Der Abgas-Skandal hat dazu geführt, dass VW erstmals seit langem einen Verlust in einem Quartal verbucht. Mit einer massiven Kurskorrektur soll der Autoriese gestärkt aus der Krise kommen.

Stuttgart - Matthias Müller stand bei der Präsentation der roten Quartalszahlen von VW mächtig unter Zeitdruck. Es war jedoch nicht ein überraschend anberaumtes Krisentreffen, das den Konzernchef dazu zwang, sich vorzeitig aus einer Telefonkonferenz mit Analysten und Journalisten auszuklinken, sondern der Reiseplan der Kanzlerin. Müller gehört zu der großen Wirtschaftsdelegation, die am Mittwoch mit Angela Merkel nach China geflogen ist.

 

„Ich darf den Flug definitiv nicht verpassen, aber ich habe es für zwingend erachtet, Ihnen meine Einschätzung der Lage und der Prioritäten, die wir uns gesetzt haben, persönlich mitzuteilen“, bat der Konzernchef um Verständnis für die Terminzwänge – was auch ein Schlaglicht auf die Herausforderungen wirft, die der 62-Jährige nach dem Wechsel von der Stuttgarter Luxusmarke zum Lenker des Wolfsburger Weltkonzerns bewältigen muss. Er müsste derzeit eigentlich überall gleichzeitig sein – auch in Amerika, wo der Abgas-Skandal aufgedeckt wurde und wo Verkehrsminister Dobrindt in dieser Woche versuchte, die Umweltbehörde EPA und das Justizministerium milde zu stimmen. Müller wäre auch auf der Motor Show in Tokio gefragt, wo stattdessen der Japan-Statthalter Sven Stein auf offener Bühne mit einem tiefen Kotau um Vergebung für VW bat.

„Wir müssen das Vertrauen der Aktionäre, Kunden, Händler, Politiker und generell der Öffentlichkeit zurückgewinnen – und das braucht Zeit“, beschrieb Müller die Herkulesaufgabe, die er nun gemeinsam mit seiner Mannschaft anpacken will. Sorgfalt gehe hier vor Schnelligkeit. „Wir werden nicht aus der Hüfte schießen“, sagte Müller, als er den Aktionsplan erläuterte, mit dem Volkswagen gestärkt aus dieser Krise hervorgehen soll.

Die Hilfe für die Kunden hat Vorrang

Oberste Priorität habe nun die Hilfe für die von den Software-Betrügereien betroffenen Kunden. Rund um die Uhr arbeite man an einer Lösung der technischen Probleme, sagte der Konzernchef und wies darauf hin, dass das Kraftfahrtbundesamt dem Rückrufplan für Deutschland zugestimmt habe. Dies soll nun als Muster für die anderen europäischen Ländern dienen.

Zweitens soll aufgeklärt werden, wie es zu den Betrügereien bei der Software zur Manipulation der Abgas-Emissionen kommen konnte, und wie verhindert werden soll, dass so etwas noch einmal passiert. Der VW-Chef nannte keine Details der laufenden Untersuchungen. Auch der neue Finanzvorstand Frank Witter wollte keine Angaben machen, wie groß der Kreis der Verdächtigen ist, und wie viele Manager deshalb bereits freigestellt worden sind.

Neben der Aufarbeitung der Krise will Müller eine umfassende Neuausrichtung des Konzerns in Angriff nehmen und damit auch mit Führungsprinzipien seines Vorgängers Martin Winterkorn brechen. Der Konzern soll dezentraler geführt werden, die Marken sollen mehr Spielraum erhalten. Der Konzernchef will sich nicht in die Details einzelner Modelle einmischen – was Winterkorn hinter den Kulissen ebenso angekreidet wurde wie dem früheren VW-Patriarchen Ferdinand Piëch. „Wir müssen die Verantwortung auf mehr Schultern verteilen“, sagte Müller.

Mehr Offenheit und Kommunikation

Zudem will er einen Kulturwandel hin zu mehr Offenheit und Zusammenarbeit einleiten, wobei sich der Spitzenmann bewusst ist, dass solch eine neue Denk- und Verhaltensweise nicht angeordnet werden kann. „Das muss erst mit der Zeit wachsen,“ räumte Müller ein. Im Laufe des nächsten Jahres will er mit seiner Mannschaft zudem Ziele des Konzern bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts erarbeiten. Er zeigte sich zuversichtlich, dass der Wolfsburger Konzern mit dieser massiven Kurskorrektur gestärkt aus der Krise hervorgehen werde. VW habe ein starkes Fundament, sagte Müller.

Im dritten Quartal dieses Jahres hat der Abgas-Skandal dazu geführt, dass der VW-Konzern erstmals seit langer Zeit einen Verlust in einem Zwischenbericht verbuchte. Das Ergebnis vor Steuern rutsche auf minus 2,5 Milliarden Euro ab, während der Umsatz um fünf Prozent auf rund 51,5 Milliarden Euro stieg.

Die roten Zahlen im dritten Quartal sind darauf zurückzuführen, dass das Unternehmen für Rückrufe vorsorglich 6,7 Milliarden Euro Rückstellungen gebildet hat. Welche Strafzahlungen zusätzlich etwa in Amerika auf das Unternehmen zukommen, lässt sich nach Angaben von Finanzvorstand Witter derzeit nicht abschätzen. Der Vertriebsmanager Alex Kalthoff sagte, dass es bei den Bestellungen konzernweit bisher keinen spürbaren Rückgang gebe. Auch das Verhältnis zwischen Diesel- und Benzinmotoren sei stabil.

Für das Gesamtjahr rechnet VW nun mit einem deutlichen Gewinnrückgang. Diese Verschlechterung schlägt erwartungsgemäß auch auf die Porsche Holding durch, weil es weniger zu verteilen gibt. Über diese Stuttgarter Dachgesellschaft hält der PS-Clan der Porsches und Piëchs eine Mehrheit in Höhe von derzeit 52,2 Prozent der Stammaktien von VW. Die Porsche Holding rechnet nach heutigem Stand nun in diesem Jahr mit einem Konzernergebnis zwischen 0,8 Milliarden und 1,8 Milliarden Euro. Bisher wurden 2,8 Milliarden bis 3,8 Milliarden Euro angepeilt.