Abriss in Kernen Auch der Kirchsaal weicht einem urbanem Dorf

Der Abrissbagger leistet ganze Arbeit und zerlegt die zuletzt leer stehenden Häuser der Diakonie Stetten. Foto: Gottfried Stoppel

1958 sind die Kirche und die Wohngebäude im einstigen Modellprojekt Hangweide entstanden. Jetzt zeugen nur noch Reste vom einstigen Refugium für Behinderte. Stattdessen wird neu gebaut – was auch bei der IBA 2027 gefallen soll.

Nach gut 60 Jahren ist es geschehen. Die quasi historischen Bauten für Menschen mit Behinderung im einstigen Modellprojekt der Diakonie Stetten auf der Hangweide bei Kernens Ortsteil Rommelshausen sind Geschichte. Auch der bereits vor fünf Jahren entweihte Kirchsaal, an dem viele emotionale Bindungen hingen. Ende Mai hat der Abriss des Behindertendorfes zwischen Rommelshausen und Stetten begonnen. Inzwischen sind von Kirchsaal, Wohngebäuden, Werkstätten und den Freizeiteinrichtungen nur noch Reste übrig. Bis Anfang des kommenden Jahres soll die Hangweide bis auf zwei Gebäude abgeräumt sein – und bereit für die Neugestaltung als „Urbanes Dorf“, wie das für die Internationale Bauausstellung (IBA) 2027 nominierte Zukunftsprojekt genannt wird.

 

Schlusspunkt mit einem Gottesdienst

Auf dem Areal des Anfang der 1960er-Jahre eingeweihten einstigen „Modellprojektes der Behindertenarbeit“ haben bis in die 1990er Jahre noch rund 320 Menschen mit geistigem und körperlichem Handicap gelebt. 2017 war endgültig Schluss im geschützten Refugium, das nicht mehr den Ansprüchen des Umgangs mit behinderten Menschen und vor allem nicht dem Ziel der Inklusion entsprach. Schlusspunkt: ein Gottesdienst am Ersten Advent 2017 in der nunmehr abgerissenen Hangweidenkirche.

„Im Haus waren eine Kirche sowie Wirtschaftsräume untergebracht. Der Kirchsaal befindet sich im Obergeschoss des Gebäudes. An der Südfassade des Saales sind farbige Glasbilder angebracht“, so steht es über das 1958 gebaute Gebäude Nummer elf auf der Internetseite „hangwei.de“, die auch mit Filmbeiträgen und Gesprächen mit Bewohnern und Mitarbeitern die Erinnerung an die Hangweide aufrecht erhalten will. „Der Saal verfügt über eine Tribüne sowie eine Empore, Nebenräume und Toiletten. Im Untergeschoss des Gebäudes ist die Heizzentrale, direkt nebenstehend der Kamin.“

Ebenfalls aus dem Jahr 1958 stammten die acht dreistöckigen Wohnhäuser gleichen Typs auf dem Gelände. Je Haus waren mehrere Wohngruppen untergebracht, bei zentralem Treppenhausbereich mit Zugang übers Erdgeschoss. 1972 wurde im Eingangsbereich der Hangweide der Neubau des mehrstöckigen Lutzhauses bezogen.

Wohnraum für 1300 Menschen

In seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause hat Kernens Gemeinderat den städtebaulichen Rahmenplan für das künftige Vorzeige-Wohnquartier „Hangweide“ beschlossen – einstimmig. Auf dem Gelände des ehemaligen Diakonie-Dorfes soll Wohnraum für rund 1300 Menschen entstehen. Die Projektpartner Kernen, Kreisbaugesellschaft Waiblingen und die LBBW Immobilien Kommunalentwicklung realisieren auf dem rund acht Hektar großen Gelände ein innovatives, urbanes Wohnquartier.

Wann werden die ersten Gebäude bezogen?

Die Quartiergestaltung der Hangweide ist eines von vier bislang gelisteten Projekten der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 im Rems-Murr-Kreis. Diesen Status haben bislang lediglich 16 Projekte in Stuttgart und der Region. Im Rems-Murr-Kreis gehören dazu neben der Hangweide das „Quartier Backnang West“, das „Produktive Stadtquartier Winnenden“ und „Agriculture meets Manufacturing“ in Fellbach. Zusätzlich gibt es bislang gut 70 weitere kleinere Vorhaben für die IBA 27. Im Rems-Murr-Kreis zum Beispiel das energieautarke Wohnprojekt „Smart Living Weinstadt“, die „Poetischen Räume“ sowie das „Hybridgebäude“ in Remshalden, die Neugestaltung des Bahnhofsumfeldes und „Neues Wohnen Korber Höhe“ in Waiblingen, ebenso das „Quartier der Generationen“ und „Neues Wohnen in der Vorstadt 27“ in Schorndorf.

Auf der Hangweide ist es das Ziel, zum IBA-Jahr 2027 zumindest die ersten bewohnten Teile des neuen urbanen Dorfes zwischen Stetten und Rommelhausen präsentieren zu können. Die Erschließungsarbeiten starten dort im Frühjahr 2023, anschließend geht es an den Hochbau.

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