Corona-Abitur in Stuttgart Wie sind die ersten schriftlichen Prüfungen gelaufen?

Von Julia Schenkenhofer 

Am Mittwoch fand in Baden-Württemberg für viele die erste schriftliche Abiturprüfung statt. Nachteile durch die Corona-Pandemie sehen die Schüler kaum. Was ihnen allerdings fehlt, ist das Feiern.

Das Deutsch-Abitur am Ferdinand-Porsche-Gymnasium lief aufgrund der Corona-Pandemie 2020 anders als üblich ab. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Das Deutsch-Abitur am Ferdinand-Porsche-Gymnasium lief aufgrund der Corona-Pandemie 2020 anders als üblich ab. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Kurz nach 14 Uhr ist es soweit: Nach und nach strömen am Mittwoch Schüler aus dem Ferdinand-Porsche-Gymnasium in Zuffenhausen. Sie haben gerade ihre erste schriftliche Abiturprüfung – die bereits geprüften Fächer Spanisch und Italienisch hat hier niemand belegt – im Fach Deutsch hinter sich gebracht. „Mega Text, den hat man mal verstanden“, „Hoffentlich habe ich nicht zu viel geschrieben“, oder „War gut!“ rufen sich die Abiturienten zu.

Dass sie gegenüber anderen Jahrgängen aufgrund der Schulschließungen wegen Corona im Nachteil seien, findet Rektor Ulrich Göser, der das Gymnasium mit 72 Abiturienten, von denen neun am Nachtermin schreiben werden, seit vier Wochen leitet, nicht: „Der Abschlussjahrgang ist ja schon im Februar mit dem Stoff durch, dann wird wiederholt. Dafür haben manche Lehrer extra Videokonferenzen mit den Prüflingen ermöglicht, beispielsweise für die mündliche Kommunikationsprüfung im Fach Englisch Mitte Mai.“ Dazu komme, dass die Schüler gut einen Monat länger Zeit zum Lernen gehabt hätten, da das Abitur verschoben wurde. Und auch der wegfallende Präsenzunterricht habe laut Göser manchen mehr Zeit zum Lernen beschert. Im Nachteil sieht er lediglich den Abschlussjahrgang 2021: „Die haben viel Zeit verloren und müssen jetzt viel Stoff aufholen.“

Auch die gutgelaunten Schüler selbst sehen in dem aus der Corona-Pandemie resultierenden Online-Unterricht kaum einen Nachteil: „Es ist die Frage, was für ein Lerntyp man ist. Manche lernen auswendig andere durch Verständnis. Ich gehöre zur zweiten Sorte und da ist Unterricht natürlich schon besser. Für die Auswendig-Lerner ist die zusätzliche Zeit aber sogar von Vorteil“, sagt der 18-jährige Mete Celik, der sich in der heutigen Prüfung dafür entschieden hat ein Essay zum Thema „Meine Handschrift, meine Visitenkarte“ zu verfassen. Dass die Aufgaben einfacher waren als sonst, findet er nicht. Das sagt auch Rektor Ulrich Göser: „Die Aufgaben standen ja schon lange vor der Pandemie und der Schulschließung fest, es ist ein sehr langer Prozess sie zu entwickeln, die kann man nicht in wenigen Monaten umwerfen.“

Es fehlt das Feiern nach den Prüfungen

Im Gegensatz zu den Aufgaben ist der Ablauf nach den Prüfungen aber in diesem Jahr tatsächlich nicht wie sonst. Denn die Korrektur findet nur innerhalb der eigenen Schule statt, ein externer Prüfer bewertet die Leistungen nicht. Ein Umstand, den viele Schüler begrüßen: „Das ist ja vielleicht sogar ein Vorteil für uns, weil der Lehrer unseren Schreibstil eventuell schon kennt und damit vertraut ist,“ mutmaßen die Schülerinnen Chiara und Vicki. Rektor Göser hingegen betont, dass die Prüfungen auch innerhalb der Schule nur anonymisiert weitergereicht würden: Weder der Name des Schülers noch der des Erstprüfers seien dem Zweitprüfer bekannt. Erst wenn die Noten-Differenz vier Punkte oder höher betrage, komme es zum Gespräch unter den Kollegen.

Auf den ersten Blick scheint es also tatsächlich wenig durch die Corona-Pandemie entstandene Nachteile für die Abiturienten zu geben. Dass am Ende aber doch eben nicht alles wie immer ist, fällt beim näheren Hinsehen auf. Denn wo andere Abiturjahrgänge sich nach den Prüfungen in die Arme fallen oder auf Abi-Ball, Abi-Fahrt und beim Abi-Streich gemeinsam das Ende der Schulzeit genießen, heißt es für die Abiturienten im Jahr 2020: Abstand halten.

„Das finde ich schon blöd, der Abi-Ball wäre mir nicht so wichtig, aber gemeinsam feiern wäre schon schön,“ sagt die 18-jährige Chiara, deren Freundinnen das Deutsch-Abi erst am Ausweichtermin schreiben werden und mit denen sie deshalb nicht mal heute kurz feiern kann. Und auch der 18-jährige Serhat hat sich das Ende seiner Schulzeit eigentlich anders vorgestellt: „Die ganze Schulzeit arbeitet man auf das Abi hin und kann den Abschluss dann nicht mal richtig feiern. Ich gehe jetzt deshalb heute einfach heim, ruhe mich kurz aus und lerne dann für die Prüfungen nächste Woche.“

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