer Schlacht gegen die Araber. Da seine Leiche nie gefunden wurde, entstand die Legende, er lebe noch und werde dermaleinst sein Heimatland erretten. Einer anderen Erklärung zufolge vermied die Seefahrernation Portugal damals Hochzeiten im August, denn im europäischen Sommer stachen die Schiffe in See, und wer wusste schon, ob die Seeleute je wieder zurück kommen.

Aberglaube auch in Argentinien und Bolivien

Allerdings ist der August auch in Spanisch-Amerika übel beleumdet. In Argentinien bringt es – oder brachte es, vor der Erfindung des Shampoos durch die Kosmetikindustrie – Unglück, sich im August die Haare zu waschen. Auch in Bolivien setzt man den August mit Übel und Missgeschick gleich und bringt deshalb der Pachamama, der Mutter Erde, besänftigende Blumen-, Bier- und Weihrauchopfer dar.

Selbst die afrikanischen Religionen, die in Brasilien nicht mehr allzu viele Anhänger haben, stellen Glück und Unglück in Zusammenhang mit dem gregorianischen Kalender und dessen achten Monat. August ist der Monat von Olaluaé, eine janusköpfige Gottheit des Candomblé-Kultes, den die Sklaven einst aus Westafrika mitbrachten – der Herr der Krankheit ebenso wie der Gebieter der Heilung. Da verschiebt man eine Operation lieber auf September, in die Zeit von Ibeji, einer Kinder-Gottheit, die für den Neuanfang, für Geburten, Quellen und Knospen steht.

Viele Weltereignisse im August

Schließlich bietet die Geschichte jede Menge Belege dafür, dass der August das Unglück anzieht. Der brasilianische Präsident Getúlio Vargas, der trotz seiner düsteren Diktatur bis heute als Vater der Armen Verehrung findet, jagte sich 1954 eine Kugel durch den Kopf, im August natürlich. Prinzessin Diana, Marilyn Monroe, Elvis Presley, Richard Burton – sie starben im August. Die Protestanten-Gemetzel der Bartholomäusnacht 1572, der Kriegsausbruch 1914, der Bau der Berliner Mauer 1961, der Sowjet-Einmarsch in die Tschechoslowakei sieben Jahre später – alles Ereignisse, die im August geschahen.

Es gibt zwar keinen Hinweis darauf, dass von September bis Juli pro Monat weniger Autos und Flugzeuge verunglücken, weniger Ehen scheitern, weniger Knochen brechen und weniger Geschäfte bankrott machen. Aber das schmälert die Kraft des Aberglaubens nicht. Wenn rationale Erklärungen nicht ausreichen, müssen eben andere Deutungen für Glück und Unglück her, die unverbunden neben dem System der Rationalität stehen. Wie viele Brasilianer glauben, dass der August das Unglück anzieht, ist unbekannt – so unbekannt etwa wie der Anteil derer, die in anderen Teilen der Welt niemals ein Hotelzimmer mit der Nummer 13 beziehen würden.