Jeder, der die Toilette besucht, beteiligt sich an seiner Produktion: Klärschlamm! Die wenigsten wird diese Form der menschlichen Hinterlassenschaften kümmern, doch die Entsorgung wird zunehmend schwierig. Beim Restmüllheizkraftwerk (RMHKW) im Kreis Böblingen soll deshalb eine Anlage gebaut werden, in der die Verdauungsreste von knapp 90 Kommunen aus der Region verbrannt werden. Und: Bei der bloßen Verbrennung soll es nicht bleiben. Aus der Schlacke soll klimafreundliche Fernwärme entstehen. Bei einer Infoveranstaltung sprach der Landrat Roland Bernhard (parteilos) vor rund 35 Interessierten von einer „riesigen Chance“ und einem Vorhaben von regionaler Bedeutung.
Warum ist eine solche Anlage notwendig?
Klärschlamm ist biologischer Abfall, der mit Fremdstoffen wie Mikroplastik, chemischen Substanzen, Schwermetallen und Arzneimittelresten versetzt ist. Daher darf dieser bald nicht mehr als Düngemittel im Boden entsorgt werden. Klärschlamm enthält aber auch Phosphor, ein gefragter Stoff, der zu den seltenen Erden zählt. Der Gesetzgeber hat ebenfalls verfügt, dass nach einer Übergangsfrist Phosphor aus dem Klärschlamm recycelt werden muss. Dies funktioniert nur, wenn der Schlamm vergast oder verbrannt wird.
Warum soll in Böblingen gebaut werden?
Bereits vor fünf Jahren fragten einige Kommunen im Landratsamt nach, ob der Kreis angesichts der bevorstehenden Gesetzesänderungen die Klärschlammverbrennung unter einem Dach organisieren könne. Ein Standort war mit dem RMHKW schnell gefunden. Dort gibt es noch Platz, und die Infrastruktur für eine solche Anlage besteht bereits. Zudem könnten wesentliche Synergien im Bereich der Energiegewinnung genutzt werden, betonte der Landrat. Damit sich der Bau eines Klärschlammverbrennungswerkes lohnt, schaute sich der Kreis nach Partnern um. Mittlerweile sind knapp 90 Kommunen aus der Region an Bord, darunter fast alle Gemeinden aus dem Landkreis, die sich im Zweckverband Klärschlammverwertung Böblingen (KBB) zusammengeschlossen haben. Bauen würde die Anlage der Zweckverband Restmüllheizkraftwerk Böblingen (RBB), der auch den Müllmeiler betreibt.
Wann soll die Anlage gebaut werden?
Der Baubeginn ist im Jahr 2025 geplant, die Inbetriebnahme im Jahr 2027. Pro Jahr sollen dann 120 000 Tonnen verbrannt werden.
Wie viel Geld wäre nötig?
Je nach Variante belaufen sich die Investitionen auf knapp 100 bis 125 Millionen Euro. Hinzu kommt der Bau einer notwendigen dritten Fernwärmeleitung.
Worin unterscheiden sich die Varianten?
Zur Auswahl stehen drei Ausführungen. Die Standardvariante würde in erster Linie dazu dienen, den Klärschlamm zu verbrennen. Der Effekt der Fernwärmegewinnung mit sieben Megawatt pro Stunde wäre gering. Die so genannte Klimavariante würde mit Dampfunterstützung aus dem Müllmeiler, einem Brennwertkessel und einer Wärmepumpe etwa doppelt so viel Fernwärme wie die Standardvariante liefern. Mit der Variante namens Klima plus würde Böblingen bundesweit Neuland betreten. Diese Anlage könnte 33 Megawatt Fernwärme liefern. Das entspricht dem Jahresbedarf von rund 20 000 Haushalten. Herausragend an dieser Variante: Zusätzlich würden 90 Prozent des entstehenden CO2 aus den Abgasen herausgewaschen . „Damit würden wir echte grüne Wärme produzieren“, erklärte Frank Schumacher, der Geschäftsführer des Restmüllheizkraftwerkes.
Hilft eine solche Anlage dem Klimaschutz?
Ja, sobald genügend Fernwärme erzeugt wird. Denn dadurch wird die Dampfenergie aus dem Müllmeiler, die benötigt wird, um den Schlamm zu trocknen und in Asche zu verwandeln, zum Heizen verwendet und ersetzt somit fossile Brennstoffe. Klimaneutralität wird jedoch erst erzielt, wenn die Verbrennung des Klärschlamms kein CO2 erzeugt. Dies wäre nur bei der Klimaschutz plus-Variante der Fall.
Wer profitiert von der Anlage?
Zunächst einmal die Müllgebührenzahler. „Wir bauen diese Anlage nicht, um Energie zu gewinnen, sondern weil wir den Klärschlamm entsorgen müssen“, betonte Frank Schumacher. Das Ziel sei, die Abfallgebühren für die Kreisbürger dabei so gering wie möglich zu halten. Mit der geplanten Anlage können Erlöse für Wärme und das Phosphat erzielt werden, die die Betriebs- und Entsorgungskosten mindern. Falls die CO2-freie Variante gebaut wird, sollen deren Mehrkosten nicht von den Gebührenzahlern aufgebracht werden. Der Bau werde nur möglich, wenn das Land Fördergelder bereitstelle, betonte der Landrat.
Müssen die Fernwärmebezieher künftig höhere Preise bezahlen?
Der Landrat versprach auch in Zukunft „faire Preise“ für die Fernwärmebezieher. „Die Bürger sollen nicht draufzahlen.“ Als kommunaler Betrieb wolle man keine Gewinne mit der Klärschlammverbrennung machen, versicherte Schumacher. „Wir reden bei den Fernwärmepreisen von Erhöhungen im Bereich des Inflationsausgleiches“, erläuterte er. Die Preise seien dann immer noch deutlich günstiger als die für Gas, Öl oder Biomasse. Den Endpreis bestimmen die Stadtwerke, von denen bei der Infoveranstaltung niemand anwesend war.
Bedeutet die Klärschlammverbrennung mehr Luftverschmutzung in Böblingen?
Mehr Verbrennung bedeutet mehr Abgase. Frank Schumacher verwies jedoch auf Filter und Katalysatoren, die den Rauch reinigen und Schadstoffe herauswaschen. „Das Rauchgas ist nicht schlechter als das beim Müllmeiler.“ Die Werte würden deutlich unter den gesetzlichen Vorgaben liegen.
Wie wird die Öffentlichkeit beteiligt?
Weitere Infoveranstaltungen sollen folgen. Roland Bernhard versprach, dass man die Bürger bei dem Projekt mitnehmen und alle Hintergründe darlegen wolle. „Wir werden nichts bauen, was die Menschen nicht haben wollen“, fügte Frank Schumacher hinzu.