Abrechnung bei Hertha BSC Der Rachefeldzug des Jürgen Klinsmann

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15 Tage nach seinem Rücktritt als Trainer von Hertha BSC hat sich Jürgen Klinsmann noch einmal zu Wort gemeldet. In der „Sport-Bild“ erschien ein „Tagebuch“, das einem den Atem raubt – und den Ruf des früheren Bundestrainers vollends ruiniert.

Jürgen Klinsmann lebt in seiner eigenen Welt. Foto: dpa/Soeren Stache
Jürgen Klinsmann lebt in seiner eigenen Welt. Foto: dpa/Soeren Stache

Stuttgart - Diesmal wählte Jürgen Klinsmann nicht das Internet, um seinen Ruf zu ruinieren. Das hatte er bereits vor zwei Wochen getan, als der blonde Schwabe auf Facebook erst seinen sofortigen Rücktritt als Trainer von Hertha BSC verkündete und ihn anschließend, nachdem eine Lawine der Kritik über ihn hereingebrochen war, mit einer missratenen Videobotschaft zu erklären versuchte. Jetzt ist es das gute alte Medium Print, in dem der einstmals gefeierte Torjäger und Bundestrainer seine Sicht der Dinge kundtut – und damit den noch verbliebenen Rest an Anstand und Würde verliert.

„Geheimes Tagebuch enthüllt!“, so steht es am Mittwoch balkendick auf der Titelseite des Wochenmagazins „Sport-Bild“. Im Innern: rund 1500 Textzeilen, verteilt auf acht Hochglanzseiten, auf denen Klinsmann in nicht für möglich gehaltener Weise die Hertha und ihre Verantwortlichen attackiert. Selbst im dauerüberhitzten Fußballgeschäft hat es eine solch gnadenlose Generalabrechnung noch nicht gegeben.

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22 Din-A4-Seiten soll das Originaldokument mit dem Titel „Zusammenfassung: Zehn Wochen Hertha BSC“ tragen, das wie durch Geisterhand bei der „Sport-Bild“ gelandet ist. Dem Sportinformationsdienst versichert Klinsmanns Management auf Anfrage, man rätsele, wie das „Tagebuch“ an die Öffentlichkeit gelangen konnte. Wirklich? Der Springer-Verlag, der neben der „Bild“ auch die „Sport-Bild“ herausgibt und sich nun für einen neuen Scoop feiert, war nach dem bizarren Rücktritt Klinsmanns der so ziemlich letzte Verbündete des so tief gefallenen Ex-Stars.

Mit viel Liebe zum Detail zerlegt Klinsmann in seinem „Tagebuch“ den Hauptstadtclub, bei dem er im November als neuer Aufsichtsrat und Vertrauensperson von Investor Lars Windhorst angetreten war. Ungeschoren kommt bei dem Rundumschlag (fast) keiner davon. Der Kader: „Völlig falsch zusammengesetzt, zu viele ältere und satte Spieler, die keinerlei Power haben.“ Das Betriebsklima: „Verachtenswert dem Trainerstab gegenüber.“ Der Club: „Keine Leistungskultur, nur Besitzstandsdenken, es fehlt jegliches Charisma.“ Die medizinische Abteilung: „Ohne jegliche Dynamik, zerstritten, inkompetent, den Anforderungen des modernen Profifußballs nicht gewachsen.“ Die Presseabteilung: „Keine Ideen, keine Innovationen, alles nur Ausreden“, nie werde „der Trainerstab verteidigt“.

Und die Geschäftsleitung? „Muss sofort komplett ausgetauscht werden.“

Es ist vor allem Michael Preetz, der bei dieser beispiellosen Suade im Kreuzfeuer steht. Dem Hertha-Sportchef bescheinigt Klinsmann nicht nur „jahrelange katastrophale Versäumnisse in allen Bereichen, die mit Leistungssport zu tun haben“ – nein, damit nicht genug: Der Manager trage auch die Verantwortung für „eine Lügenkultur“ innerhalb des Vereins. Entgegen vorheriger Absprachen sei Klinsmann, der auf einen langfristigen Trainervertrag drängte, die geforderte Carte blanche, also die Vollmacht in allen sportlichen Bereichen, verweigert worden. Unerfüllt blieb somit auch des Trainers Wunsch, seinen Sohn Jonathan als Torhüter zur Hertha zurückzuholen.

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Auch bei mehrmaliger Lektüre des „Tagebuchs“ gelingt es nicht, auch nur ein einziges Wort der Selbstkritik zu entdecken. Im Gegenteil: „Der Club wäre ohne den Trainerwechsel Ende November direkt in die zweite Liga abgestiegen, weil er auf diese Situation gar nicht vorbereitet ist“, so ist zu lesen. „Unter diesen erschwerten Bedingungen“ sei die Mannschaft unter Klinsmanns Führung „in kürzester Zeit nach oben gebracht“ worden. Als „Topeinkäufe mit großem Mehrwertpotenzial“ hätten sich die für knapp 80 Millionen Euro verpflichteten Neuzugänge entpuppt, bei denen Klinsmann „die ersten Anrufe“ getätigt habe.

Um Contenance hatten sich Sportchef Preetz und Präsident Werner Gegenbauer auf der Pressekonferenz nach Klinsmanns Rücktritt bemüht, auf der Investor Windhorst („So benimmt man sich vielleicht als ­Jugendlicher, nicht aber als Erwachsener im Geschäfts­leben“) seinen Vertrauensmann fallen ließ. Damit ist es jetzt vorbei. Von „gleichermaßen widerlichen wie unverschämten Angriffen“ spricht Preetz und schließt rechtliche Schritte nicht aus. Zu einem Schreiben an alle Hertha-Mitglieder sah sich Vereinschef Gegenbauer genötigt: „Abgesehen davon, dass nahezu sämtliche Vorwürfe und Behauptungen nicht der Wahrheit entsprechen, ist uns auch im Interesse von Jürgen Klinsmann daran gelegen, diese Personalie zu einem würdigen Ende zu bringen.“ Ein frommer Wunsch.