Kurz nach der Kommunalwahl war bei der AfD in Schorndorf noch ein Quartett am Start. Doch seit mehr als einem Jahr macht sich Jennifer Sarah Czech (zweite von links) bei den Sitzungen rar. Foto: AfD-Homepage
Mehr als 4000 Wählerinnen und Wähler haben einer Betreuungsfachkraft ihr Vertrauen geschenkt. Doch auf ihr Amt hat sie offenbar keine Lust – und erscheint deshalb auch nicht mehr.
Keine Lust auf Lokapolitik: Eine AfD-Stadträtin aus Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) hat seit Monaten keine einzige Gemeinderatssitzung mehr besucht. Auch diverse Ausschuss-Termine schwänzte die in einem Altenheim arbeitende Betreuungsfachkraft konsequent. Bei mit dem Amt verbundenen Zusatzverpflichtungen, wie ihrem Sitz im Fachrat für Integration, der Jury für den Barbara-Künkelin-Preis oder dem Aufsichtsgremium der Stadtbau, ließ sich die säumige Kommunalpolitikerin erst recht nicht blicken.
Jetzt hat die Stadt entschieden, die abgetauchte Bürgervertreterin für ihr dauerhaft unentschuldigtes Fehlen mit einem Ordnungsgeld zur Rechenschaft zu ziehen – ein bisher beispielloser Schritt für die ums Ansehen des lokalpolitischen Engagements fürchtende Kommune. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Schorndorfs Oberbürgermeister Bernd Hornikel über die Affäre um die wie vom Erdboden verschluckte Stadträtin.
Fürs dauerhaft unentschuldigte Fehlen ist ein Ordnungsgeld im Gespräch
Den einen nachvollziehbaren Grund für die Nichtteilnahme an den Sitzungen hat der Rathauschef vergeblich zu erfragen versucht. Auf Kontaktversuche durch den OB reagiert die an lokaler Politik offenbar nicht weiter interessierte AfD-Frau ebenso wenig wie auf mehrfache Schreiben der für den Fachbereich Kommunales zuständigen Dörte Lange. Seit März 2025 herrscht Funkstille, noch nicht mal eine Antwort ist der Stadträtin die feierliche Verpflichtung aufs Gemeinwohl wert.
Im Mai 2024 war Jennifer Sarah Czech in den Schorndorfer Gemeinderat gewählt worden. Mehr als 4000 Bürgerinnen und Bürger hatten der Kandidatin vom rechten Rand ihr Vertrauen geschenkt. Wegen der großen Resonanz kürte die AfD die Pflegerin prompt zur stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden. Und: An den ersten Treffen nach der Kommunalwahl nahm die neue Stadträtin auch pflichtbewusst teil, immerhin neun Anwesenheiten sind im Sitzungskalender für die Bürgervertreterin registriert.
Doch die Begeisterung für die Mühen der politischen Arbeit bröckelte offenbar schnell bei der Frau, die sich auf Social Media für so illustre Themen wie Fingernagel-Design, Zahnschmuck und Makeup-Inspirationen interessiert. Die Sitzungsbesuche wurden spärlicher, die Fehlzeiten stiegen, seit März 2025 hat Jennifer Sarah Czech an keinem einzigen Rathaus-Termin mehr teilgenommen.
Die Stadt will die säumige Stadträtin für ihr dauerhaft unentschuldigtes Fernbleiben deshalb jetzt mit einem Ordnungsgeld in Höhe von 500 Euro belegen. Theoretisch wären nach Paragraf 34, Absatz 3 der Gemeindeordnung sogar bis zu 1000 Euro möglich, einen entsprechenden Beschluss muss allerdings der Schorndorfer Gemeinderat erst noch treffen. „So einen Rahmen schöpft man nicht gleich aus“, verrät Stadtsprecher Wolfgang Kuhnle.
Wer sich in ein kommunalpolitisches Amt wählen lässt, kann nicht nach Lust und Laune entscheiden, ob ihm eine Sitzung ins Zeitbudget passt oder nicht. Die Teilnahme ist verpflichtend, bei Absage eines Termins müssen Bürgervertreter einen wichtigen Hinderungsgrund geltend machen, beispielsweise eine Erkrankung. Ganz abgesehen von der moralischen Verpflichtung gegenüber den Wählerinnen und Wählern wird in der Gemeindeordnung von Baden-Württemberg eine aktive Mitarbeit gefordert.
Für die Betreuung der Tochter hätte Schorndorf sogar den Babysitter bezahlt
Noch nicht mal die kleine Tochter, die Jennifer Sarah Czech zu den ersten Sitzungen des Gremiums mitgebracht hatte, kann deshalb als Ausrede fürs Fernbleiben dienen. In Schorndorf wird kommunalpolitisch aktiven Eltern sogar ein Anspruch auf Kinderbetreuung gewährt, die Stadträtin hätte neben Sitzungsgeld also auch einen finanziellen Ausgleich für einen Babysitter bekommen. Einfach abzutauchen, aber das geht nicht. Eine Einschätzung des Stuttgarter Regierungspräsidiums zu der Affäre hat die Stadt angefordert, aber bisher nicht erhalten.
Auch für die Schorndorfer AfD ist die dauerhafte Schwänzerei kein Kavaliersdelikt. „Längerfristiges unentschuldigtes Fehlen sehen wir nicht nur als Schaden an unserer Fraktion, sondern am Gesamtgremium“, hat der Fraktionsvorsitzende Lars Haise kurz nach dem Jahreswechsel mitgeteilt. Bereits im Januar wurde Jennifer Sarah Czech mit sofortiger Wirkung aus der AfD-Fraktion ausgeschlossen. Seither wird die Stadträtin in Schorndorf als „fraktionslos“ geführt.
Für Lars Haise und seine zwei verbliebenen Kollegen ist die Affäre um die abgetauchte Bürgervertreterin allerdings mehr als nur ein Betriebsunfall im politischen Alltagsgeschäft. Auf die Kandidatenliste gesetzt wurde Jennifer Sarah Czech, weil sie als im Sozialbereich beschäftigte alleinerziehende Mutter neben einer weiblichen Note auch ein Stück Volksnähe ins Bewerberfeld bringen sollte. Jetzt muss ausgerechnet Multifunktionär Haise, als Bundestagsabgeordneter und AfD-Kreischef an Rems und Murr ohnehin omnipräsent, mit dem Spott leben, seinen lokalen Laden nicht im Griff zu haben.
Mehr noch: Durch den Rauswurf der nicht mehr auftauchenden Stadträtin hat die Fraktion in Schorndorf einen Sitz verloren. Solange sich Jennifer Sarah Czech nicht meldet, kann es auch keinen Nachrücker geben. Für ein offizielles Ausscheiden aus dem Amt braucht es aber handfeste Hinderungsgründe – und die Entscheidung des Gremiums, jemanden auch von seinen politischen Pflichten zu entbinden.