Abrisspläne für die Schleyerhalle Stuttgart braucht mehr als nur eine neue Halle

Der Rapper Kontra K. beim letzten Konzert in der Schleyer-Halle, bevor die Pandemie zuschlug. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Schleyerhalle ist mittlerweile zu alt. Es braucht dringend eine neue Halle, will die Stadt weiter attraktiv bleiben als Veranstaltungsort. Damit ist es aber nicht getan, meint unser Redakteur Frank Rothfuß.

Es wird Zeit. Höchste Zeit. Dass man sich nach der Diskussion über die Sanierung des Opernhauses endlich auch um populärere Sparten der Unterhaltung kümmert. Nichts gegen Klassik, Oper und Ballett, aber jahrelang hat die Politik alle Kräfte, Energie und sehr viel Geld für diese Spielarten der Kultur aufgewandt. Während die Hanns-Martin-Schleyer-Halle allmählich und nahezu unbemerkt verfiel. Da nützt auch all das Sanieren, Reparieren und Aufhübschen nichts mehr: Die 1983 gebaute Halle ist nicht mehr zeitgemäß. Sie ist technisch veraltet, sie ist zu klein und zu niedrig.

 

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Man muss natürlich keine moderne Halle für 20  000 Zuschauer bauen. Man muss sich die dafür geschätzten 250 Millionen Euro nicht leisten. Aber es muss klar sein: Wer auch künftig große Sportveranstaltungen und herausragende Musiker in Stuttgart sehen will, wird etwas unternehmen und eine neue Halle bauen müssen. Die Schleyerhalle genügt vielen Ansprüchen nicht mehr. Die Konkurrenz in Süddeutschland bietet mehr, in Mannheim etwa, demnächst in Frankfurt und München. Und wer dort auftritt, kommt eben nicht mehr nach Stuttgart. So fragt das Management von Stars wie Billie Eilish und Ed Sheeran schon gar nicht mehr nach den Konditionen, Stuttgart ist dort schon von vorneherein vom Tourplan gestrichen.

Was ist das Problem?

Das liegt zum einem an der Größe. Die Schleyerhalle ist 14 Meter hoch, mit Tricksen kommt man auf 16 Meter über der Bühne. Doch selbst das ist zu niedrig. Viele Künstler orientieren sich bei ihren Bühnenshows an neuen Hallen mit Oberrang, die mindestens 20 Meter hoch sind. Moderne Produktionen passen schlichtweg nicht mehr in die Schleyerhalle. Und dann ist da das liebe Geld. Die SAP-Arena in Mannheim etwa bietet 3500 Sitzplätze mehr, das sind bei 100 Euro je Ticket 350 000 Argumente, dort aufzutreten. Und nicht in Stuttgart.

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Auch die Sportverbände machen mit ihren Titelkämpfen mittlerweile einen Bogen um die Stadt. Die Turner waren da, haderten während ihrer WM 2019 aber mit dem Licht, es war ihnen zu dunkel. Für Basketballer, Handballer und Volleyballer sind Europa- oder Weltmeisterschaften in Stuttgart kein Thema mehr, da hat die Konkurrenz einfach mehr zu bieten.

Gab es Alternativen?

Die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart und das Sportamt streben deshalb einen Neubau an. Zunächst hatte man überlegt, die Schleyerhalle stehen zu lassen, weil sie für Rockmusik mit ihrem großen Innenraum immer noch gut funktioniert. Zumindest die örtlichen Veranstalter hätten sich dies gewünscht. Auf dem Papier liest sich das auch gut, ein Hallentrio mit Porsche-Arena mit 6000 Plätzen, Schleyerhalle mit 10 500 Sitzplätzen und die neue Halle mit 20 000 Sitzplätzen. Doch gibt es im Neckarpark keinen Platz mehr. Geprüft hat man den Parkplatz P9 an der Mercedesstraße, er ist zu klein für eine große Halle. Und den unteren Teil des Wasens. Doch das hätte bedeutet, dass kein Landwirtschaftliches Hauptfest mehr aufgebaut werden und das Volksfest nur in einer kleinen Version stattfinden könnte.

Ist es damit getan?

Deshalb sind wohl Abriss und Neubau von 2024 an die einzig machbare Lösung. Genaueres soll nun eine Studie ergründen, ehe 2022 der Gemeinderat eine Entscheidung fällen könnte. Doch damit ist es nicht getan. Es braucht auch Verständnis dafür, dass Kultur mehr ist als nur ihre hochsubventionierten Spielarten. Die Stadt muss sich klarmachen: Welche Veranstaltungsstätten für Pop und Rock brauchen wir? Wo gibt es Platz dafür? Wie kann man helfen? Was ist mit einer Philharmonie? Bauen wir die tatsächlich? Wird dort nur Klassik gespielt oder auch Pop? Was folgt daraus für die Liederhalle? Wo ja viel Zeit durch Proben der Orchester belegt ist. Die neue Großhalle ist bitter nötig, will Stuttgart als Veranstaltungsort attraktiv bleiben, aber es braucht mehr, nämlich ein Konzept. Dafür ist es höchste Zeit.

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