Abriss von RAF-Bau Ein Hauch von Stammheim in Ludwigsburg

Die Museumsleiterin Susanne Opfermann muss die neuen Ausstellungsstücke nun erst einmal einordnen. Foto: Werner Kuhnle

Das für die RAF-Prozesse errichtete Gebäude der Haftanstalt in Stuttgart wird abgerissen. Das Strafvollzugsmuseum in Ludwigsburg hat daraus einige Exponate für die Nachwelt gesichert.

Für die Stuttgarter ist Stammheim vor allem ein Stadtteil. Die meisten Auswärtigen verbinden mit diesem Wort dagegen den Knast, in dem in den 1970er-Jahren die RAF-Führungsclique einsaß – und wo Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Co. in einem eigens errichteten Hochsicherheitstrakt der Prozess gemacht wurde. Eben jenes Gerichtsgebäude, in dem später auch gegen islamische Terroristen oder Rockerbanden verhandelt wurde, atmet also eine Menge Geschichte. Oder besser gesagte: atmete. Denn nun wird es abgerissen. Teile des Interieurs wandern aber nicht schnurstracks auf die Müllhalde, sondern werden für die Nachwelt gesichert und sollen unter anderem im Ludwigsburger Strafvollzugsmuseum ausgestellt werden.

 

Für dessen Leiterin Susanne Opfermann ist es „ein seltener Glücksfall“, dass die Sammlung jetzt um Exponate aus dem berühmten Mehrzweckgebäude ergänzt werden kann. Deshalb packte die Kunsthistorikern auch sofort die Gelegenheit beim Schopfe, als das Denkmalamt 2022 den Abriss des Komplexes absegnete. Sie schloss sich mit dem Amt kurz, das für die Verwaltung der landeseigenen Immobilien verantwortlich zeichnet und signalisierte Interesse an der Ausstattung. Es dauerte eine Weile, dann bekam Opfermann aber grünes Licht, durfte sich schließlich wie die Kollegen vom Haus der Geschichte in Bonn und dem Pendant dazu in Stuttgart in dem Trakt umschauen und kundtun, was sie gerne nach Ludwigsburg transportieren lassen würde.

Für jeden etwas dabei

Da die einzelnen Museen unterschiedliche Schwerpunkte haben, verlief der Auswahlprozess harmonisch. Und wo es Überschneidungspunkte gab, fand sich eine salomonische Lösung. Wie bei den fast schon ikonografischen gelben Stühlen, auf denen die Besucher die Prozesse verfolgten. „Da sind genug davon vorhanden, da kriegt jeder was davon“, sagt Opfermann. Ein Unikat dürfte derweil die alte Krankenliege mit Transportgestell sein, die bald schon das Strafvollzugsmuseum bereichern wird. Hundertprozentig verifizieren konnte Opfermann noch nicht, wer hierauf einst versorgt wurde. Aber die Fachfrau hat zumindest einen Verdacht: Es könnte sich um Irmgard Möller gehandelt haben, eine RAF-Kämpferin der ersten Stunde. Ein Fernseh-Journalist sei bei seinen Recherchen auf Bildmaterial gestoßen, das vermuten lasse, „dass Irmgard Möller auf dieser Liege abtransportiert sein worden könnte“. Besagte Möller hatte wie ihre Mitinsassen Baader, Ensslin und Jan-Carl Raspe im Oktober 1977 einen Selbstmordversuch in Stammheim unternommen, diesen aber im Gegensatz zu den anderen Führungskadern schwer verletzt überlebt.

Schnaps aus Kaffeedosen gewonnen

Im Bereich des Möglichen zudem, dass an dem grünen Tisch, der mittlerweile in der Schorndorfer Straße 38 in Ludwigsburg steht, vor Jahrzehnten ebenfalls einer der Vertreter der Roten Armee Fraktion Platz genommen hatte. Er stammt auch aus dem Stammheimer Mehrzweckgebäude, und zwar aus einer Zelle, in der die Angeklagten während der Verhandlungspausen Zeit totschlagen mussten mussten. Seitlich hat jemand mit schwarzem Stift „RAF“ hingekritzelt. Das Exponat würde somit vortrefflich zu den Objekten aus den Gefängniszellen der selbst ernannten Stadtguerillas passen, die bereits zum Bestand des Museums zählen. Zu den spektakulärsten Stücken gehört hier eine Schnapsdestille, die der Tüftler Jan-Carl Raspe aus zwei leeren Kaffeedosen und einem Schlauch zusammengefummelt hat.

Susanne Opfermann hebt allerdings auch hervor, dass beileibe nicht alle neuen Objekte aus Stammheim in Verbindung mit der RAF stehen. Das Mehrzweckgebäude sei schließlich bis 2019 in Betrieb gewesen, als die Terrororganisation längst aufgelöst war. Davon abgesehen widme sich das Museum insgesamt der Geschichte des Strafvollzugs und nicht nur einer bestimmten Epoche.

Münztelefon hängt, ist aber außer Betrieb

Neueren Datums ist dann beispielsweise die Überwachungskamera, die Opfermann aus dem Mehrzweckgebäude in Stammheim übernehmen konnte. Hingucker für Besucher dürften künftig ferner das Münztelefon aus dem Foyer sein, auf dem ein Zettel mit dem Hinweis „Außer Betrieb“ klebt, oder das Kurbeltelefon, das aus einem Besprechungsraum stammt. Weiter hat Opfermann für das Museum unter anderem Mikrofone und ein UV-Gerät sichern können, das bei der Einlasskontrolle zum Einsatz kam.

Als Bereicherung für das Strafvollzugsmuseum dürften sich auch die schweren Zellentüren aus dem alten Gerichtsgebäude erweisen. Die drei Kolosse sollen in Nischen eingelassen werden und damit den Besuchern den Eindruck vermitteln, sie befänden sich in einem Gefängnisflur.

Exponate müssen erst erfasst werden

Ungewiss ist nur, wann die Gäste all dies bei einem Rundgang durch die Ausstellungsfläche in Augenschein nehmen können. Opfermann betont, dass das Haus von einem Verein getragen werde, sie die einzige Angestellte sei, somit gut Ding Weile haben müsse. „Es geht jetzt darum, zu organisieren, wie, wann und in welchem zeitlichem Rahmen sich die Objekte einbringen lassen“, erklärt sie. Man könne nur Schritt für Schritt vorgehen, müsse die einzelnen Stücke auch erst inventarisieren, bestimmen und einordnen. Wobei sich die kleineren Exponate nach der Katalogisierung recht problemlos in die Vitrinen einsortieren ließen. Bei den schweren Türen sei man aber in Sachen Transport und Einbau auf Spezialfirmen angewiesen. Eine Sonderschau mit dem Stammheim-Interieur sei aber nicht geplant.

Die Geschichte der Maßregelung per Haft

Geöffnet
 Das Ludwigsburger Strafvollzugsmuseum befindet sich in der Schorndorfer Straße 38. Unter der Woche kann die Ausstellung auf gut Glück oder nach Voranmeldung besucht werden. Sonntags und in der Regel auch feiertags öffnen sich die Pforten zwischen 13 und 17 Uhr.

Exponate
 Das Museum widmet sich der Geschichte der Freiheitsentzugs, veranschaulicht aber auch, wie man sich gegenwärtig ein Leben hinter Gittern vorstellen kann. Zu den spektakulärsten Exponaten gehören zwei Guillotinen, aber auch Überbleibsel aus den Stammheimer Zellen der RAF-Häftlinge wie ein improvisierter Pizzaofen.

Mehrzweckgebäude Einige künftige Ausstellungsstücke stammen aus dem Mehrzweckgebäude in Stammheim, das bis 1975 für den großen RAF-Prozess erreichtet wurde und jetzt abgerissen wird.  

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