Der Sommer naht, und somit traditionell die große Zeit der Diäten. Doch halt, eigentlich ist es doch gar nicht mehr nötig, sich einzuschränken, sich gar zu quälen, um ein paar Pfund für die Strandfigur zu verlieren. Ob schlank oder kurvig, muskulös oder schwabbelig, groß oder klein: Menschen sind verschieden – und das ist gut so. Zumindest suggeriert das seit einigen Jahren die vor allem in den sozialen Medien viel gepriesene Body-Positivity-Bewegung.
Sie gilt als eine Art Befreiungsschlag von gängigen Schönheitsidealen – alles ist möglich, alles ist okay. Dass sich keiner für sein Aussehen schämen muss, ist eine wunderbare Idee und sollte selbstverständlich sein. Die Realität sieht jedoch anders aus. Der derzeitige Hype um Abnehmspritzen wie Wegovy, Mounjaro und Co. deutet jedenfalls in die gegenläufige Richtung.
Schönheitswahn macht Druck
Laut einer Umfrage befürwortet die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland, die Vielfalt von Körperbildern abzubilden und wertzuschätzen. Trotzdem fühlen sich drei Viertel unter Druck, bestimmten Vorstellungen entsprechen zu müssen. Übergewicht gilt vielen offensichtlich weiterhin als Makel, als Versagen. Kein Wunder also, dass der Handel mit Abnehmspritzen boomt.
Die Mittel, ursprünglich für die Therapie von Typ-2-Diabetes gedacht, versprechen schnellen Gewichtsverlust – ohne sich einschränken oder gar quälen zu müssen. Ein kleiner Piks reicht, um schnell schlank zu werden. Alles bestens also? Nicht wirklich.
Die Mittel haben Nebenwirkungen, von Erbrechen über Nierenprobleme bis hin zu lebensgefährlichen Magenlähmungen. Man muss sie wohl lebenslang nehmen, um den Jojo-Effekt zu verhindern. Über Langzeitfolgen gibt es noch keine Erkenntnisse.
Schlemmen und saufen ohne Reue?
Zudem sind die Medikamente teuer, und in Deutschland zwar verschreibungspflichtig, aber nur in Ausnahmefällen eine Kassenleistung. Ungeachtet dessen ist die Nachfrage ungebrochen. Die Folge des Hypes: Lieferengpässe, auch in Deutschland, da die Hersteller mit der Produktion kaum nachkommen. Für Diabetiker bedeutet das zuweilen eine Zitterpartie, ob sie an die für sie so wichtigen Pens gelangen.
Nebenbei offenbart der Riesenrummel, wie heuchlerisch unsere Gesellschaft ist – in mehrerer Hinsicht. Die Pharmaindustrie tüftelt längst an Wirkstoffen, die Gewichtsreduktion weiter beschleunigen sollen. Schweizer Forscher haben unterdessen ein Gel vorgestellt, das Alkoholkonsum weniger schädlich machen soll. Ob schlemmen oder saufen: Über die Stränge schlagen ohne Reue ist in greifbare Nähe gerückt.
Einerseits scheint somit ein Traum wahr zu werden. Gleichzeitig kommuniziert kaum jemand offen, dass er mit den umstrittenen Abnehmspritzen nachgeholfen hat, von einigen Stars wie Talk-Königin Oprah Winfrey und Techmilliardär Elon Musk abgesehen.
Abnehmen ist ein komplexer Vorgang
Die Scham darüber, dass man den vermeintlich einfachen Weg geht, statt Ernährung und Bewegungsgewohnheiten umzustellen, scheint groß. In der Tat ist Abnehmen auf herkömmliche Art komplex, langwierig, anstrengend. Man muss umdenken, braucht Disziplin, Zeit sowie Geduld – auch mit sich selbst, falls sich der Erfolg nicht gleich oder auch gar nicht einstellt. Begleitend sind Therapien hilfreich, die langfristig im Alltag unterstützen. Und mehr Gesundheitsaufklärung, schon in Kitas und Schulen.
Vermutlich wird der Hype dennoch nicht abreißen: Die Medikamente könnten das Risiko für Herzinfarkte senken, gegen Unfruchtbarkeit wirken und sogar Suchtkrankheiten eindämmen, heißt es.
Sind Wegovy und Co. somit Wunder- oder gar Allheilmittel? Wohl eher nicht. Ein langfristig gesünderer Lebensstil ist und bleibt nun mal eine Herausforderung.