Abgang vom FC Bayern Der Fall Niklas Süle – und viele offene Fragen

Von Sommer an nicht mehr für den FC Bayern am Ball: Niklas Süle. Foto: dpa/Sven Hoppe

Was die gescheiterten Verhandlungen mit Nationalspieler Niklas Süle über die Politik des FC Bayern München in der Pandemie aussagen.

Sport: Marco Seliger (sem)

Stuttgart/München - Die Fakten sprechen gegen den FC Bayern. Wer die jüngsten Entwicklungen mit dem ersten Blick betrachtet, der fragt sich dies: Wie kann das sein? Vielleicht sogar auch das: Sind die von allen guten Geistern verlassen an der Säbener Straße? Der nächste prominente Abwehrspieler Niklas Süle, das ist vor ein paar Tagen durchgesickert und dann bestätigt worden, verlässt die Bayern also im Sommer – ablösefrei! Vorher war das schon bei David Alaba, Jérôme Boateng und Javi Martinez so passiert. Vier Triple-Helden von 2020 gehen, und die Bayern kassieren dafür: genau keinen Cent. Ja sappradi und Herrschaftszeiten!

 

Man könnte den Verantwortlichen um Vorstandschef Oliver Kahn und Sportvorstand Hasan Salihamidzic in einem zweiten Reflex also nun fehlende Weitsicht, mangelhafte Planung oder auch fehlende Wertschätzung gegenüber den Alabas und Süles vorwerfen. Die Dinge aber liegen tiefer – und haben, wie zu hören ist, viel mit den Problemen der Pandemie zu tun.

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Ja, denn Corona macht auch dem Liga-Krösus zu schaffen, in München bedauern sie Umsatzeinbußen von knapp 150 Millionen Euro. Auch der FC Bayern muss sich, wie irgendwann bei Alaba und nun bei Süle, klar werden, wo er in diesen Zeiten die Grenze zieht bei den Gehaltsforderungen seiner Profis. Klar ist dabei: Diese Grenzen liegen niedriger als früher. Wenn die Spieler darüber hinaus wollen, dann ist die Zeit in München vorbei. So einfach ist das inzwischen beim größten deutschen Club, der früher auch mal ein Auge zugedrückt und ein paar Euros draufgepackt hätte, um einen deutschen Nationalspieler wie Süle zu halten.

Kahns Kälte

Jetzt sprach Kahn nach dem geplatzten Deal mit dem Abwehrmann fast ein bisschen so, als seien Sponsorenverhandlungen mit einem Rasenmäherhersteller für die siebte Reihe gescheitert. Man habe ein „sehr gutes Angebot gemacht. Aber wir müssen gewisse wirtschaftliche Grenzen einhalten“. Kälter geht es kaum.

Wer nun aber im Zuge des Süle-Abgangs im Sommer denkt, der FC Bayern nage plötzlich am Hungertuch und habe keine finanziellen Mittel mehr, um seine Top-Profis zu halten, der irrt. Nur die Prioritäten haben sich verschoben. Die Bayern werden weiter in ihr vorhandenes Spielerpersonal investieren. Der Fokus liegt dabei aber auf den Weltklassekräften, die obendrein teils Identifikationsfiguren sind.

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Auch die Verträge von Manuel Neuer, Thomas Müller und Robert Lewandowski etwa laufen bald aus, alle im Sommer 2023. Hier werden die Chefs großzügiger sein als in den Gesprächen mit Süle. Die Konzentration auf die Top-Kräfte, die in der Hierarchie an der Spitze stehen, zeigte sich auch bei den kürzlich erzielten Vertragsverlängerungen mit Joshua Kimmich und Leon Goretzka.

Wertschätzung in Euro

Unverzichtbare und hoch anerkannte Führungsspieler zu halten, das ist die Priorität: Hier drückt der FC Bayern seine Wertschätzung in den Verhandlungen aus. Die Währung dieser Wertschätzung ist wenig überraschend die Gehaltszahl in Euro – die bei Süle nun um einiges niedriger lag. Niedriger auch als bei Offensivkräften der Kategorie Serge Gnabry oder Kingsley Coman, die im Münchner Säulenmodell als potenzielle Spiele-Entscheider auch weiter oben stehen.

Bleibt die Frage, wer für Süle kommen soll. Die gute Nachricht aus Bayern-Sicht: Die möglichen neuen Defensivkräfte Antonio Rüdiger oder Andreas Christensen vom FC Chelsea sowie Denis Zakaria oder Matthias Ginter von Borussia Mönchengladbach weisen eine interessante Parallele zu Süle auf: Sie sind im Sommer ablösefrei.

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