Eltern aus fünf Kommunen haben sich zusammengetan
Eltern aus fünf Kommunen haben daher eine Online-Petition für eine gymnasiale Oberstufe an einer der Gemeinschaftsschulen im Landkreis initiiert. Mehr als 1000 Menschen haben diese mittlerweile unterzeichnet – und einige hundert Kommentare zum Thema hinterlassen. Der Tenor: Eine Gemeinschaftsschule, die die Möglichkeit zum Abitur bietet, ist dringend erwünscht.
Jennifer Schwarz und Sonja Stegemeyer gehören zu jenen Eltern, welche die Petition gestartet haben. „Die Idee dazu ist bei einem Elternabend entstanden“, berichtet Jennifer Schwarz. Ihr Sohn besucht die fünfte Klasse der Friedensschule in Waiblingen-Neustadt. Die einstige Realschule wurde im Jahr 2014 zur Gemeinschaftsschule – auch deswegen, weil man Schülern die Möglichkeit geben wollte, alle Abschlüsse zu erlangen. Das ist bis heute nicht der Fall, was Sonja Stegemeyer bedauert. Ihr jüngerer Sohn besucht dort die neunte Klasse und wird nach seinem Abschluss an die Schickhardt-Gemeinschaftsschule Stuttgart, die seit Beginn des laufenden Schuljahrs eine gymnasiale Oberstufe hat, wechseln. Außer der Landkreis bietet bis dahin auch eine gymnasiale Oberstufe an.
Der Wechsel ans Gymnasium ist oft schwierig
Die Möglichkeit, an ein Gymnasium zu wechseln, gebe es natürlich, sagt Sonja Stegemeyer: „Ich habe aber bei mehreren ehemaligen Klassenkameraden meines älteren Sohns mitbekommen, dass diese sich schwergetan haben an den beruflichen Gymnasien.“ Der Knackpunkt sei überwiegend die Größe des Beruflichen Schulzentrums in Waiblingen gewesen: „Die Kinder werden in der Gemeinschaftsschule gut behütet, die Schule ist ein Lern- und Lebensort. Beim Wechsel wurden sie in ein Riesenbecken geworfen, und das hat nicht funktioniert.“ Natürlich müsse dieser Moment irgendwann kommen, räumt Stegemeyer ein, aber im Studium sei das früh genug.
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„Der Rems-Murr-Kreis muss sich schon überlegen, ob er sein Bildungsangebot komplettieren will“, sagt Jennifer Schwarz. Ihre Erfahrungen aus Gesprächen mit Eltern aus Korb, Leutenbach, Schwaikheim, Waiblingen und Weinstadt fasst sie so zusammen: „Jeder fände es toll, wenn es im Landkreis eine gymnasiale Oberstufe an einer Gemeinschaftsschule geben würde.“ Die Zahl der Kinder, die mit einer Gymnasialempfehlung auf Gemeinschaftsschulen gingen, steige, sagt Schwarz, deren Sohn selbst mit dieser Empfehlung an die Friedensschule kam.
Für gymnasiale Oberstufe braucht es „ein öffentliches Bedürfnis“
„Viele Eltern entscheiden sich sehr bewusst für die Gemeinschaftsschule und deren Konzept. Es ist nicht mehr so, dass die Gemeinschaftsschule als bessere Hauptschule gilt.“ Das habe auch mit G 8 zu tun – den Leistungsdruck wollten viele Eltern ihrem Nachwuchs ersparen. Tatsächlich waren die Gemeinschaftsschulen etwa zu Schuljahresbeginn 2020 im Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Schulamts Backnang die einzigen weiterführenden Schulen, die Zuwächse verzeichneten.
Die Einführung einer gymnasialen Oberstufe muss der jeweilige Schulträger, die Kommune, beantragen. Für eine Genehmigung ist laut dem Kultusministerium ein „öffentliches Bedürfnis“ vonnöten, die „langfristige Schülerzahlprognose für die Klassenstufe 11 muss eine Mindestschülerzahl von 60 erwarten lassen“. Diese Mindestzahl war in Bezug auf eine gymnasiale Oberstufe an der Waiblinger Friedensschule im Waiblinger Gemeinderat bereits in den Jahren 2018 und 2019 ein Thema. Damals hatte die Stadtverwaltung erklärt, diese Zahl könne man alleine nicht erreichen, potenzielle Schüler anderer Kommunen dürften aber nur eingerechnet werden, wenn eine Vereinbarung dazu existiere, was nicht der Fall sei.
„Aufgrund des dichten gymnasialen Angebots im Rems-Murr-Kreis ist nicht damit zu rechnen, dass solch eine Vereinbarung geschlossen werden kann“, lautete die Begründung dafür, dass kein Antrag gestellt wurde. Wobei ein Blick in andere Landkreise zeigt, dass die Zahl 60 keineswegs in Stein gemeißelt ist: Die Gemeinschaftsschule Esslingen Innenstadt ist beispielsweise im Herbst mit nur 34 Jugendlichen gestartet.
Zur aktuellen Petition teilt die Stadt Waiblingen als einer der von der Petition betroffenen Schulträger mit, es sei ihr wichtig, „die Bedürfnisse der Eltern und Schülerinnen und Schüler zu kennen, um das schulische Angebot bedarfsgerecht weiterzuentwickeln“. Die aktive Eltern- und Bürgerschaft schätze man sehr. „Auch vor diesem Hintergrund ist ein Stimmungsbild aus der Elternschaft für die Stadt interessant.“
Die Schülerzahl an den Gemeinschaftsschulen sei in den Jahren 2020 und 2021 nahezu auf dem Niveau von 2019 geblieben. „Ein Steigerungstrend zeichnet sich anhand der aktuellen Datenlage nicht ab.“ Bei der Weiterentwicklung der Schullandschaft sei es der Stadt sehr wichtig, nachhaltige Angebote zu schaffen, auf deren Tragfähigkeit und Qualität Verlass sei. Aufgrund der aktuellen Datenlage werde die Stadt Waiblingen nun erneut mit umliegenden Kommunen und dem Staatlichen Schulamt in Kontakt treten. „Dabei ist mit den Umlandkommunen darüber zu sprechen, ob Kooperationen zustande kommen können“, teilt die Verwaltung mit: „Im Zuge der Fortschreibung des Schulentwicklungsplans wird dann auch dem Gemeinderat Waiblingen die Situation zur Beratung dargestellt.“
Pionier-Gemeinde war vor zehn Jahren die Kommune Korb
Gemeinschaftsschulen
Die erste Schule dieser Art ist im Rems-Murr-Kreis 2012 in Korb gestartet – als eine von 41 Gemeinschaftsschulen im Land. Das Konzept sieht vor, dass alle Schüler miteinander und voneinander in gemischten Lerngruppen auf drei Niveaustufen lernen. Die Gemeinschaftsschulen führen zum Hauptschulabschluss, Realschulabschluss sowie zum Abitur. Inzwischen gibt es im Ländle mehr als 300 und im Landkreis 19 dieser Schulen.
Oberstufe
Laut dem Kultusministerium können gymnasiale Oberstufen an Gemeinschaftsschulen dort eingerichtet werden, „wo von einer langfristigen Nachfrage ausgegangen werden kann“. Seit Herbst haben die Schickhardt-Gemeinschaftsschule Stuttgart und die Schule Innenstadt Esslingen eine Oberstufe.