Absage des Fastenbrechens Konsequent und dialogbereit: Sindelfingen beweist Entscheidung mit Weitblick

, aktualisiert am 14.03.2026 - 11:16 Uhr
Eine Veranstaltung wie das Fastenbrechen auf dem Marktplatz kann zusammenführen. Foto: stefanie schlecht

Konsequent gegenüber Verfassungsgegnern und dialogbereit gegenüber Menschen – mit dieser Linie fährt die Stadt Sindelfingen einen ausgewogenen Weg, findet Redakteur Martin Dudenhöffer.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Mit dem Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan kamen in den vergangenen Jahren auf dem Sindelfinger Marktplatz Tausende von Menschen zusammen, um gemeinsam das Fastenbrechen zu begehen. Nach dem Verzicht von Stadtverwaltung, OB und Gemeinderat, am diesjährigen „Iftar“ teilzunehmen und einem offenbar unzureichenden Verkehrs- und Sicherheitskonzept der Veranstalter zogen am Dienstag auch die drei Veranstalter die Reißleine und sagten das Fest ganz ab.

 

Statt am Sonntagabend gemeinsam zu essen, zu trinken und sich gleich welcher sozialen oder religiösen Herkunft auszutauschen, wird diskutiert, distanziert und lamentiert. Während Stadt und Gemeinderat vor Tagen deutlich machten, wegen der Beobachtung zweier am Fest beteiligter Organisationen durch den Verfassungsschutz – namentlich der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş und dem Nationalen Verein Türkischer Arbeitnehmer – keine Vertreter zu schicken, beklagten die Veranstalter die Absage und bezeichneten diese als „vertane Chance“ und „Bruch des bisherigen vertrauensvollen Miteinanders“.

Auch beim Internationalen Straßenfest im Juni war der Nationale Verein Türkischer Arbeitnehmer mit einem Stand vertreten. Foto: Stefanie Schlecht

Teilnahme an migrantischen Festen ist eine Respektbekundung

Mit ihrer Entscheidung, dem Fastenbrechen dieses Mal nicht beizuwohnen, haben Stadtverwaltung und Gemeinderat sicher eine Kontroverse eröffnet. Interkulturelle Veranstaltungen haben ihren Wert und sie sind eine Anerkennung und Respektbekundung für hier lebende Menschen. In kaum einer anderen Stadt im Kreis Böblingen sind Integration, Wertschätzung und ein friedliches Miteinander von Menschen unterschiedlicher Nationen so normal wie in Sindelfingen – der Stadt, die auch durch „Multikulti“ groß und reich wurde.

Stadt und Stadträte haben bei ihrem Beschluss aber offenbar im Hinterkopf gehabt, dass öffentliche Auftritte mit Vertretern von Vereinen, die der Landesverfassungsschutz wegen teils extremistischer Ideologien beobachtet, nicht nur schlechte Publicity bringen, sondern auch die eigene Glaubwürdigkeit beschädigen können. Selbst dann, wenn betroffene Personen völlig unverdächtig sind, antidemokratischen Positionen nachzuhängen.

Kein Fähnchen im derzeit sehr rechten Wind sein

Ja, die Absage mag die Organisatoren und die vielen Ehrenamtlichen vor den Kopf gestoßen haben. Sie fußt aber auf der Überzeugung, bei öffentlichen Veranstaltungen Vorsicht walten zu lassen, mit wem genau man sich gemein macht. Dabei geht es den Verantwortlichen nicht um eine Ablehnung türkischer oder allgemein muslimischer Vereine – so wie es wenig überraschend zahlreiche Facebook-User im Stile der AfD kundgetan haben.

Im Fall des abgesagten Fastenbrechens geht es um eine konsequente Positionierung im Namen liberaldemokratischer Werte. Diese muss sich immer rechtsextremer, autoritärer und fundamentalistischer Ansichten entgegenstellen – in Deutschland, wie in der Türkei, wo große Teile der Gesellschaft seit vielen Jahren von der autoritär regierenden AKP und Präsident Recep Tayyip Erdoğan gewaltsam unterdrückt und entrechtet werden. Hier sind die veranstaltenden Vereine mit entsprechenden Bezügen gefordert.

Direkter Austausch kann einiges bewirken

Dass es auch Oberbürgermeister Kleemann genau um diesen Punkt geht, zeigt seine ausgestreckte Hand in Richtung der Organisatoren. Mit der Einladung zu einem konstruktiven Dialog am 15. April im Rathaus beweist der OB, dass man demokratisches Rückgrat mit interkultureller Sensibilität verbinden kann.

Abgesagte Dialoge sollten nie ein Dauerzustand sein, denn eines ist weithin bekannt: Dort, wo Menschen sich begegnen, entstehen gegenseitiges Verständnis und Verbundenheit. Dort werden Feindseligkeiten und Ressentiments abgebaut. Dazu könnte ein gemeinsames Fastenbrechen mitten in Sindelfingen im nächsten Jahr wieder beitragen.

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