Die Vorbereitung
Das Schuljahr war für die Absolventen – wie für viele ihrer Mitschüler in den unteren Klassenstufen auch – zerfahren, Anpassungsfähigkeit und Flexibilität war gefragt. „Wir fühlen uns nicht gut auf die Prüfungen vorbereitet“, hatte Isabella Boll vor dem Auftakt im Fach Deutsch am Dienstag gesagt. Sie macht in diesem Jahr ihr Abitur am Ludwigsburger Friedrich-Schiller-Gymnasium. Die 18-Jährige schränkt aber auch ein, dass das vorherrschende Gefühl vor den Prüfungen mit dem jeweiligen Lehrer zusammenhänge. Darin unterscheidet sich der zweite Corona-Abiturjahrgang also nicht von den vorangegangenen.
Für Boll und ihre Mitschüler kam im vergangenen Frühjahr – neben den anfänglichen Problemen mit der Lernplattform Moodle und dem ständigen Wechsel zwischen Präsenz- und Fernunterricht – erschwerend hinzu, dass sie neue Lehrer bekamen. Schwangere und Lehrerinnen, die zur Risikogruppe gehörten, wurden durch weniger gefährdete Kollegen ersetzt. In einigen ihrer Kurse sei das auch ein „Cut beim Stoff“ gewesen, sagt Boll. Die neuen Lehrkräfte hätten oft nicht dort angeknüpft, wo die alten aufgehört hätten. Während andere Abiturjahrgänge die Wochen vor den Prüfungen nutzten, um Stoff zu wiederholen, „waren wir noch gar nicht durch damit“, sagt Boll.
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Till Baumgart sieht das ein bisschen anders. Der Abiturient am Ludwigsburger Goethe-Gymnasium meint: „Es kommt vor allem auf einen selber an.“ Den 18-Jährigen hat sein verändertes Lernumfeld „nicht so stark beeinträchtigt“. Von seinem letzten Schuljahr wird ihm vor allem in Erinnerung bleiben, dass er sehr viel Zeit daheim, und eher weniger in der Schule verbracht hat.
Mehr Zeit, mehr Aufgaben
Erklärtes Ziel des Kultusministeriums war es, „die Qualität aller Abschlüsse sowie faire und rechtssichere Prüfungsbedingungen zu gewährleisten“. Deshalb konnten Abiturienten wie schon im vergangenen Jahr frei wählen, ob sie die Prüfung am Haupt- oder am Nachtermin im Juni schreiben. Die Lehrer haben zudem eine größere Vorauswahl an Themen, sodass sichergestellt ist, dass auch nur die Themen abgeprüft werden, die ausführlich im Unterricht behandelt wurden. Dass sie eine halbe Stunde mehr Zeit für die Prüfung bekommen, hält Isabella Boll nur für gut gemeint. „Ich weiß nicht, wie mir das helfen soll, wenn ich irgendwo Lücken habe, die über das Jahr entstanden sind“, sagt die Schülerin aus Bietigheim. Immerhin: Die erste Prüfung im Fach Deutsch sei „gut machbar“ gewesen, so Boll.
Die Belastung
Isabella Boll hat erst „zwei oder drei Wochen“ vor der ersten Prüfung richtig angefangen zu lernen. So hätten es auch die meisten ihrer Mitschüler gemacht, sagt die 18-Jährige. „Die Motivation hat einfach gefehlt.“ Das habe auch mit dem vielen Onlineunterricht zu tun gehabt und den vielen Aufgaben. „Ich saß insgesamt viel länger an den Sachen für die Schule, als es mit normalem Unterricht der Fall gewesen wäre“, sagt Boll. Till Baumgart hat versucht, das Beste aus den wenigen Möglichkeiten zu machen. Wenn er sich mit Kumpels getroffen hat, „dann immer nur mit den gleichen“.
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In den zurückliegenden Wochen und Monaten fehlte den beiden Abiturienten die Abwechslung. Das Fußballspielen im Verein hatte Boll zwar schon vor der Pandemie aufgegeben, manchmal hat sie es sich zuletzt aber zurückgewünscht. Zumal sie ihre Schulfreunde ebenfalls kaum gesehen hat. Als sie für einige Tage in Quarantäne musste, sei sie „fast verzweifelt“. „Da bin ich eigentlich nur vom Bett an den Schreibtisch und wieder zurück ins Bett.“
Die vermeintliche Coronainfektion
Till Baumgart hat dieses Szenario in den vergangenen Monaten gleich zweimal erlebt. Zwei Schnelltests lieferten falsch positive Ergebnisse. Beim ersten Mal hatte sich der Abiturient gemeinsam mit Mitschülern testen lassen, weil sie endlich mal wieder Fußballspielen wollten, beim zweiten Mal war ein Schnelltest in der Schule positiv. Beides Mal brachte ein PCR-Test die Gewissheit: Doch keine Coronainfektion. „Das war trotzdem ein Scheißgefühl, weil es alle in der Stufe wussten“, sagt Baumgart. Er glaubt, dass deshalb auch einige seiner Mitschüler vor den ersten Prüfungen auf einen Abstrich verzichtet haben.
Das Drumherum
„Man weiß ja – eigentlich seit der fünften Klasse –, warum man aufs Gymnasium geht“, sagt Till Baumgart. Über die Jahre sei ihm das Ziel Abitur immer bewusster geworden. Dadurch, dass man wenig Zeit mit seinen Schulkameraden verbracht habe, sei auch kein „Spirit“ entstanden, sagt der Ludwigsburger. „Das hat schon gefehlt.“ Vieles, was eigentlich dazu gehört, bleibt Baumgart und seinen Mitschülern aber verwehrt. Kein Abiball, kein Abischerz, keine Abschlussfahrt – das ist die Realität des Abi-Jahrgangs 2021. Dass so kaum bleibende Erinnerungen entstehen, findet Isabella Boll sehr schade. Schon über das Jahr hinweg hat sie Ausflüge und Studienfahrten vermisst. Dass die Schulleitung eine „feierliche Übergabe der Zeugnisse“ angekündigt habe, sei auch nicht mehr als „ein Trostpreis“. „Aber eigentlich ist das in einer Pandemie das kleinste Problem“, sagt die Abiturientin. „Es kostet uns ja nicht das Leben, wenn wir keinen Abiball haben. Und wir müssen eben auch unseren Teil zum Infektionsschutz beitragen.“
Die Zeit danach
Dass sie als „Corona-Abitur“-Jahrgang abgestempelt werden, befürchten Till Baumgart und Isabella Boll nicht. Die Schülerin hat dazu eine klare Meinung: Der Abschluss in diesem Jahr sei mindestens genauso viel wert wie andere, wenn nicht sogar mehr. „Die Belastung war für uns viel höher, und wir mussten uns viel mehr selbst erarbeiten.“